Skandal um Kunigunde: Die Geschichte der Taufschale aus Vaals

Von: Sabine Rother
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Die barocke Taufschale aus vergoldetem Silber wird noch heute in der protestantischen Kirche in Vaals benutzt: Thomas Richter vom Institut für Katholische Theologie der RWTH Aachen kann dazu eine spannende Geschichte erzählen. Foto: Dagmar Meyer-Roeger
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Der Turm der protestantischen Kirche in Vaals stammt aus dem 13. Jahrhundert. Der Anbau entstand 1671. Foto: Dagmar Meyer-Roeger
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Protestantische Kirchgänger auf dem Weg nach Vaals werden verprügelt. Foto: Dagmar Meyer-Roeger

Region. Am 14. April 1762 ist die kleine Vaalser Kirche gut besucht. Alle schauen gerührt auf das winzige Baby, Mutter Sara Erffens, Vater Hendrick Mommers, ein Tuchscherer-Geselle, Paten und auf Johannes Pferdmenges, den reformierten Pfarrer aus Burtscheid.

Die glänzende Taufschale und ein Wasserkännchen stehen bereit, um Mathias Hendrick in die Gemeinde aufzunehmen, ein andächtiger Moment. Da drängt sich eine Frau durch die schmale hölzerne Doppeltür und sprengt die Zeremonie, versucht, das Kind an sich zu reißen: Die katholische Kunigunde aus Würselen, 22 Jahre alt, will den Sohn ihres Bruders um jeden Preis davor bewahren, ein Ketzer zu werden, dem die Höllenglut droht.

Eine filmreife Geschichte und zugleich historische Realität. Das beweisen 163 gerichtliche Dokumente, die auf 1500 Seiten von der Störung einer religiösen Handlung bis zum Landfriedensbruch eine Menge Vorwürfe enthalten. Die Schale – vermutlich das Original – wird eines der barocken Prachtexemplare sein, die vom 3. Juni bis 3. September im Rahmen der drei Ausstellungen zum Thema „Das Ringen um den rechten Glauben“ in Aachen auf das zurückblicken, was sich im Maas-Rhein Gebiet seit Luthers Anschlag der 95 Thesen an die Schlosskirche von Wittenberg verändert hat.

Im Centre Charlemagne werden Dokumente und kostbare Objekte unter dem Motto „Reformation und Konfessionalisierung zwischen Maas und Rhein“ ausgestellt, im Couven-Museum glänzen Gold und Silber aus Klöstern des Dreiländerecks und im Internationalen Zeitungsmuseum kann man anhand historischer Originalausgaben nachlesen, welche Resonanz die jeweiligen Reformationsjubiläen seit dem 19. Jahrhundert in der Presse hatten.

Der Aachener Raum ist im Spannungsfeld zwischen dem Achtzigjährigen Krieg, dem 30-jährigen Krieg und dem Jülich-Klevischen Erbfolgestreit angesiedelt. Zu Kunigundes Zeit dürfen Protestanten zwar in Aachen leben, aber keinen Gottesdienst feiern. Im niederländischen Vaals ist es jedoch für sie möglich, ihren Glauben zu leben. Noch heute sieht man vom Parkplatz in Vaals aus, den die Kirche mit ihrem alten Wehrturm aus dem 13. Jahrhundert überragt, am Ende der Akenerstraat das Häuschen der Zollstation.

Eine „Simultankirche“

Der protestantischen Kirche schloss sich einst im rechten Winkel ein zweites lang- gestrecktes Gebäude an: eine katholische Kirche. Man nutzte gemeinsam Portal und Eingangsbereich, Johann Wilhelm Bosten, katholischer Pfarrer von Vaals, und besagter Johannes Pferdmenges, reformierter Pfarrer aus Burtscheid, waren Kollegen in dieser „Simultankirche“. „Diese Art Kirchen gab es nur vereinzelt“, berichtet Thomas Richter (32), wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Katholische Theologie der RWTH Aachen. „Wir kennen Beispiele am Rhein und aus dem Rheingau.“

Wer von Aachen nach Vaals wanderte, musste mit Problemen rechnen – mit prügelnden katholischen Bauern, die den Reformierten den Weg so schwer wie möglich machen wollten. Sara und Hendrick Mommers waren, wie Richter erläutert, als gemischt konfessionelles Paar in jener Zeit keine Seltenheit. Die Aktion der Tante allerdings schon.

„Man beschreibt sie als nicht besonders klug und hat deshalb den katholischen Pfarrer Bosten verdächtigt, die ganze Sache geplant zu haben“, erzählt Richter. „Angeblich hat er in der katholischen Kirche mit dem Weihwasser gewartet, um das Kind rasch zu taufen, aber das glaube ich nicht.“

Die Aktion brachte Kunigunde und ihm eine Menge Schwierigkeiten – 10.000 Gulden Gerichtsschulden und fünf Jahre im Maastrichter Gefängnis. Dabei wurden die Behörden der Reichsregierung genau genommen erst aktiv, als sich der zweite Akt der Geschichte ereignet hatte: Kunigunde, die man in der Hinterstube einer Gastwirtschaft eingesperrt hatte, weil es in Vaals kein Gefängnis ab, wurde von katholischen Bauernburschen aus Aachen in der Nacht gewaltsam befreit.

„Sie waren so stolz auf die Tat, dass sie nach Kunigundes Heimkehr nochmals nach Vaals gingen und sich dort lautstark ihrer Heldentat rühmten, durch den Ort paradierten und Protestanten verhöhnten“, weiß Richter aus den Quellen. Das war Landfriedensbruch, das gab richtig Ärger.

Der Konflikt zwischen Aachen und den Niederlanden kochte hoch, Kunigunde wurde ausgeliefert, Pfarrer Bosten verhaftet. „Die geforderte Summe war keine Strafe, es waren die Gerichtskosten”, berichtet der Historiker. Spenden und ein massiver Aufruf des Bischofs von Lüttich bescherten Kunigunde und dem Pfarrer die Freiheit. Ist der Skandal ein Symptom seiner Zeit? „Wir haben die Tendenz, das 18. Jahrhundert als das Zeitalter der Aufklärung zu sehen, Toleranz, wohin man schaut”, sagt Richter. „Das spielte sich eher im Bereich der gebildeten Elite ab.“

Deren Weltbild stellt Richter ein anderes gegenüber: „Wenn ich ein schlichter Knecht auf dem Bauernhof bin, komme ich aus einem katholisch sozialisierten Elternhaus, hatte wenig Schulbildung. Für mich sind 1762 Protestanten noch Ketzer, Aufrührer, Unruhestifter.” Die Folge: religiöser Eifer bis hin zur Gewalt. Typisch für die Machthaber im Alten Reich: Theologische Konflikte wurden „verrechtlicht“, Ruhe und Ordnung standen im Vordergrund. In Vaals trafen sich neben den Katholiken Lutheraner und Reformierte und eine kleine Gruppe von Mennoniten.

War Kunigunde eine Fanatikerin jener Zeit? Gerichtsprotokolle und Zeugenaussagen ergeben kein klares Bild. „Mit Vorsicht kann man sagen, dass Kunigunde extrem naiv war und man sie vielleicht zur Aktion angestiftet hatte. Sie selbst hat wohl dem Pfarrer die Schuld gegeben, vermutlich aus Angst”, wirft Richter einen Blick in die Dokumente.

Kunigunde wurde damals aus den Niederlanden verbannt, kehrte zu ihrer Familie nach Würselen zurück und starb im Alter von nur 31 Jahren. Der kleine Täufling Mathias Hendrick empfing die katholische Taufe dann doch noch und ging mit seiner inzwischen verwitweten Mutter 1770 nach Utrecht. Die kostbare Schale glänzt noch heute bei der Taufe in Vaals – wenn sie nicht gerade ausgestellt wird.

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