Aachen - Skandal in Düren: Tierschützer Friedrich Mülln über die Arbeit der „Soko Tierschutz“

Skandal in Düren: Tierschützer Friedrich Mülln über die Arbeit der „Soko Tierschutz“

Von: Christoph Pauli
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Ein Leben für den Tierschutz: Soko-Gründer Friedrich Mülln. Foto: dpa

Aachen. Mit 13 Jahren hat sich Friedrich Mülln entschieden, vegan zu leben. Der Sohn eines Fleisch- und Großhändlers sagt bis heute, dass sei die „wichtigste Entscheidung seines Lebens“ gewesen. Der Tierschutz ist seine Mission geworden. Der 36-Jährige hat die „Soko Tierschutz“ gegründet, die gerade Missstände am Dürener Schlachthof Frenken aufgedeckt und angezeigt hat.

Unser Redakteur Christoph Pauli unterhielt sich mit dem Tierschützer, der etliche Skandalen bereits aufgedeckt hat, aber trotz vieler Verfahren und Klagen noch nie verurteilt wurde.

Die „Soko Tierschutz“ war das sechste Mal undercover in einem Schlachthof. Was unterscheidet den Betrieb in Düren von anderen?

Mülln: Es gibt kaum Unterschiede, das ist das traurige. Unsere Einblicke sind unterschiedlich, mal sind wir ein Jahr vor Ort, mal auch nur einen Tag. Wir registrieren aber immer wieder die gleichen Probleme: Die Betäubung funktioniert nicht. Nirgendwo. Mein Eindruck nach so vielen Jahren ist, dass deutsche Schlachthöfe eine rechtsfreie Zone sind.

Das Kreisveterinäramt Düren hat sich überrascht von den Vorwürfen gezeigt, es gab jahrelang keine Beanstandungen.

Mülln: Der zuständige Veterinäramt nimmt bei jeder Enthüllung diese Verteidigungshaltung ein. Die Behörde wird ja verantwortlich gemacht. Die „Soko Tierschutz“ plädiert seit langem dafür, den Landratsämtern die Kontrolle über die Schlacht- und Großbetriebe zu entziehen, weil sie seit Jahrzehnten in Deutschland nicht funktioniert. Wir beobachten eine Mischung aus Überforderung, sozialer Korrumpierung und Unfähigkeit, deswegen fordern wir eine nicht regional verankerte Behörde mit hohen Befugnissen, eine Art LKA für den Tierschutz.

Sind die Mitarbeiter aus Ihrer Sicht nicht nur Täter, sondern auch Opfer in dieser Fleischindustrie?

Mülln: Sie sind auch Opfer, deswegen erstattet „Soko Tierschutz“ auch nie Anzeige gegen Kopfschlächter oder erkennbar überforderte Mitarbeiter. Sie haben die Anweisung, so schnell wie möglich zu handeln. Sie sind nicht gut ausgebildet und werden gnadenlos ausgebeutet. In Düren hätte unser Mitarbeiter nicht einmal auf Toilette gehen dürfen, weil dann das Schlachtband angehalten hätte werden müssen. Er hätte sich den Zorn seiner Kollegen zugezogen.

Arbeiten diese Mitarbeiter im Akkord?

Mülln: Ja, deswegen herrscht ein gewaltiger Fließbandstress. Wenn man nur einmal blinzelt, sind schon etliche Tiere vorbei. Das Problem haben auch die Veterinäre zum Beispiel bei Geflügeltötungen. Das Tempo ist so hoch, dass sie schnell etwas verpassen.

Als erste Konsequenz wurde dem Subunternehmer des Schlachthofes in Düren gekündigt.

Mülln: Der Reflex ist immer gleich. Man befreit sich von einem Subunternehmer, um einen anderen zu holen. In Düren gab es über 100 sogenannte Kolonnenarbeiter, die austauschbar sind, was gerade auch passiert. So ist die Fleischbranche aufgebaut. Man kann nicht davon ausgehen, dass nun ein professioneller Trupp die Arbeit übernimmt. Es ist äußerst problematisch, dass Leute wie Bernhard Frenken in Düren einen Schlachthof führen und von den Zuständen nichts gewusst haben wollen. Das ist verlogen.

Warum waren zeitversetzt zwei „Soko“-Leute vor Ort?

Mülln: Wir stellen die Recherche noch einmal auf den Prüfstand, damit niemand behaupten kann, dass wir nur zu einem schlechten Zeitpunkt gefilmt haben.

Geben Sie nur das Rohmaterial an die ARD weiter, oder haben Sie Einfluss auf den TV-Beitrag?

Mülln: Prinzipiell geben wir das Rohmaterial an die Staatsanwaltschaft, die Veterinärämter und in diesem Fall die ARD. Leider haben wir keinen Einfluss auf die verwendeten Bilder. In dem TV-Beitrag über den Dürener Schlachthof sind nicht so aussagestarke Bilder verwendet worden, weil man wohl Angst um die Quote hatte. Leider. Die Menschen haben aber das Recht, diese Bilder zu sehen oder zu ertragen. Wir setzen auf Information, nicht Konfrontation. Wir wollen die Verbraucher nicht bevormunden, sondern Wissen vermitteln. Wer zu McDonald‘s geht, soll wissen, wo sein Burger herkommt.

Lassen Sie die Aufnahmen von unabhängigen Einrichtungen bewerten?

Mülln: Wir arbeiten mit mehreren unabhängigen Experten zum Beispiel von der veterinärmedizinischen Universität Wien zusammen, die unser Material sichten. Die Bilder aus Düren haben Journalisten zudem noch von Fachleuten prüfen lassen.

Der Schlachthof in Düren ist bio-lizensiert. Gibt es also einen besseren Umgang mit Tieren in ihren letzten Stunden?

Mülln: Bio-Tiere werden nicht zu Tode gestreichelt. Sie landen vielmehr zu 99 Prozent in normalen Schlachthöfen mit dieser Zertifizierung. Die Schlachtung unterscheidet sich dadurch, dass keine elektrischen Viehtreiber eingesetzt werden dürfen und dass es schneller zum Entblutungsschnitt kommen muss. Mehr nicht. Nach unseren Recherchen wird das auch in vielen Bio-Schlachthöfen nicht eingehalten.

Kann ich meinem Metzger im Dorf trauen?

Mülln: Der Metzger gilt als Synonym für das letzte Vertrauen zum Fleisch. Wenn man ernsthaft die Herkunft hinterfragt, stellt man fest, dass er meistens auch nur beim Großschlachter einkauft. So gut wie kein Metzger schlachtet noch zu Hause. Der Skandal vor Düren spielte in Fürstenfeldbruck auf einem Schlachthof, den Metzgermeister, Hoffladenbesitzer und Bio-Landwirte gegründet hatten, um alles besser zu machen. Bis wir in Düren gefilmt haben, war das der schlimmste Betrieb, den wir je unter die Lupe genommen haben. Er wurde sofort geschlossen.

Wie ertragen Sie diese Bilder?

Mülln: Wenn man seit 25 Jahren in der Realität und am Bildschirm solche Szenen erleben muss, ist man abgehärtet. Aber gerade die Schlachthof-Recherchen richten auch bei mir einen gewaltigen Schaden an. Diese Intensität und diese Ballung der Vergehen erschlägt mich immer noch. Was mir hilft, ist, dass ich seit Jahrzehnten vegan lebe und meinen eigenen Burgfrieden mit den Tieren geschlossen habe. Und unsere Arbeit ist wichtig. Wir sind klein, effizient und schnell. Vor uns können sich Tierquäler nicht verstecken.

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