Sir Paul McCartney bittet zum Regentanz beim Pinkpop-Festival

Von: Alexander Barth
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Zwei Stunden gab der 73-jährige Ex-Beatle vor allem Beatles-Hits zum Besten. Foto: dpa

Landgraaf. Mit dem Sir kamen der Regen und die zigtausendfache Verhüllung: Ein kräftiger Schauer als himmlischer Beistand zum Auftritt von Paul McCartney hat viele der 70.000 Besucher zum Abschluss des 47. Pinkpop-Festivals auf dem Megaland-Gelände in Landgraaf die wetterfeste Kleidung hervorholen lassen.

Von Fluchtbewegungen dagegen kaum eine Spur, im Gegenteil: Um eine der größten lebenden Musikerlegenden zu erleben, nahmen viele (schlechter ausgestattete) einen echten limburgischen Schnupfen in Kauf.

Das Gastspiel des eloquenten Ex-Beatle war der erwartete Höhepunkt beim weltweit ältesten kontinuierlich ausgetragenen Musikfestival. An den beiden Abenden zuvor hatten zunächst die Red Hot Chili Peppers und dann Rammstein als Headliner vorgelegt. McCartney fügte dem kleinen Ensemble der Giganten eine persönliche Note in Sachen Publikumsnähe hinzu. Dabei hatte allein sein Name schon dafür gesorgt, dass die Tickets für den Pinkpop-Sonntag schnell vergriffen waren.

Überhaupt ist die Resonanz der Musikfans die eindeutigste Bestätigung des Konzepts von Pinkpop-Macher Jan Smeets: Drei große Namen an drei Abenden als Lockvögel und Anreiz zum Kartenkauf, der Rest ergibt sich. Noch von der Bühne herab bedankte sich der 71-Jährige am Sonntagabend in seiner traditionellen Schlussansage für ein „gewaltiges Pinkpop 2016“ mit einem ausverkauften Gelände am Sonntag und jeweils mehr als 60.000 Besucher an den beiden Tagen zuvor.

Ritt durch fünf Jahrzehnte

Für einen nostalgisch-beseelten Ritte durch fünf Jahrzehnte Popgeschichte dürfte sich heutzutage kaum jemand besser eignen als der Mann, der die Musikhistorie dieser Zeit entscheidend mitgeprägt hat. „Wenn McCartney kommt, weint der Himmel Freudentränen“, lautete die rührselig-augenzwinkernd vorgetragene Erklärung eines Fans im gesetzten Alter, während der Ex-Beatle und seine exzellente Band mit dem Stampfer „A Hard Days Night“ ihr Set eröffneten.

Lange war es trocken geblieben bei der 47. Ausgabe des Pinkpop-Festivals, und auch der späte Regenguss sorgte keineswegs für schlechte Laune – ebenso wenig wie der kurze Wolkenbruch am Sonntagnachmittag. Während seiner zwei Bühnenstunden gab der 73-Jährige dann vor allem Hits seiner prägenden Ex-Band zum besten – inklusive kurzer Huldigungen der verstorbenen Ex-Kollegen John Lennon und George Harrison.

Seine durchnässten Anhänger honorierten den Auftritt mit freudigen Regentänzen und dem höchsten Mitsing-Faktor des Wochenendes, bejubelten Erwärmendes aus McCartneys Wings-Ära oder klatschten freundlich zum pathetisch-eingängigen Song „My Valentine“ vom 2012-er Solo-Album.

Mit einer krachigen Version des Bond-Songs „Live And Let Die“ lieferten McCartney und Co. noch vor dem Zugabenteil schließlich gar den vorgezogene Abschlussfeuerwerk. Insgesamt 33 Songs gab das lebende musikalische Superlativ aus Liverpool zum Besten, inklusive einer scheinbar ungeplanten Kurzinterpretation seiner mit Lennon verfassten Friedenshymne „Give Peace A Chance“.

Unaufgeregt, agil und mit sparsamen aber großen Gesten präsentierte sich McCartney meilenweit entfernt von Altrocker-Dogmen. Dabei spielte er wahlweise seinen markanten Höfner-Bass, E- oder Akustikgitarre und sorgte mit persönlichem Piano-Einsatz bei Nummern wie „Let it be“ oder „Maybe I´m amazed“ für wohlige Gänsehaut. Zurückhaltende Spielfreude und Publikumsinteraktion prägten den Auftritt, der mit „The End“ vom Beatles-Album „Abbey Road“ zu Ende ging und gleichzeitig die 47. Pinkpop-Ausgabe beschloss.

Lebendige Benelux-Szene

Zuvor hatten am Sonntag unter anderem die 90er-Jahre-Alternative-Rock-Abräumer Skunk Anansie, das brachialgewaltige britische Hardcore-Quintett Bring Me The Horizon und die belgische Indie-Rockband Balthazar gefeierte Auftritte hingelegt. Besonders letztere standen exemplarisch für die lebendige Benelux-Szene, die etliche Vertreter entsandt hatte. Skunk-Anansie-Sängerin Skin widmete einen Song den Opfern des Amoklaufs in Orlando am Wochenende.

Wer am Schlusstag den „erdigen“ Sound suchte, wurde vor allem bei der schwedischen 70s-Rock-Formation Graveyard fündig. Deren Konzert auf der kleinen „Stage 4“ blieb allerdings eher eine Randnotiz, während Auftritte von Elektro-DJs oder Pop-affinen Künstlern über das ganze Wochenende hinweg viel Aufmerksamkeit erregten.

Für Jan Smeets ist die 47. Pinkpop-Ausgabe auch ein persönlicher Erfolg. Lange habe Paul McCartney auf seiner Wunschliste gestanden, hatte der 71-Jährige wenige Wochen vor dem Festival erklärt. Um den Coup perfekt machen zu können, hatte er sogar eine kleine Kröte schlucken müssen – die sich im Nachhinein allerdings als durchaus gelungene Notlösung herausstellte.

Schmusesoul-Star Lionel Richie, dessen Auftritt per Agentur-Vertrag an das McCartney-Gastspiel gekoppelt war, hatte auf dem Papier sicher den schwersten Stand der Künstlerschar – und meisterte seine Aufgabe am Sonntag mehr als ordentlich. Mancher seiner in die Jahre gekommenen Hymnen hauchte der 66-Jährige dank in Rockformation angetretener Begleitband frisches Leben ein.

Einigermaßen überraschend: Das unvermeidliche „Hello“ wurde generationenübergreifend und geschmacksunabhängig mitgeschmachtet. Auch diesseits der Bühnen scheint die Zeit des Abbaus von strengen Genregrenzen gekommen.

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