Aachen - Sind die Tage des Europastudienganges MES gezählt?

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Sind die Tage des Europastudienganges MES gezählt?

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rofessor Winfried Böttcher: Der Initiator und Gründer des RWTH-Europastudiengangs betrachtet dessen Zukunft mit Sorge. Foto: Schmitter

Aachen. Verlorengegangene Klausuren, annullierte Noten, entsetzte Studenten und allgemeines Schweigen über diese unerhörten Vorfälle: Der von Armin Laschets Noten-Affäre gebeutelte Europastudiengang MES an der RWTH Aachen ruft immer mehr Kritiker auf den Plan.

Auf Anfrage unserer Zeitung hat sich jetzt der Initiator und Gründer des Studiengangs, Professor Winfried Böttcher, geäußert. Bis 2005 leitete er das Institut für Politische Wissenschaft an der RWTH und betreut noch heute für das Institut das von ihm gegründete Europainstitut an der TH Kaliningrad.

Mit Sorge sieht Böttcher nicht nur die momentane Situation des Studiengangs sondern auch dessen weitere Entwicklung. Im Gespräch mit unserer Redakteurin Angela Delonge sagt Böttcher: „Wenn das Rektorat diesem Studiengang nicht den Rücken stärkt, fürchte ich, dass dessen Tage gezählt sind.“

Herr Professor Böttcher, was ist da los im Studiengang MES?

Böttcher: Mir ist diese ungute Entwicklung im Studiengang seit zehn Jahren klar. Dass es zu solchen Vorfällen gekommen ist, liegt vor allem an den handelnden Personen. Da wird zum Teil nach Gutsherrenart gearbeitet, Studenten werden abgekanzelt, Lehrende stillschweigend aus dem Vorlesungsverzeichnis entfernt, Kritiker zum Schweigen gebracht.

Sie haben diesen Studiengang 1989 an der RWTH neu eingerichtet und waren damit deutschlandweit ein Vorreiter. Was empfinden Sie angesichts der aktuellen Situation?

Böttcher: Es tut mir in der Seele weh, dass dieser tolle Studiengang so heruntergekommen ist, und ich fürchte, dass MES zunehmend an Qualität verliert, wenn die Dinge dort so weiter laufen.

Welchen Stellenwert hat der Studiengang Ihrer Meinung nach innerhalb der Philosophischen Fakultät?

Böttcher: Schwer zu sagen. Der Studiengang ist jedenfalls seit seinem Bestehen mehrmals hin- und hergeschoben worden. Zuerst wurde er vom Institut für Politische Wissenschaften koordiniert, wo er meiner Meinung nach auch hingehört. Dann ging er ans Institut für Soziologie, und jetzt wird er seit einigen Jahren vom Historischen Institut koordiniert. Es war nicht transparent, warum das Historische Institut diesen Studiengang überhaupt koordiniert.

Vielleicht passt der Studiengang mit seiner inhaltlichen Ausrichtung und seiner Modulstruktur einfach nicht mehr in die heutige nach Bologna-Kriterien genormte Hochschulwelt?

Böttcher: Das würde ich nicht sagen. Ich halte das Modulsystem für das beste aller Systeme und diesen Studiengang gerade deswegen für außerordentlich Bolognatauglich. Ich habe den Europa-Studiengang eins zu eins auf mein Institut in Kaliningrad übertragen, und dort funktioniert er hervorragend.

Die Struktur ist also nicht das Pro­blem?

Böttcher: Nein. Das Problem liegt meiner Meinung nach eher an der Diversifizierung der Inhalte. Mein Lernziel bei der Einrichtung dieses Studiengangs war es, Europa zu verstehen. Es sollten keine Spezialisten sondern Generalisten ausgebildet werden, die sich in jedes europäische Thema einarbeiten können. Deshalb wurden die Kernfächer Politik, Recht, Wirtschaft und später auch Geschichte en block unterrichtet. Von dieser Modulsystematik wurde dann mehr und mehr abgerückt.

Warum?

Böttcher: Weil es nicht genug Dozenten gab, um diese Struktur beizubehalten. Das Lehrangebot im Studiengang war irgendwann so geschrumpft, dass die Studenten immer häufiger Seminare in anderen Studiengängen belegen mussten, um an ihre Punkte zu kommen.

Das Curriculum wurde also an den freien Kapazitäten der Fakultät ausgerichtet?

Böttcher: Ja, genau das ist der Punkt. Für meine Begriffe wurde hiermit eine Todsünde begangen, seit der Studiengang ans Historische Institut angesiedelt wurde.

Das hat bestimmt zu viel Unmut innerhalb der Fakultät geführt.

Böttcher: Das kann man wohl sagen. Eigentlich gab es von Anfang Krach in der Fakultät über diesen Studiengang. Es hieß, er würde die Kapazitäten von den Ursprungsfächern wegziehen. Was er bei entsprechender Koordination zuletzt ja auch getan hat.

War der Studiengang etwa für die Philosophische Fakultät immer so etwas wie ein ungeliebtes Kind?

Böttcher: So ist es. Aber ich bin heute noch der Meinung: Der Studiengang ist eine Perle, die nur geschliffen werden muss – und zwar von der gesamten Hochschule.

Wie steht es um die Qualifikation der Studenten?

Böttcher: Es liegen Welten zwischen der ersten Generation der Absolventen und der heutigen. Damals studierten eine ganze Reihe von Leuten, die heute auf allerhöchster Ebene arbeiten. Die Voraussetzung für diesen Studiengang war ja eine ganz andere: Es kamen Leute mit einem abgeschlossenes Studium, das heißt, mit Magister oder Staatsexamen. Heute haben die MES-Studenten zuvor ein dreijähriges Bachelorstudium absolviert.

Welche Veränderungen halten Sie für notwendig, damit der Studiengang eine Zukunft hat?

Böttcher: Das wichtigste wäre eine unbefristete Stelle für einen wissenschaftlichen Koordinator, dessen Fähigkeiten vor allem in der Kommunikation und nicht in erster Linie in der Einhaltung der Hierarchien liegen. Zweitens müsste dieser Studiengang endlich eine eindeutige Rückendeckung vom Rektorat bekommen, materiell und ideell.

Hat er das nicht?

Böttcher: Ich denke, nein. Das Rektorat, das so viel Wert auf Internationalität legt, muss anerkennen, das MES der einzige internationale Studiengang an der ganzen RWTH ist, von dem alle Fächer profitieren. Auch Ingenieure müssen europafähig gemacht werden.

Sehen Sie eine Chance für den Studiengang innerhalb des Strategiepapiers „Philosophische Fakultät 2025“?

Böttcher: Ich sehe MES nicht innerhalb der Philosophischen Fakultät. Eine selbstbewusste Philosophische Fakultät in einer Technischen Hochschule kann und muss mehr sein als ein Dienstleistungsbetrieb. Meiner Meinung nach müsste MES von der RWTH als fakultätsübergreifender Studiengang angeboten und entsprechend materiell ausgestattet werden.

Was ist Ihr Votum?

Böttcher: Zurück zu den Anfängen. Das Modulsystem optimieren und neu konstruieren. Dafür sind problemlos Dozenten von außen zu gewinnen – und zwar die besten.

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