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Simone Paganini: Auf den Bühnen ein gefragter Science-Slammer

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
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Er mag auch die Rolle als witziger Wissenschaftler auf der Bühne: Der Aachener Theologe Simone Paganini ist einer der nachgefragtesten Science-Slammer in Deutschland. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Gespräche mit Simone Paganini sind zunächst einmal eine Herausforderung. Denn Paganini, geboren in Busto Arsizio nahe Varese – also in Italien – spricht deutsch in einer italienischen Geschwindigkeit. Das sagt er, wann immer er auf einer Bühne steht.

Sein Versprechen: Paganini erzählt in sechs Minuten so viel wie andere in zwölf Minuten. Schnell wird klar, dass er dieses Versprechen auch hält. Und dann hat er Deutsch auch noch in Österreich gelernt, schlimmer noch: in Tirol. „Das war ein großer Fehler. Aber meine Studenten gewöhnen sich schnell daran“, sagt der 43-Jährige und lacht.

Wer sich einmal an sein Sprechtempo gewöhnt hat, der wird schnell zu der Einschätzung kommen: Gespräche mit Simone Paganini sind in erster Linie ein Genuss – witzig (ja, vor allem das) und immer auch geistreich. Deswegen ist Paganini einer der gefragtesten Science-Slammer im deutschsprachigen Raum. Bei diesen (Kurz-)Vortragsturnieren sollen Wissenschaftler ihr Thema möglichst populär und begeisternd auf die Bühne bringen.

Paganini begeistert, wenn er Tontafeln fallen lässt, um die alltäglichen Probleme der antiken Geschichtsschreibung aufzuzeigen oder – wie beim Science-Slam in Innsbruck, als er die Botschaft von David und Goliath thematisiert – einen überlebensgroßen Papp-Goliath köpft. Er hat mit seiner Frau Claudia Bücher geschrieben. Eines heißt: „...und Gott lachte“. Untertitel: „Skurriles und Heiteres aus 2000 Jahren Kirchengeschichte“.

Die Schublade

In erster Linie ist Simone Paganini aber Professor an der RWTH Aachen. Sein Lehr- und Forschungsgebiet ist die Biblische Theologie. Er ist also das, was man einen Bibelwissenschaftler nennt. Seit 2013 ist er Lehrstuhlinhaber an der Philosophischen Fakultät, ein Geisteswissenschaftler an einer Technischen Hochschule. Er sagt: „In den Geisteswissenschaften an einer Technischen Universität ist es auf den ersten Blick nicht super. Und mit der Theologie erst recht nicht. Die Theologie ist mit einer bestimmten Schublade verbunden: eine starre, dogmatische Wissenschaft, die irgendwie mit Kirche zu tun hat.“ Genau mit diesem tradierten Bild bricht Simone Paganini.

In diesen Tagen wurde die Neuausrichtung der Philosophischen Fakultät auf den Weg gebracht. Ein neues Zentrum für interdisziplinäre Wissenschafts- und Technikforschung wird am Forscherhaus HumTec (Human Technology Research) eingerichtet, welches von den Geisteswissenschaften übernommen wird. Fünf Professuren werden binnen eines Jahres eingerichtet, sie behandeln die Themen: „Wissenschaftstheorie und Technikphilosophie“, „Angewandte Ethik mit dem Schwerpunkt Technik- und Umweltethik“, „Methodik und Theorie computerbasierter Geistes- und Sozialwissenschaften“, „Technik und Gesellschaft“ und „Technik und Individuum“. Das Ziel ist mehr gesellschaftliche Relevanz, es sollen die Fragen gestellt werden, die die Menschen in Bezug auf Technik bewegen.

Science Slam Innsbruck - Simone Paganini from media productions on Vimeo.

Die Fakultät will sich mehr denn je profilieren. Auch nach außen hin. RWTH-Kanzler Manfred Nettekoven erklärte jüngst: „Ja, wir können Maschinenbau, aber können auch ganz viele andere Dinge.“ Zum Beispiel Theologie, die jeden angeht. Paganini sagt: „Mein Anspruch ist, etwas zu sagen, das für die Menschen heute noch Relevanz hat.“

 

Es funktioniert.

In seinen Vorlesungen sitzen bisweilen 150 Zuhörer – darunter werden sogar Maschinenbauer gesichtet. Die meisten anderen studieren Gesellschaftswissenschaften und nicht explizit Katholische Theologie. Sie sind Christen, Muslime, Juden, andere würden sich Atheisten, also Nicht-Gläubige, nennen. Dennoch hören sie dem Bibelwissenschaftler zu, der mit ihnen alte Texte, christliche, jüdische wie muslimische seziert.

Paganini beobachtet: Das Bedürfnis, sich mit religiösen Fragen auseinanderzusetzen, sei groß.

Er sagt: „Man muss nicht gläubig sein. Aber Religion spielt in unserer Gesellschaft verstärkt eine Rolle.“

Er meint: Durch die Zuwanderung von Menschen beispielsweise aus Syrien werden wir mit Menschen konfrontiert, die einen anderen Glauben leben. Der wolle verstanden werden. Er will helfen zu verstehen.

Paganini ist Theologe. Doch er ist es auf Umwegen geworden. Eigentlich ist er Philosoph und Archäologe, er musste sich entscheiden: Arbeite ich auf dem Feld oder interpretiere ich Texte? Er entschied sich für die Texte. Aramäisch, Hebräisch und all die anderen alten Sprachen. Sie sind seine Welt. Er lernte seinen Doktorvater in Rom kennen, folgte ihm für die Promotion nach Innsbruck. Dort stellte er fest, dass sein Thema im deutschsprachigen Raum nicht zur Archäologie sondern zur Theologie zählte. Und in der Theologie ist Paganini, der sich gläubig nennt, aber gewiss kein regelmäßiger Kirchgänger ist, dann hängen geblieben.

Der kurze Irrweg hat sich zweifellos gelohnt: Auch weil er in Innsbruck seine Frau kennengelernt hat. Mit ihren drei Kindern Sarah, Adriano und Laila leben sie immer noch in Tirol, Paganini war in Wien und München, dann wieder in Innsbruck, nun pendelt er jede Woche nach Aachen.

An der RWTH wollen sich die Geisteswissenschaften in Zukunft mehr denn je den gesellschaftlich-relevanten, aktuellen Fragestellungen widmen, wie es heißt. Dort starten Historiker, Soziologen, Politologen und Theologen im nächsten Semester eine Reihe zum Thema Flucht.

„Wir haben auch keine Lösung der Flüchtlingsfrage, aber wir können zeigen, wie im Laufe der Geschichte Flucht ablief und welche Schlüsse wir daraus ziehen können“, sagt Paganini. Er selbst wird den Blick ins Assyrerreich lenken. Schon in der Antike war es Ziel vieler Flüchtender. „Aber es finden sich kaum mehr Spuren der Leute, die gekommen sind, weil automatisch Integration geschah.“ Was können wir heute also von den alten Assyrern lernen? Geben die alten Texte Aufschluss?

Ja, wenn die richtigen Fragen an die Texte gestellt werden. Darum geht es Paganini, wenn er Bibelstellen und andere religiöse Texte liest. Oder Rotkäppchen, was bei seinen Studenten erwartungsgemäß gut ankommt. „Wenn ich ein Tierarzt bin und Rotkäppchen lese, kann ich die Frage stellen: Wie funktioniert der Darm eines Wolfes? Ganz klar: Der Wolf kann eine Oma und ein Rotkäppchen fressen und die kann der Jäger lebendig wieder herausholen. Der Text hat mir diese Antwort gegeben. Nur: Die Frage war falsch!“, sinniert er. Bei religiösen Texten, erst recht bei der Bibel, sei das nicht anders. Es gelte, die richtigen Fragen zu stellen, um wirklich Erkenntnis zu gewinnen.

Paganini sagt: „Theologie kann spannend sein!“

Sein Ansatz kommt aus der Narratologie, der Erzähltheorie. Er sei kirchlich sozialisiert, glaube aber nicht alles, was er lese. „Wenn ich in Israel Ausgrabungen mache, dann steht in der Bibel, dass Jesus dort geboren wurde. Aber ich weiß ganz genau, dass dies nicht der Fall ist. Das weiß ich, aber das stellt den Glauben doch nicht in Frage.“

Seine liberale Herangehensweise mögen ältere Kollegen nicht goutieren. Auf der anderen Seite hat er für seine wissenschaftliche Arbeit in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe Förderpreise gewonnen. Wenn er den Schöpfungstext auseinandernimmt, dann sorgt er erst einmal für Verwunderung. Kann man so mit der Bibel umgehen?

Ja, Paganini kann es und tut es.

Das Buch Ruth sagt ihm, dass Integration gelingen kann, denn aus einer eigentlich verbotenen Mischehe sei am Ende der Uropa nicht bloß eines Königs, sonders des Königs der Könige hervorgegangen. Die Botschaft, die er liest, lautet also: Wenn Integration gelingt, dann kann daraus ein König entstehen.

Er ist ein optimistischer Mann.

Und die Begeisterung für seine Wissenschaft ist größer denn je.

Das hat einen guten Grund: Als Student, da war er alles andere als begeistert. Damals sprach der Professor, der Student schrieb mit, und am Ende des Semesters wurde all das Gesagte und Mitgeschriebene in der Prüfung nachgebetet. „Das wollte ich so nicht mehr mitmachen“, sagt er.

Vielleicht liegt hier der Ursprung in seiner Begeisterung für die Präsentation seiner Wissenschaften im Rampenlicht der Bühne. In Innsbruck hat Paganini erstmals an einem Science Slam teilgenommen, es folgten zig weitere, die meisten Anfragen muss er mittlerweile absagen.

Beim letzten Heimspiel – der Mann war früher übrigens einmal Fußballschiedsrichter – war er allerdings dabei. Und wie! Bei einem Slam im großen Saal des Aachener Audimax hat er irgendwann nicht den Faden, aber die Zeit aus den Augen verloren. Fast 20 Minuten stand er am Ende auf der Bühne. Die 1000 Besucher waren begeistert. Sie hatten so viel erzählt bekommen wie in 40 Minuten.

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