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Silvester-Übergriffe können Kölner Karneval ins „Hätz” treffen

Von: Christoph Driessen, dpa
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Sollte sich der Eindruck verfestigen, dass man nicht mehr unbeschwert feiern gehen kann, wäre der Markenkern des Kölner Karnevals bedroht. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Köln. Jedes Jahr spotten die Düsseldorfer über die kreuzbraven Kölner Rosenmontagswagen. Echte Kölner können darüber nur den Kopf schütteln. Wer so redet - sagen sie - hat das Wesen ihres Karnevals nicht begriffen. In Köln geht es nicht um Satire, sondern um die Stimmung, ums gemeinsame Feiern.

Es geht darum, die ganze Welt ins „Kölsche Hätz” einzuschließen - das viel besungene große Herz der Kölner. Genau deshalb sind die Übergriffe der Silvesternacht für den Karneval so gefährlich.

Wenn sich der Eindruck verfestigen sollte, dass man in Köln nicht mehr unbeschwert feiern gehen kann, wenn man künftig lieber eine Armlänge Abstand hält, anstatt sich beim Nebenmann zum Schunkeln einzuhaken, dann wäre der Markenkern des Kölner Karnevals beschädigt.

„Die Ereignisse der letzten Wochen haben schon dafür gesorgt, dass wir eine andere Wahrnehmung haben”, erklärt Zugleiter Christoph Kuckelkorn am Freitag im Karnevalsmuseum. Das Festkomitee Kölner Karneval von 1823 - eine Art Zentralkomitee des organisierten Frohsinns - will deshalb mehr als 100 zusätzliche Funkpunkte an der Route des Rosenmontagszuges einrichten. Im Ernstfall kann man dann ganz schnell die Einsatzzentrale im Rathaus unterrichten.

Voller Stolz stellt Kuckelkorn die Motive für die wichtigsten Prunkwagen vor. Angela Merkel ist gleich mehrfach dabei, zum Beispiel mit schlaffer Europa-Flagge und beim Knacken harter Nüsse in der Flüchtlingskrise. Gemessen an Düsseldorfer Standards ist mal wieder alles ganz zahm.

Gleichwohl hat die Präsentation etwas Festliches. Die Teilnehmer bekommen anschließend einen Orden umgehängt, und es gibt Bützjes. Bützje - Verbform: bützen - ist ein Wangenkuss mit geschlossenen Lippen. Mitglieder des Festkomitees können sogar bützen, ohne den Gebützten überhaupt zu berühren. Eine von vielen Besonderheiten des Kölner Karnevals. Man muss nicht aus Syrien kommen, um hier erst einmal einen gewissen Schulungsbedarf zu haben. Castrop-Rauxel reicht da auch schon.

Deshalb hat das Festkomitee jetzt für Flüchtlinge und andere Neu-Kölner einen Flyer herausgebracht, der ihnen den Karneval erklärt - auf Deutsch, Englisch und Arabisch. Auf die Frage „Darf ich einfach so mitfeiern?” bekommt man dort zum Beispiel die Antwort: „Auf jeden Fall! Die Kölner sind ziemlich offen und neugierig Fremden gegenüber. Der Umgang ist sehr locker, Freundlichkeit und Respekt sind oberstes Gebot.”

Dazu muss man sagen, dass es in der direkten Innenstadt mit dem Respekt oft nicht so weit her ist, da der rheinische Frohsinn dort vor allem in seiner alkoholischen Variante praktiziert wird. Aber in den Vierteln jenseits des Zentrums, da lebt er tatsächlich noch: der Karneval, „der tief aus dem Volk kommt”, wie es die Wahl-Kölnerin Elke Heidenreich formuliert. Der Karneval der Eckkneipen, Schulen und Pfarrheime, der Karneval der selbst geschneiderten Kostüme. Bei dem auch Muslime ganz selbstverständlich dazugehören, weshalb es in Köln auch undenkbar wäre, einen islamkritischen Wagen im Rosenmontagszug mitfahren zu lassen. Es soll sich doch niemand ärgern an diesem wunderschönen Tag!

Am Ende wird Kuckelkorn gefragt, ob er sich „ein Ereignis” vorstellen kann, bei dem er den Rosenmontagszug absagen würde. Unausgesprochen steht das Wort „Terrordrohung” im Raum. Kuckelkorn zögert, druckst herum. Da kommt ihm Sigrid Krebs zu Hilfe, die im Festkomitee für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Natürlich sei ein solches Ereignis denkbar, erklärt sie: „Eis und Schnee!”