Sieben Hochs sind noch kein Drama für die Region

Von: Axel Borrenkott
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Rheinpegel stark gesunken
Tiefe Uferstreifen, langsam fahrende Schiffe, Sandbänke: Die Trockenheit lässt die Flüsse schrumpfen. Foto: dpa

Aachen. Das hatten wir uns schon gedacht: „Dieser Frühling ist viel zu trocken.” Doch gut zu wissen, dass die Aachener Wissenschaft das auch nicht anders sieht.

Ob dies jedoch eine eher simple Frage von Wetter und Witterung oder aber eine ungleich komplexere von Klimawandel: das kann noch lange kein seriöser Experte beantworten. Ziemlich sicher ist aber, dass zumindest die Wasserversorgung in der Region noch lange nicht dramatisch wird. Die Rurtalsperre zum Beispiel wäre ohne einen Tropfen Regen erst in 350 Tagen „ratzekahl leer”.

Marcus Seiler rechnet einem derlei in Sekundenschnelle vor. Vermutlich kann der Pressesprecher des Wasserverbands Eifel-Rur (WVER) überhaupt mit den präzisesten Zahlen über das Defizit an Wasservorrat gegenüber bislang normalen Zuständen aufwarten. Wieviel Wasser nämlich in eine Talsperre passt, wie sie im Durchschnitt, und wie sie in diesen trockenen Tagen gefüllt ist, kann man fast auf den Kubikmeter genau feststellen. So ist zum Beispiel die Urfttalsperre mit 17,6 Millionen Kubikmetern „ziemlich leer”, das sind nämlich nur 39 Prozent ihres Fassungsvermögens von 45,5 Millionen Kubikmetern. Im langjährigen Mittel ist sie mit 35,5 Millionen gefüllt.

Für den Tourismus nicht so gut

In der Rurtalsperre hingegen sind mit 156,7 Millionen Kubikmetern immerhin noch 77 Prozent ihrer maximalen Füllung. Die Oleftalsperre wiederum ist mit derzeit zehn Millionen von 19,3 maximalen nur zu 55 Prozent voll.

Das sei insgesamt „ungewöhnlich, aber nicht dramatisch”, fasst Seiler zusammen. Die Talsperren des WVER versorgen rund 600 000 Einwohner im Großraum Aachen/Eifel mit Trinkwasser, aber auch die Papierfabriken um Düren mit Gebrauchswasser, das der Urft- und der Rurtalsperre entnommen wird. Der Vorrat reicht, siehe oben, selbst im unwahrscheinlichsten Fall ein Jahr. Nur für den Eifel-Tourismus wäre es nicht so gut, wenn es nicht bald mal heftig regnet. Irgendwann wird nämlich den Seglern die Fläche des Rursees zu klein, und außerdem kommen die nicht so attraktiven Ränder zum Vorschein.

„Das System des Wasserkreislaufs in Deutschland ist noch ruhig”, bestätigt auch Paul Wermter vom Forschungsinstitut für Wasser- und Abfallwirtschaft (FiW) der RWTH. Das meint, das der normale Zyklus der Auffüllung der Wasservorräte durch Niederschläge im Winter, der Zuflüsse im Frühjahr, der durch Versickerung und Verdunstung weitgehend leeren Puffer im Spätsommer und deren Wiederauffüllung im Herbst „noch nicht extrem gestört ist”.

Was die Temperaturen anbetrifft, gab es aber schone einige Ausreißer in den letzten Jahren. Der extrem heiße und lange Sommer 2003, die überheißen Aprilmonate in 2007 und 2009, denen allerdings jeweils ein ziemlich nasser Frühsommer folgte. Inwieweit solche Phänomene Hinweise auf den Klimawandel sein könnten, untersuchen die Wasserwirtschaftler Wermter und sein Kollege Jens Hasse im Rahmen eines „Dyna-klim” genannten Projekts beispielhaft für Nordrhein-Westfalen in der Region Emscher-Lippe. Die Erkenntnisse sollen später auch für die Aachener Region nutzbar gemacht werden. Dass der Wasserspeicher Boden, wenigstens im Großraum Aachen, noch ganz gut gefüllt ist, kann auch Silke Höke bestätigen.

Ein guter Boden - und das ist der hier überwiegend vorhandene Lößboden - speichert pro Kubikmeter 25 Prozent Wasser, aus dem die Pflanzen ihren Bedarf decken. Dieses sogenannte Haftwasser ist der Teil des Regenwassers, den der Boden gegen die Schwerkraft in seinen Poren festhalten kann und der nicht zum Grundwasser durchsickert. „Diese Speicher wurden im Winter gut aufgefüllt”, und sie dürften noch einige Zeit reichen, sagt die Bodenkundlerin. In Gegenden mit sandigen, also flüchtigeren Böden müssten die Landwirte allerdings schon ihre Felder beregnen.

Dass der Klimawandel Nordrhein-Westfalen erreicht hat, dafür gibt es durchaus Indizien, So stellt der Landesverband für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (Lanuv) in seinem aktuellen Bericht von 2010 klipp und klar fest: „Seit Beginn der 1980er Jahre bis heute findet eine Erwärmung statt, die deutlich stärker ist als in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.” So ist die Temperatur in den letzten 108 Jahren linear um 0,1 Grad C pro Jahrzehnt gestiegen, in den letzten 30 Jahren aber um 0,5 Grad.

Unübersehbar ist, dass die Vegetationszeit von Pflanzen nach vorne rückt und länger dauert. So begann die Blüte der Hasel zwischen 1961 und 1990 im Schnitt am 22. Februar, seit den 90er Jahren hingegen am 9. Februar, bei frühreifenden Äpfeln verschob sich der Eintritt der Blüte statistisch vom 8. auf den 1. August. Eine ganze Reihe von Vögeln brütet früher und bleibt im Winter hier. Bachstelzen, Singdrosseln und Kiebitze flogen noch vor 30 Jahren nach Südwesteuropa, andere Arten wie Saat- und Nebelkrähen überwintern nicht mehr hier sondern bleiben im heimischen Osteuropa.

Hochdruck-Blockade

Das lange dröge Frühjahr 2011 können Meteorologen allerdings noch ohne Klimawandel erklären. Sieben Hochs hintereinander, von Peggy bis Viktoria, haben Deutschland eingeheizt. Im Prinzip sei eine solche „Hochdruck-Blockade” in dieser Jahreszeit gar nicht so ungewöhnlich. Nur dass sie so lange anhält, lässt die Wetterkundler dann doch stutzen.

Der bald erwartete Regen könnte allerdings auch lange dauern.
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