Sieben Bogensportler aus der Region bei Deutschen Meisterschaften

Von: Claudia Schweda
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Das Immergleiche tun und dabei die totale Perfektion anstreben: Tilman Bremer (BSG Aachen) tritt kommende Woche bei den Deutschen Meisterschaften an. Foto: Andreas Steindl
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Verteidigen den Mannschaftstitel der RSG Düren (v.l.): Andrea Gehlen, Petra Nüssgens-Patz und Maria Schmitt. Nüssgens-Patz ist auch amtierende Deutsche Meisterin im Einzel der Damen-Altersklasse. Foto: Schweda

Aachen/Düren. Tilman Bremer ist vor 20 Jahren zum Bogensport gekommen, weil er Fußball doof fand. Inzwischen hat der 29-jährige Maschinenbaustudent aus Aachen unzählige Turniere gewonnen, schießt in der ersten Bundesliga und hat zweimal Mannschaftssilber bei den Deutschen Meisterschaften geholt.

In eineinhalb Wochen tritt er für die BSG Aachen als einziger Mann aus unserer Region mit dem Recurve-Bogen bei den Deutschen Meisterschaften in Hof bei München an. Im Fernsehen wird man diese Meisterschaft nicht sehen. Bogensport steht in einer der Nischen, in denen auch – zum Beispiel – die Ruderer anzutreffen sind. Nur bei Olympischen Spielen werden diese Nischen für eine breitere Öffentlichkeit ausgeleuchtet.

Die Wahrnehmung erinnert fatal an die von Zuckerwatte: Die Überraschungs-Silbermedaille einer Lisa Unruh wird kurz genüsslich ausgekostet – und schon ist alles dahingeschmolzen. Bremer mag seinen Sport genau deswegen. In Hof wird er auf Menschen treffen, die er kennt. „Das ist wie eine große Familie“, sagt er. Genau das schätzt er. „Es gibt einfach kaum jemanden, der damit sein Geld verdient. Deswegen ist Bogensport für alle Mechanismen des Profisports uninteressant.“ Ergebnis: „viel Fairness, kein Doping.“

In Hof wird Bremer auch auf Petra Nüssgens-Patz (55) treffen. Die Schützin der RSG Düren hat sich in der Altersklasse (über 50) ebenfalls in der Recurve-Disziplin im Einzel und im Mannschaftswettbewerb mit ihren Vereinskolleginnen Andrea Gehlen (52) und Maria Schmitt (58) qualifiziert. Seit einigen Jahren ist Nüssgens-Patz eine der stärksten Schützinnen in der Altersklasse der deutschen Damen. Sie ist amtierende Deutsche Meisterin in der Halle mit der Mannschaft und im Freien sowohl im Einzel als auch mit dem Team.

Insgesamt hat sie seit 2010 sechs Deutsche Meistertitel geholt. Sie kam zum Bogensport wie so viele: über die Kinder. 2004 war das, als der damals achtjährige Sohn von Nüssgens-Patz unbedingt Bogenschießen wollte. So stand plötzlich die ganze Familie – Mutter, Vater, Sohn und Tochter – an der Schießlinie. Übriggeblieben ist am Ende nur eine: die Mutter. Doch trotz aller Erfolge bleibt sie bescheiden: „In Deutschland sind einige Frauen ähnlich gut.“

Etwa 120 Bogenschützen sind im Schützenbezirk Aachen bei Wettkämpfen für einen der zwölf Bogensportvereine aktiv, sagt Werner Eismar, Landes- und Bezirksbogenreferent im Rheinischen Schützenbund und Vorsitzender der RSG Düren. Zu den 120 dürften Unzählige kommen, die einfach nur hin und wieder zum Spaß bei einem der Vereine oder in der freien Natur in geschützten Bereichen schießen. Und das Interesse wächst und wächst. Weniger, weil es das Vorbild Lisa Unruh gibt, sondern wegen der vielen Kino-Filmhelden: Legolas, Katniss Everdeen oder Merida. Die Schnupperkurse, die die RSG anbietet, sind jedenfalls in der jüngeren Vergangenheit immer ausgebucht. „Das war früher anders“, sagt er.

Doch viele, die mit dem Bogenschießen anfangen, sind schnell wieder weg. „Der Durchlauf in den Vereinen ist extrem hoch“, sagt Eismar. Der Anfang ist purer Spaß. Ein Kinderspiel. Hinstellen, zielen, schießen. Die Vereine stellen den Neulingen einfache Bögen, ein erster Erfolg stellt sich auch ohne ausgefeilte Technik zügig ein: Man trifft die Zielscheibe. Doch um weiterzukommen, muss der Schütze an sich arbeiten. Körperlich und mental. Das Bogenschießen wird zum Bogensport. „An dieser Stelle steigen viele wieder aus“, sagt Eismar.

Action bietet dieser Sport nicht. Der Schütze tut das Immergleiche und strebt dabei die totale Perfektion an: mit dem immer gleichen Ablauf immer den inneren gelben Ring zu treffen, der zehn Punkte gibt. Einige würden das langweilig nennen. Bremer spürt eine „seltsame Faszination“ und weiß, wer die nicht für sich entdeckt, bleibt nicht lange bei diesem Sport. Wer einmal in die Zehn getroffen habe, könne es ja eigentlich. „Aber sich dann beim Wettkampf hinzustellen und genau das zu schaffen, ist unglaublich schwer.“

Der Kopf müsse ein Paradoxon bewältigen: „Man muss sich auf sich selbst und den Ablauf konzentrieren, darf aber nicht zu viel denken.“ Die mentale Anspannung beim entscheidenden Pfeil im Finale sei so hoch wie beim Elfmeter im Fußball. Und trotzdem müsse der Pfeil genau so geschossen werden wie der erste in der Qualifikation. Der einzige Gegner, den der Bogensportler hat, ist er selbst. „Die Kunst ist nicht die Stärke, sondern die Konzentration“, sagt Bremer.

Er untertreibt. Denn das, was bei ihm so federleicht aussieht – das Zurückziehen der Sehne – braucht immense Kraft vor allem im Rücken. „Der Muskelprotz, der zu uns kommt und glaubt, er könne mit seiner Armkraft schießen, liegt falsch“, sagt Eismar. Die Armmuskulatur ist damit überfordert, bei hohem Zuggewicht den Pfeil immer gleich zu ziehen und zu steuern. Das könne nur die feinere Rückenmuskulatur, „und die muss erst langsam ausgebildet werden“.

Anfänger beginnen mit einem Zuggewicht von rund 18 englische Pfund (8,1 Kilogramm) auf der Sehne. Tilman Bremer zieht mit jedem Pfeil 46 englische Pfund, das sind fast 21 Kilo. Damit beschleunigt er den Pfeil auf 220 Stundenkilometer. Und trifft im besten Fall die goldene Mitte, die in der Halle gerade einmal vier Zentimeter misst und 18 Meter entfernt steht, im Freien sind es zwölf Zentimeter – 70 Meter weit weg. „Das ist optisch etwa so groß wie die Spitze eines Kugelschreibers am ausgestreckten Arm“, sagt Bremer. Also fast unsichtbar. 720 Ringe wären im Freien maximal möglich, 600 in der Halle. Geschafft hat das noch niemand. Der Weltrekord bei 700 beziehungsweise 599.

Wer es wie Bremer und die Dürener Damen zur Deutschen Meisterschaft schaffen will, trainiert drei Mal pro Woche mehrere Stunden. Am Wochenende stehen Turniere, Wettkämpfe oder die Bundesliga an. Athleten, die zum Nationalkader gehören, trainieren vier bis fünf Mal pro Woche. „20 bis 25 Trainingsstunden je Woche sind normal“, sagt Stefan Türk, der an der Deutschen Sporthochschule in Köln die Schießsportausbildung koordiniert. „Und ohne solche Trainingsabläufe werden sie sich auch nicht in der Leistungsspitze etablieren können.“

Bremer weiß das. Wer in der Halle Meister bei den Männern werden will, muss etwa 585 Ringe schießen. Bremer will es unter die letzten 16 ins Finale schaffen. Er will den Elfmeter erleben. „Aber da stehen dann zehn andere, die auf internationalem Niveau schießen. Da bin ich ein kleines Licht.“ Auch Nüssgens-Patz schaut eher verhalten auf den Wettkampf. „Im Moment läuft es irgendwie nicht so gut“, sagt sie. Man müsse schon gewinnen wollen, „aber wenn ich anfange, darüber nachzudenken, dass ich etwas holen könnte, geht das meist nach hinten los.“ Da ist es wieder, das Paradoxon.

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