Aachen - Sexting: Nacktfotos beschäftigen die Staatsanwaltschaft

Sexting: Nacktfotos beschäftigen die Staatsanwaltschaft

Von: Claudia Schweda
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Ein neues Phänomen sind Verfahren in der Folge von Sexting. Dabei schicken Menschen Nacktfotos per Handy an andere. Foto: dpa
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„Die Kinder kommen erst, wenn alles zu spät ist“: Aachens Leitender Oberstaatsanwalt Helmut Hammerschlag. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Anna ist 13. Und sie ist bis über beide Ohren in Tom verliebt. Sie macht ein Nacktfoto von sich und schickt es Tom aufs Handy. Was ist schon dabei? Sie vertraut ihm – und er hat sie schließlich schon nackt gesehen.

Sexting nennt sich dieses neue Phänomen. Eine Kombination der Wörter „Sex“ und „Texting“, also das Verschicken von selbstproduzierten Nacktfotos per Handy. Die Folgen ihres Tuns spürt Anna Wochen später. Tom hat sich von ihr getrennt und teilt Annas Nacktbild nun mit höhnischen Bemerkungen versehen über Facebook mit anderen.

Für die Aachener Ermittler ein neues Problem, das vor etwa zwei Jahren erstmals auftauchte, sie aber seitdem zusehends beschäftigt: Die Staatsanwaltschaft Aachen schätzt, dass inzwischen 50 bis 100 Ermittlungen pro Jahr aufgrund von Sexting aufgenommen werden – mit einem riesigen Dunkelfeld. „Die Kinder kommen erst, wenn alles zu spät ist“, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Helmut Hammerschlag am Dienstag.

Die Zahlen kennt niemand so genau, weil die möglichen Straftaten, aufgrund derer ermittelt wird, vielfältig sind: Von der einfachen Verletzung des Persönlichkeitsrechts bis hin zum sexuellen Missbrauch oder dem Besitz und der Verbreitung von Kinderpornografie reichen die Möglichkeiten. Und unter anderem wegen Erpressung ermittelt die Aachener Staatsanwaltschaft im Fall einer 13-Jährigen, die bei Facebook einem Erwachsenen auf den Leim gegangen ist, der sich als 16-Jähriger ausgegeben hatte.

Nach ersten unverfänglichen Fotos folgte die 13-Jährige seiner Bitte, etwas intimere Bilder zu schicken. Dann offenbarte der Täter sein wahres Gesicht und drohte mit der Veröffentlichung der Fotos, wenn sie nicht jeden Tag ein pornografisches Video von sich machen und es ihm schicken würde. Sie tat es. Zwei Wochen lang hielt sie das durch. Dann vertraute sie sich jemandem an.

Die Dimension, die Sexting unter jungen Menschen offenbar erreicht hat, zeigt eine erste Studie aus diesem Frühjahr. Staatsanwältin Golriez Litterscheid berichtete, dass bei einer Umfrage unter 14- bis 18-Jährigen in Österreich 16 Prozent angegeben hätten, es selbst schon einmal getan zu haben. 51 Prozent kannten jemanden, der Erfahrungen mit Sexting hatte. Die Staatsanwältin erlebt Beweggründe für Sexting, die die Eltern wohl kaum ahnen: Es geht nicht nur um einen Liebes- oder Vertrauensbeweis, die gute alte Mutprobe oder darum, eine neue Beziehung anzubahnen.

„Es gibt WhatsApp-Gruppen, in denen Mädchen ihre Busengröße vergleichen“, sagte Litterscheid. Was viele nicht einmal ahnten, sei, dass man mit der Versendung eines Bildes über den Nachrichtendienst WhatsApp das Nutzungsrecht an den Anbieter abtritt. „Man verliert die Kontrolle über die eigenen Bilder“, sagte sie.

Ob das Handeln desjenigen, dem man im Vertrauen die Bilder geschickt hat, strafbar ist, hängt von mehreren Faktoren ab: dem Alter des Fotografierten und des Empfängers sowie der Frage, ob die Abbildung pornografisch ist. Wenn ein 14-Jähriger ein pornografisches Bild seiner 13-jährigen Freundin nicht sofort von seinem Handy löscht, kann er sich wegen des Besitzes von Kinderpornografie strafbar machen.

Die Aufforderung dazu, sich so zu fotografieren, fällt unter sexuellen Missbrauch und wird mit mindestens drei Monaten Haft bestraft. Der kriminelle Hintergrund, dass Männer in Chats von hübschen Frauen dazu aufgefordert werden, solche Bilder zu schicken, um dann mit der Drohung einer Veröffentlichung Geld zu erpressen, taucht im Bereich der Aachener Staatsanwaltschaft nach Angaben von Hammerschlag bislang nur in Einzelfällen auf.

Die unüberlegte Handlung junger Menschen ist bislang das Hauptproblem. Hammerschlag rät allen Eltern und Lehrern, die helfen wollen, sich keine Fotos schicken zu lassen. Ein Lehrer etwa mache sich selbst strafbar, wenn er sich – in guter Absicht – das Bild auf sein Handy senden lasse. „Das ist keine Strafverfolgung für Laien. Die Risiken sind nicht absehbar“, warnte Hammerschlag, „Eltern und Lehrer sollten sich so schnell wie möglich an Fachleute wenden: an uns!“

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