Jülich - Seltener Fund aus der Jülicher Römerzeit

Seltener Fund aus der Jülicher Römerzeit

Von: Guido Jansen
Letzte Aktualisierung:
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Fast 2000 Jahre alte Funde in der Jülicher Römerstraße: In einem der Gräber haben die Archäologen eine kleine Öllampe als Beigabe sowie eine große Urne aus Ton gefunden, die beide mutmaßlich auch in Jülich hergestellt worden sind. Foto: Jansen

Jülich. Im vergangenen Jahr haben die Toten zu erzählen begonnen, wie das Leben vor über 1800 Jahren in Jülich war, zur Zeit der Römer. Sie haben bestätigt, was bisher nur aus einer in Stein gemeißelten Inschrift und aufgrund vereinzelter Funde bekannt ist.

Jülich war eine der wichtigsten römischen Städte im Rheinland; zwar eine Größenordnung kleiner als Colonia alias Köln, der Hauptstadt der Provinz Niedergermanien, aber ein Oberzentrum für die heutige Aachener Region. 1000 bis 1500 Menschen lebten dort.

Die neuen Erkenntnisse fußen auf einem Fund von 53 gut erhaltenen Gräbern bei Kanalarbeiten in der Jülicher Mariengartenstraße Ende 2015. Für die Anwohner bedeuteten die Gräber eine unverhoffte Dauerbaustelle von fast einem Jahr, für die Archäologen eine unerwartete Fundgrube. Die Auswertung läuft. Irgendwann einmal sollen die Ergebnisse in einer Ausstellung im Jülicher Museum Zitadelle zu sehen sein. Erste Antworten geben Experten des Jülicher Geschichtsvereins und des Museums bei einem Vortrag am Mittwoch um 19.30 Uhr in der Schlosskapelle der Zitadelle.

„Vielleicht alle zehn Jahre“

„Funde wie diesen gibt es im Rheinland vielleicht alle zehn Jahre“, sagt Marcell Perse, Leiter des Museums Zitadelle. In Jülich muss Perse in die Mitte der 80er Jahre zurückblicken, als beim Ausheben des Fundaments für das Parkdeck an der Zitadelle ebenfalls viele römische Gräber gefunden wurden. Sie waren jünger, stammten aus der Zeit nach der Völkerwanderung (4. bis 6. Jahrhundert), als sich römische und fränkische Kultur mischten. Der augenscheinliche Unterschied zwischen dem 30 Jahre alten Fund und dem neuen: Der Friedhof unter dem Parkdeck bestand aus Körpergräbern, an der Mariengartenstraße fanden sich sogenannte Brandgräber, in denen die eingeäscherten Toten in Urnen bestattet wurden. Das ist typisch für das 2. Jahrhundert.

Über 1800 Jahre haben die Brandgräber unberührt in der Erde gelegen. Jetzt erlauben sie Archäologen und Historikern ungewöhnlich viele Erkenntnisse über das römische Leben im Rheinland im 1. und 2. Jahrhundert. Sie beweisen nachhaltig, dass Jülich einer der wichtigen Durchgangspunkte auf der großen Heerstraße durch Niedergermanien von Colonia bis zur Atlantikküste war, heute bekannt als Via Belgica. Und sie weisen die Töpferei als einen wesentlichen Wirtschaftsfaktoren für den sogenannten Jülicher Vicusnach. Ein Vicus ist eine kleinstädtische Siedlung.

Keiner der Erkenntnisse ist neu, punktuelle Funde waren immer wieder Hinweise. Vereinzelte Gräber ließen die Abmessung des Vicus erahnen. Die Römer haben ihre Toten außerhalb der Bebauung bestattet. Im Gemäuer des Hexenturms, der im 14. Jahrhundert gebaut wurde, sind römische Grabsteine aus dem 1. Jahrhundert eingesetzt, die einzig sichtbaren Spuren der Römer in Jülich heute. Einer zeigt ein sogenanntes Totenmahlrelief, eine Sache für betuchte Bürger. Im Vicus Juliacum gab es also eine Oberschicht. Wahrscheinlich ist, dass der Hexenturm heute da steht, wo das westliche Ende des Vicus war.

Ein größeres Bild, ein Querschnitt durch die Gesellschaft dieser Zeit, fehlte bisher. „Vorher hatten wir ein paar Krümel hier gefunden, ein paar Krümel da. Jetzt haben wir zwar nicht das ganze Brot, aber sicherlich eine Schnitte“, verdeutlicht Perse den Fund. Das Gräberfeld Mariengartenstraße liegt östlich außerhalb der Vicus-Bebauung.

Die Formulierung, dass die Gräber vor den Toren gelegen haben, ist falsch: Der Vicus war nicht befestigt, keine Mauer, keine Türme. Niedergermanien im 2. Jahrhundert war eine vergleichsweise friedliche Provinz. Erst später, mit der Völkerwanderung, wurde der Vicus befestigt, die Militärfestung mit einem Durchmesser von 140 Metern entstand da, wo heute der Marktplatz ist. Sie sollte Jülich über Jahrhunderte prägen als „Fertigbauteil, das einen Machtfaktor für die Nachfolger darstellte“, wie Perse es formuliert. Aus der Festung und den Nachfolgegemäuern ist das Grafengeschlecht hervorgegangen, das in der frühen Neuzeit als Herzöge zu den mächtigsten Herrschern im deutschen Reich zählte.

Die Basis für die exponierte Bedeutung Jülichs ist älter als diese Festung, sie liegt im alten Vicus, über den die 53 Brandgräber aus der Mariengartenstraße erzählen. „Die Befunddichte war ungewöhnlich hoch und gut erhalten“, erklärt Benjamin Gnade vom Kölner Archäologen-Team Ibeling, das sich schon länger durch die Jülicher Vergangenheit gräbt. Eigentlich hatten sie den Innenhof der Zitadelle im vergangenen Jahr auf dem Programm. Dort graben sie die Spuren der Bauten vor der Zeit der mächtigen Renaissancefestung aus. Bis die Römer auf den Plan traten. 53 an der Zahl, eingeäschert und in Ton-Urnen eingefasst, flankiert von kleinen Lampen und Bechern; Dinge, die der Römer aus der Mittelschicht im Jenseits zu brauchen glaubte.

Vor den Brandgräbern gab es nur vereinzelte Zeugnisse aus dieser Zeit, Perses Krümel. Eine Grabstätte in der Nähe eines Mädchengymnasiums, die laut Perse wie die Mariengartenstraße vermutlich zu einem großen, zentralen Friedhof gehört hat. Bekannt ist das im Hexenturm eingemauerte Totenmahlrelief.

Und das älteste überlieferte schriftliche Zeugnis für den Stadtnamen Jülich. IOM VICANI IVLIACENSIS lautet die Weiheschrift auf dem Sockel einer Säule, die im Museum zu sehen ist. In dieser Inschrift huldigen die Bewohner des Vicus Jülich dem großen Gott Jupiter. Die Weiheschrift wird auf das 1. Jahrhundert datiert. Da gab es den Vicus schon. Und die Jupitersäule, die wohl auf einer Art Marktplatz stand als Statussymbol und Ausdruck des Anspruchs, als Stadt groß genug zu sein, um eine solche Säule zu errichten. Viel mehr war nicht bekannt, bis die Toten aus der Mariengartenstraße angefangen haben zu erzählen.

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