Selfie-Skandal am Klinikum: Tabubrüche in der Notaufnahme

Von: Marlon Gego
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Stefan K. (li. mit Anwalt Michael Janßen), Kristof H. (4.v.l. mit Anwalt Heiko Platz) und Rafal B. (2.v.r. mit Anwalt Helmut Leuchter) halten sich Aktenordner vors Gesicht. Rechtsanwalt Harry Völker (re.) teilte dem Gericht mit, der Prozess sei für die Angeklagten „unwitzig“. Foto: dpa

Aachen. Mitten in der Nacht ging Cem K. Ende August 2014 in Raum 9 der Notaufnahme des Aachener Klinikums, dort lag Angela N. aus Alsdorf, dement, verängstigt und vollkommen desorientiert. K. sah, dass sie sich den Katheder aus dem Leib gerissen hatte, Schläuche lagen neben dem Bett, sie hatte sich eingenässt.

Cem K. verließ den Raum und kam kurz darauf mit seinem Handy und dem stellvertretenden Stationsleiter wieder zurück, er begann, Angela N. zu filmen. „Wer sind Sie?“, fragte Angela N. den Krankenpfleger K., der mit dem Handy ganz nah an ihr Gesicht kam. „Wer sind Sie?“, fragte sie noch mal, und Cem K. sagte: „ein Terrorist“.

„Die Spitze des Eisberges“

Von mehreren demütigenden Bildaufnahmen, die zwischen Herbst 2013 und Ende August 2014 in der Notaufnahme des Klinikums entstanden und dann über den Kurznachrichtendienst Whatsapp geteilt wurden, ist dieses Video vielleicht die erschütterndste. Cem K., 28 Jahre alt, sagte am Dienstag beim Prozessauftakt vor dem Aachener Amtsgericht zwar, es tue ihm leid, allerdings habe er das Video aus Gründen der Anschauung für seine Kollegen erstellt.

Dass er sich als „Terrorist“ bezeichnet habe, sei ein Spaß gewesen, so hätten ihn die Kollegen manchmal scherzhaft genannt, wegen seines langen Bartes. Und weil der stellvertretende Stationsleiter keine Einwände gegen seine Filmerei erhoben habe, ging Cem K. davon aus, dass das alles schon in Ordnung gehe. Der leitende Angestellte soll am Freitag als Zeuge gehört werden.

So wie Cem K. trugen auch die weiteren drei angeklagten Männer, Stefan K. (31), Rafal B. (25) und Kristof H. (32), kaum etwas zur Erhellung der merkwürdigen Vorgänge am Klinikum bei. Lediglich Marlene C. (32) hinterließ einen glaubwürdigen Eindruck, sie war die einzige, der man ihre Reue abnahm.

Am 24. Mai 2014 wurde der demente Giovanni D. mit Verdacht auf Herzinfarkt in der Notaufnahme eingeliefert. Als Kristof H. Feierabend hatte, übergab er den Bereich, für den er an diesem Tag zuständig war und in dem Giovanni D. lag und beobachtet wurde, an Marlene C. Als C. ins Giovanni D.s Zimmer kam, fand sie auf dem Nachttisch des Patienten einen Zettel, auf dem „I love Marlene“ stand. Kristof H. hatte ihn dort hinterlassen. Warum, das wusste er am Dienstag nicht mehr.

Marlene C. fiel auf, dass der Mund des Patienten mit einer Creme beschmiert war, auf dem Foto, das entstand, sah es aus, als sei D. geschminkt worden. Es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, wer für dieses Schminken verantwortlich war, die Angeklagten widersprachen sich. Da sie kurz Hilfe brauchte, rief Marlene C. Rafal B. herbei. Als dieser den Zettel auf dem Nachttisch sah, nahm er sich einen Stift und schrieb „Kristof“ auf Giovanni D.s nackte Brust und malte ein Herz darunter. Marlene C. stellte sich gleich neben Giovanni D., formte mit Mittel- und Zeigefinger ein Victory-Zeichen und ließ sich von Rafal B. fotografieren. Als sie gleich danach das Foto ansah, bat sie Rafal B. ihrer Darstellung nach darum, das Foto sofort zu löschen. Rafal B. will das nicht gehört haben.

Anstatt es zu löschen, schickte er das Foto Kristof H., der es schließlich im August in einer Whatsapp-Gruppe postete, der 20 bis 25 Pfleger des Klinikums angehörten. Marlene C. war entsetzt und trat sofort aus der Gruppe aus. Da bei Whatsapp einmal gepostete Fotos nicht mehr gelöscht werden können, löschte Kristof H. gleich die ganze Whatsapp-Gruppe, doch da war es schon zu spät.

Kurz darauf erreichte die Klinikumsleitung ein anonymes Schreiben. Darin war von „menschenunwürdigen“ Umständen in der Notaufnahme des Klinikums die Rede, dem Schreiben hatte der Absender eine CD mit Fotos beigefügt, die in der Whatsapp-Gruppe gepostet worden waren. „Was ich hier aufzähle“, heißt es in dem empörten Schreiben, „ist wahrscheinlich nur die Spitze des Eisberges.“

Da sich Rafal B., Kristof H. und Stefan K. auf gemessen an ihrem Alter erstaunlich große Gedächtnislücken beriefen, wird nun wohl nicht mehr aufgeklärt werden können, ob die neun bekannt gewordenen Bildaufnahmen tatsächlich nur die Spitze eines Eisberges sind, oder ob es sich nur um naive Einzeltaten gehandelt hat. Die Angeklagten werden der Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen beschuldigt, und vermutlich werden alle fünf verurteilt. Allerdings wird die Strafe gering ausfallen, eine Geldstrafe ist wahrscheinlich.

Viel interessanter als das Strafmaß aber ist die Frage, wie es zu solchen Tabubrüchen kommen konnte. Während die vier angeklagten Männer auch zu dieser Frage kaum etwas zu sagen wussten, erklärte Marlene C., dieses Verhalten sei möglicherweise „ein Teil der Verarbeitung“ des alltäglichen Erlebens in der Notaufnahme. Täglich seien bis zu 50 Patienten eingeliefert worden, es gab, wie in Notaufnahmen üblich, viel Elend zu sehen.

Diese Theorie taugt nicht als Entschuldigung. Doch wenn man bedenkt, dass die Opfer in den meisten Fällen Menschen waren, die Krankenpflegern wahrscheinlich am meisten Arbeit machen, Demente, Betrunkene, Hilflose, dann könnte sie zumindest ein Teil der Erklärung sein.

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