Oberzier - Selbstversuch: Wenn das Runde nicht ins Eckige darf

Selbstversuch: Wenn das Runde nicht ins Eckige darf

Von: Lukas Weinberger
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Komm in meine Arme: Ein paar Bälle konnte ich bei meinem ersten Torwarttraining sogar festhalten. Foto: Tobias Königs
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Alles im Griff: Torwart-Talent Lisa Venrath hat Volontär Lukas Weinberger zum gemeinsamen Training eingeladen. Foto: Tobias Königs

Oberzier. Es gibt ein paar Weisheiten und Floskeln, an denen kommt auch der beste Fußballer nicht vorbei. „Das Runde muss ins Eckige“, „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“, „Flach spielen, hoch gewinnen“, so etwas eben. Und dann ist da noch dieser berühmte Satz von Max Merkel: „Torhüter und Linksaußen haben immer eine Macke“, hat der ehemalige Trainer in den Siebzigern gesagt.

Wissenschaftlich belegt ist das natürlich nicht, es hat aber auch lange niemand angezweifelt. Auch wenn es den klassischen Linksaußen nicht mehr gibt, sind Torhüter wie Oliver Kahn, Jens Lehmann und Tim Wiese dann doch ein durchaus eindrucksvoller Beleg für Merkels Aussage.

Es ist genau dieser Spruch, der mir durch den Kopf geht, als ich am Fußballplatz des BC Oberzier bei Düren ankomme. Das erste Torwarttraining meines Lebens steht an, Lisa Venrath, Torhüterin, und Harald Schenk, Torwarttrainer, warten schon auf mich. Meine Bedenken zerstreuen die beiden zum Glück schon bei der Begrüßung, sie haben so gar nichts mit Kahn, Lehmann und Wiese zu tun – vor allem was das mit der Macke angeht. Puh, Glück gehabt.

Lisa, 14, hat mich im Rahmen unserer Serie „Wir unterwegs“ nominiert, gemeinsam mit ihr eine Trainingseinheit in Schenks Torwartschule zu absolvieren. Die Torhüterin aus Linnich ist das einzige Mädchen in der Gruppe, und sie hat ehrgeizige Ziele: Lisa will Profi-Fußballerin werden, das schreibt sie mir in einer Mail vorab, „und am liebsten auch Nationalspielerin“. Für so einen Traum muss hart gearbeitet werden, an sechs Tagen in der Woche dreht sich bei ihr alles um den Ball. Als ihre Nominierung auf meinen Schreibtisch flattert, denke ich trotzdem: „Machbar.“ Als Kreisliga-Verteidiger kenne ich mich schließlich ganz gut damit aus, im Spiel möglichst wenig zu laufen, und der Rest würde schon nicht so schwierig sein. Naja, soviel vorweg: Ich werde eines Besseren belehrt.

Mein erster Weg auf dem Sportplatz führt in die Kabine, Trainer Schenk hat mir ein Paar Handschuhe und ein Torwarttrikot zurechtgelegt. Einige Torhüter aus meiner Trainingsgruppe – alle zwischen elf und 15 – kommen in die Kabine, und als ich erzähle, dass ich heute mittrainiere, sagt einer von ihnen: „Du siehst gar nicht aus wie ein Torwart.“ Dass ich das auch gar nicht bin, wird beim Aufwärmprogramm klar. Die ersten Runden sind noch kein Problem, ein paar Läufe mit dem Ball unter dem Arm, das bekomme ich hin.

Das bleibt nicht lange so, mein frecher Spruch, dass Torhüter doch nur im Strafraum herumstehen würden, rächt sich, und ich komme ins Schwitzen. Das Bein angewinkelt in die Luft, den Ball darunter von der einen in die andere Hand, von außen nach innen, von innen nach außen, alles im Laufschritt. Ich schaffe es zwar, den Ball nicht fallen zu lassen, aber im Vergleich zu Lisa bin ich schrecklich langsam und sehe wahrscheinlich auch schrecklich blöd dabei aus.

Und dann kommt er auch schon, der erste Schuss: Ich stehe zwischen zwei Hütchen, Lisa schiebt den Ball mit der Innenseite auf mich zu, ich soll ihn festhalten. Der Ball rutscht mir durch die Finger. Lisa lacht. Zu Recht.

Die Torhüterin war gerade erst drei Jahre alt, da fing sie mit dem Fußballspielen an. Zunächst war sie Stürmerin bei der SG Gevenich/Körrenzig, als sie ein bisschen später nach Siersdorf wechselte, entschied Lisa, dass sie das Tore-Verhindern dem Tore-Schießen dann doch vorziehen würde. Warum? „Weil unser Torwart so schlecht war“, sagt sie. Lisa spielte mit Jungs, und dass sie großes Talent hat, wurde schnell klar.

Vor vier Jahren wechselte sie zu Alemannia Aachen, vor einem Jahr führte ihr Weg zur SGS Essen, deren Frauen-Mannschaft in der Bundesliga spielt. Mit ihrem Essener Team spielt Lisa gegen gleichaltrige Jungs, „das bringt mir einfach mehr, als gegen Mädchen zu spielen“, sagt sie. Deswegen hat sie gleich auch noch ein Zweitspielrecht für Viktoria Koslar, dort spielt sie in der B-Jugend – mit Jungs, gegen Jungs. Und der nächste Schritt auf der Karriereleiter steht bald an: Im Sommer wechselt Lisa nach Bad Neuenahr in die B-Juniorinnen-Bundesliga.

Es geht zur Torschussübung, und wieder sehe ich, wie gut Lisa ihr Handwerk beherrscht. Sie ist besser als der Großteil der Jungs in ihrer Trainingsgruppe, und natürlich ist sie viel besser als ich. Bei mir läuft es jetzt immerhin ganz gut, ich halte immer mehr Bälle und Trainer Schenk lobt mich immer öfter. Als Torwart muss man immer konzentriert sein, das habe ich jetzt verstanden.

Und dann kommt er, mein großer Moment: Ich laufe an, fange einen hohen Ball ab, sprinte zurück ins Tor, springe über ein gespanntes Seil, rolle mich im Anschluss darunter hindurch. Ich pariere den Schuss in die rechte Ecke, bin schnell wieder auf den Beinen – und wehre auch den Schuss ins linke Eck ab. Ich kann mir eine geballte Siegerfaust à la Kahn nicht verkneifen, ich glaube, Menschen klatschen zu hören, und Lisa lächelt zufrieden. „Am Anfang sah das alles sehr komisch aus, aber jetzt machst Du Dich ganz gut“, sagt sie. Endlich, ein Lob!

Ein bisschen fühle ich mich schon wie ein richtiger Torwart, und so fordere ich Lisa am Ende noch zum Privatduell heraus. Ein Schuss von mir, sie im Tor, ein Schuss von ihr, ich im Tor. Ich mache den Anfang. Und ziele aufs rechte Eck. Der Ball kommt gut, aber Lisa ist mit den Fäusten zur Stelle – Mist. Jetzt streife ich mir ein letztes Mal die Handschuhe über, dann läuft Lisa an. Sie schießt auch nach rechts, ich strecke mich. Ich komme dem Ball nah und näher, bin mit den Fingerspitzen dran, er schlägt trotzdem im Tor ein – unhaltbar, da bin ich sicher.

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