Seit zwölf Jahren als Fotograf in Krisengebieten unterwegs

Von: Robert Baumann
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Mali, Libyen, Kosovo, Irak, Afghanistan... Foto: privat
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Viermal gewann Maurizio Gambarini einen ersten Preis im Wettbewerb „dpa-Bilder des Jahres“. Zuletzt 2012. Da gelang ihm eine sehenswerte Aufnahme des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff (dpa-Bild rechts). Insgesamt 18 Motive ihrer Fotografen hatte die Deutsche Presse-Agentur 2012 ausgezeichnet. Eingesendet wurden knapp 1000 Bilder von dpa-Fotografen. Foto: Maurizio Gambarini

Aachen. Richtig bewusst wurde Maurizio Gambarini die Gefahr erst am Abend. Als er beim Betrachten der Bilder auf seinem Laptop das Geschehene noch einmal durchlebte. Wie knapp alles war. Und dass es tödlich für ihn hätte ausgehen können.

Der psychische und körperliche Stress machte sich jetzt erst bemerkbar. Sein Körper rebellierte: eine heftige Migräneattacke, Übelkeit und Erbrechen.

Ein paar Stunden zuvor, Irak, April 2004: Eine Gruppe US-Marines ist auf Patrouille, plötzlich fallen Schüsse. Ein Hinterhalt. In dem Feuergefecht sterben Menschen, es gibt Verletzte. Die amerikanischen Elite-Soldaten erbitten Verstärkung aus ihrem Basislager. Kurz darauf rückt eine Nachhut aus. Mit dabei Maurizio Gambarini, Fotograf der Nachrichtenagentur dpa (Deutsche Presse-Agentur). Vor Ort angekommen, geht Gambarini mit vier Marines in einem Graben in Deckung. Weiter fallen Schüsse. Als sie den Graben wieder verlassen, passiert es. Eine Kugel trifft den Fotografen an Arm und Rippe, er geht zu Boden. „Ich habe zuerst gar nichts gemerkt“, erinnert er sich. „Ein Aufständischer hat mich wohl für einen Soldaten gehalten.“ Erst als er sich hinter einer Ecke in Sicherheit bringen kann, spricht ihn ein Marine auf seine blutende Wunde an. „Das war alles halb so wild“, sagt Gambarini heute.

Der 49-Jährige arbeitet seit zwölf Jahren für die dpa und ist schon viel in der Welt herumgekommen. Mali, Libyen, Kosovo, Afghanistan. „Überall dort, wo es knallt“, wie er selbst sagt. „Das ist immer spannend.“ Wenn es gefährlich werde, verstecke man seine Angst gerne hinter der eigenen Kamera und versuche, professionell seinen Job zu machen. Besonders oft war er in Afghanistan. „In den letzten zehn Jahren bestimmt 40 Mal“, schätzt Gambarini. Die Dauer seiner Aufenthalte sind sehr unterschiedlich. Im Irak war er schon drei Monate am Stück. Mit dem damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler hingegen hielt er sich für nur drei Stunden in Afghanistan auf.   

Bevor Gambarini das erste Mal in ein Krisengebiet flog, wurde er ausgebildet. Nicht im Umgang mit der Kamera – die beherrscht er im Schlaf. Die Ausbildungsinhalte sind andere: Verhalten bei Geiselnahme und an Checkpoints, erweiterte Erste Hilfe und so weiter. Am Vereinte Nationen-Ausbildungszentrum in Hammelburg bildet der Presse- und Informationsstab des Bundesministeriums der Verteidigung eine Woche lang Journalisten aus, die aus Krisengebieten berichten. Gambarini hat das schon mehrmals gemacht. „Die Berufsgenossenschaft besteht darauf“, erklärt er. Und dieses Training macht Sinn. „Fotografen sind nicht bei allen beliebt. Die Taliban wollen natürlich nicht, dass schlecht über sie berichtet wird“, sagt Gambarini. Auf einige hilfreiche Tipps hat er schon zurückgreifen müssen. So parkt er sein Auto in Fluchtrichtung. Und seinen Fahrer weist er an, immer im Auto zu bleiben. „Dann muss ich ihn im Ernstfall nicht noch suchen“, sagt der Fotograf.

Zu viel riskieren würde Gambarini für ein gutes Foto nicht. „Die Bilder, die am gefährlichsten für einen selbst sind, drücken oft am wenigsten aus“, sagt er. „Gute Bilder haben mit Kampfhandlungen nichts zu tun. Zerstörte Gebäude oder Opfer sind die besseren Bilder, die auch öfter gedruckt werden“, erklärt der erfahrene Fotograf. Dennoch habe die dpa natürlich ethische Richtlinien, und nicht jedes Foto werde auch veröffentlicht. So hätte die dpa Bilder von massakrierten, verbrannten Menschen, die in der irakischen Stadt Falludscha an einer Brücke aufgehängt wurden, nicht gesendet.       

Als wir Gambarini telefonisch in seinem Berliner Büro erreichen, kommt er gerade vom Flughafen. Diesmal kehrt er aber nicht aus einem Krisengebiet heim. Auf dem Flugfeld hatte er den belgischen König Philippe und Königin Mathilde vor der Linse, die auf Deutschland-Besuch sind. Gleich muss er wieder mit seiner Kamera raus. Die ukrainischen Oppositionspolitiker Vitali Klitschko und Arseni Jazenjuk treffen Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Das ist ein sehr abwechslungsreicher Job“, sagt Gambarini.

Mit den vielen Bildern, die er täglich aufnimmt, ist er selten richtig zufrieden. Dass er aber ein richtig Guter seiner Zunft ist, hat der 49-Jährige schon mehrfach bewiesen. Viermal gewann er einen ersten Preis im Wettbewerb „dpa-Bilder des Jahres“, der in verschiedenen Kategorien vergeben wird. Zuletzt 2012. Da gelang ihm ein sehenswerter Schnappschuss des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff. „Es war der Tag seines unsäglichen Interviews im ZDF“, erzählt Gambarini. Nach dem Interview wurde Wulff in einer dunklen Limousine chauffiert, der Wagen bog um die Ecke, musste aber an einer roten Ampel warten, erinnert sich der Fotograf. „Ich hatte nur ein paar Sekunden Zeit und habe abgedrückt. Es war ein bisschen Glück, aber auch Können. Dann noch das Gegenlicht einer Fernsehkamera durch die Scheibe – perfekt“, sagt der dpa-Fotograf.

Macht der Bilder

Der Macht seiner Bilder ist sich Gambarini bewusst. „Wir wissen, was wir mit Bildern bewirken können und gehen damit sehr verantwortungsbewusst um“, sagt er. „Wir versuchen so objektiv wie möglich zu sein, aber ein Bild ist immer subjektiv. Wenn ich zum Beispiel meinen Standpunkt verändere und nur einen Meter weiter nach rechts gehe, sieht alles schon ganz anders aus.“ Viel kritischer sieht Gambarini die Bildbearbeitung, für die es bei der dpa strenge Richtlinien gibt. „Wir dürfen ein Bild beschneiden und die Belichtung korrigieren, wenn etwas zu hell oder zu dunkel ist, das war’s“, sagt er.

Sein persönliches Lieblingsmotiv hat übrigens rein gar nichts mit Prominenten oder Krisengebieten zu tun. Dafür muss Maurizio Gambarini auch nicht reisen oder sich auf einem Flugfeld die Beine in den Bauch stehen, sondern
einfach zu Hause bleiben. Denn sein liebstes Motiv ist sein Hund, Border Collie „Mumpitz“.

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