Seit 50 Jahren fester Anker für Polizisten in NRW

Von: Thomas Vogel
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Aachen. Freude, Erleichterung, Erschöpfung - viele Gefühle sind auf die Beamten der Sonderkommission Mirco eingeprasselt, als klar war: Der Täter ist gefasst. „Da sind schon Tränen geflossen”, erinnert sich Georg Küpper, Leiter der Polizeiseelsorge im Bistum Aachen.

Der Erkelenzer hat die Frauen und Männer der Soko rund ein halbes Jahr lang intensiv seelsorgerisch begleitet. Während die Beamten im Dienst abgeklärt auftreten müssen, können sie bei den Seelsorgern über ihre Sorgen und Nöte reden. „Die Bedeutung der Polizeiseelsorge ist durch das Alltagserleben deutlich gewachsen und auch nicht mehr wegzudenken”, sagt der 62-Jährige. Auf die Frage, ob es nicht auch ohne gehe, schmunzelt er und erwidert: „Es würde ohne uns gehen - aber mit uns geht es deutlich besser”.

50 Jahre ist die Polizeiseelsorge mittlerweile alt. Damals, 1962, hatte sich das Land NRW mit den katholischen Bistümern und den evangelischen Landeskirchen über deren Engagement verständigt. Aus der anfänglich jeweils eigenen Ausrichtung in der Arbeit ist inzwischen ein gutes ökumenisches Miteinander geworden.

Der intensive Kontakt der Seelsorger zu den Beamten musste sich erst entwickeln. „Früher war es eigentlich etwas Besonderes, wenn ein Polizeipfarrer ankündigte, in die Dienststelle zu kommen. Heute ist es Alltag”, erzählt Willi Jörres. Der Pressesprecher der Dürener Polizei meint das im besten Sinne. Dabei ist die Selbstverständlichkeit, mit der die Polizeiseelsorger sich in den Dienststellen bewegen, ihre Währung, Vertrauen ihr Kapital. Da ranzukommen, ohne präsent zu sein - unmöglich. In der Region ist die Voraussetzung gut: auf 1000 Polizisten kommt ein Polizeiseelsorger. Das ist nicht überall so. Im Extremfall ist ein Seelsorger für ein ganzes Bundesland zuständig.

Das Angebot der Kirchen ist wichtig für die Polizei. Die Beamten sehen und erleben viel im Dienst, oft Dinge, die nicht einfach zu verarbeiten sind. Das kann Angehörige der Spurensicherung, die vom Einbruch bis zum Leichenfund alles direkt und ungefiltert mitbekommen, ebenso betreffen wie Polizisten, die tagtäglich mit kleinen Körperverletzungen und Ähnlichem, zu tun haben. Sogar Führungskräfte, die in ihrer hohen Verantwortung manchmal einsam sind, suchen den Kontakt zum Polizeiseelsorger. Die helfen mit Gesprächen, in denen sie je nach Situation mal kritisch nachfragen, Denkanstöße geben oder einfach nur zuhören. Und sie können noch mehr: Sie vermitteln als Mediator in Konfliktsituationen, spenden die Sakramente oder bieten ihre Hilfe in Krankheits- und Trauerfällen an.

In den Kreisen Düren und Heinsberg ist Pastoralreferent Mario Schleypen der Seelsorgeprofi. An einem typischen Tag kommt der 51-Jährige morgens in einer der sieben Dienststellen an, für die er zuständig ist, bewegt sich durch das Gebäude und hält an offenen Türen auf ein „Hallo, wie gehts?”. Ab und zu entwickelt sich daraus ein Gespräch, das auch mal eine Stunde oder länger dauern kann. Ein anderes Mal hat niemand Zeit oder Lust, sich zu unterhalten. „Da ist Sensibilität gefragt, ob ein Gespräch angebracht, gewünscht ist, oder nicht”, erklärt er. Diese Sensibilität hat Schleypen sich in den zehn Jahren seiner Tätigkeit angeeignet.

Wie die Seelsorge vor Ort konkret aussieht, hängt ganz wesentlich von der Persönlichkeit des Seelsorgers ab. Während es den einen zur Arbeit direkt am Einsatzort zieht, ist ein anderer der Typ für Seminararbeit. „Ab und zu bekomme ich zu hören: ?Du verdienst dein Geld doch mit Kaffeetrinken. Ein Stück weit stimmt das auch. Ein Kaffee kann die Tür zu einem Gespräch sein”, sagt Schleypen.

Polizeiseelsorger sind keine Maschinen, an denen alles abprallt. „Da muss man auf seine seelischen Grenzen achten”, sagt Schleypen. Seelischer Mülleimer möchte er nicht sein. Und: „Nein sagen” gehört zum Job. „Wenn ich aus einem intensiven Gespräch komme, bin ich erstmal erschöpft. Kommt dann eine neue Anfrage, kann es schon sein, das ich sage: gerne, aber bitte später. Einfach, weil ich dem Menschen dann aus meiner Sicht nicht mehr gerecht werden könnte”, sagt der Eschweiler.

Täglich 30 Minuten Reflektion

Täglich nimmt er sich 30 Minuten, um über seine Arbeit zu reflektieren, spricht häufig und ausführlich mit seinem Vorgesetzten Küpper und begibt sich unter die Supervision von Profis aus dem Bistum. Alles, um das zu verarbeiten, was er bei der Arbeit erfahren hat. Privat nutzt er den Sport als Ventil. Sport und die Natur, deren Stille er als perfekten Kontrast zu den vielen Gesprächen im Beruf erlebt.

Am nächsten Morgen, die Akkus geladen, macht er sich dann wieder auf den Weg in die Dienststellen. Denn Schleypen weiß, dass Polizisten bei ihren Alltagserlebnissen schon einmal zu zweifeln beginnen. „Darüber den Glauben an die Menschheit nicht zu verlieren - dazu möchte ich mit meiner Arbeit einen Beitrag leisten.”
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