Aachen - Sein Leben dreht sich wie die Spielsymbole

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Sein Leben dreht sich wie die Spielsymbole

Von: Carsten Rose
Letzte Aktualisierung:
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0,00 Euro auf dem Geldspeicher: Wer glücksspielsüchtig wird, verliert am Ende meist alles. Kaum jemand begibt sich von selbst in die Therapie. Foto: dpa
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In fünf Jahren Beziehung sind Lara (l.) und Stephan trotz seiner Spielsucht ganz eng zusammengerückt. Er ist „trocken“ und nach der Therapie kam ihr Sohn zur Welt. Foto: Carsten Rose

Aachen. Als Stephan das erste Mal den Startknopf eines Spielautomaten drückt, weiß er noch nicht, dass nicht nur die Symbole auf dem Bildschirm eine ungeahnte Konstellation ergeben werden. Auch sein Leben dreht sich anders. Und zwar fortlaufend in dieselbe Richtung – die falsche.

Stephan wird mit 22 Jahren glücksspielsüchtig. Es passiert während seiner Suchtphase nur einmal, dass er etwas gewinnt, das er nicht wieder verspielt. Es ist die Gunst seiner heutigen Ehefrau, die ihm Liebe schenkt, obwohl Stephan dreimal ihr Vertrauen bricht. Und die ihm bewusst keinen einzigen Cent gibt.

Stephan und seine Frau Lara, 25, möchten unerkannt bleiben, ihre Namen sind geändert. Er ist heute 29 und „trocken“ dank einer anderthalbjährigen Therapie bei der Suchthilfe Aachen, einer Einrichtung von Caritas und Diakonie. 158 Betroffen und 32 Angehörige haben dort im vergangenen Jahr Hilfe gesucht; 3640 Betreuungen in 116 Einrichtungen waren es in Nordrhein-Westfalen in 2014.

Sechs Euro und eine Cola

Als Stephan 2008 das erste Mal eine Spielothek betritt, kennt er Lara noch nicht. Er geht alleine, fünf Minuten Fußweg von seiner Wohnung entfernt. Die Bedienung lockt den schüchternen 22-Jährigen mit sechs Euro Freiguthaben und einer Cola. Er kommt wieder und verspielt dann sein eigenes Geld. Stephan verdient nicht übermäßig viel, dennoch wächst der Einsatz.

Parallel der Verlust und – das Minus auf seinem Konto. Stephan nimmt einen Dispokredit in Höhe von 1500 Euro auf. Den Übergang zur Sucht nach drei, vier Monaten nimmt er nicht wahr. Wohlgleich fällt ihm auf, dass ihn nicht mehr der Spaß, sondern nur ein Gedanke steuert: Wie bekomme ich das verspielte Geld wieder? Also drückt er weiter den Startknopf. Drei Jahre lang.

Sein größter Glücksfall ereignet sich nicht am Automaten, sondern bei ihm zu Hause, während er auf der Arbeit ist. Seine Freundin Lara findet beim Aufräumen eine Gutschrift der Spielhalle und Kontoauszüge mit tiefroten Zahlen. Um zu erfahren, was dahinter steckt, lässt sie Stephan von Freunden abends verfolgen. Stephans Mutter, seine Schwester und Lara stellen ihn zur Rede – unter Tränen bittet er um Hilfe. Dass er spielsüchtig ist, ist ihm da schon bewusst.

Rückblickend sagt er, dass er bei vielen Dingen keine positiven Gefühle mehr gespürt hat, wie beispielsweise beim Spielen mit seinem jungen Patenkind. Seine Gedanken drehen sich nur ums Geld, das er wiederbekommen muss. Er traut sich nicht, darüber zu reden. Keiner in seinem Umfeld hat etwas gemerkt, schon gar nicht Lara. Beide begegnen sich erst während seiner Sucht; sie sitzen im selben Bus. Lara kennt Stephan nur als den introvertierten Mann, der sie als Freund auf Händen trägt. So etwas hatte sie noch nie gehabt. Deswegen verlässt sie ihn nach weniger als einem Jahr Beziehung auch nicht, sondern geht mit ihm Mitte 2011 zur Suchthilfe. Sie bringt ihn das erste Mal dazu, den Stoppknopf zu drücken. Seine Familie leiht ihm das Geld, um das Konto wieder auszugleichen.

„Ich war in keinem Moment sauer, dass sie geschnüffelt haben“, sagt Stephan heute. „Es war pure Erleichterung, zu wissen, dass es raus ist und ich es vielleicht schaffen kann, da raus zu kommen.“ Er lässt sich auf eine Beratung bei Kristina Latz, 29, ein. Sie arbeitet seit 2008 bei der Suchthilfe in der Hermannstraße in Aachen. Es sei normal, dass Erkrankte nicht von sich aus den Schritt machten, sondern ein Impuls von außen kommen müsse. „Dass man etwas tut, obwohl man weiß, dass es schadet, ist der Kern der Sucht“, erklärt Latz, „das hat nichts mit Willen zu tun. Es ist schwierig, von selbst Abstand zu gewinnen.“

Ein bekanntes Phänomen sei auch, dass viele Betroffene nur mit minimalem Aufwand gegen diese Krankheit angehen. Sie entscheiden sich nach mindestens drei Monaten Beratung und Motivationsgruppen mit anderen Betroffenen nicht für die ambulante Therapie. Damit lege man ein Jahr lang zwei Termine pro Woche fest. Auch Stephan tut das nicht. „Ich hatte das Gefühl, ich bin clean“, sagt er. Dieses vermeintlich sichere Gefühl, erklärt Expertin Latz, sei der größte Risikofaktor. Die Wahrscheinlichkeit, wieder zu spielen, erhöhe sich auch, wenn ein Betroffener Schicksalsschläge erleide.

Er verliert seinen Job und wegen eines Rohrbruchs muss er seine Wohnung verlassen. Einbrecher verwüsten seine neue Wohnung kurz vor Weihnachten: Bargeld, Geschenke – alles weg. Eines Morgens auf dem Weg zur Arbeit wird er niedergeschlagen und ausgeraubt. Und dann brennt sein Schlafzimmer mit viel Hab und Gut ab, während er im Wohnzimmer sitzt. Alles passiert binnen weniger Monate bis Mitte April 2012. Stephan verarbeitet das sehr schlecht, vor allem den Brand. Das sei das schlimmste Erlebnis seines Lebens gewesen. Was dazu kommt: Auf der Arbeit erfährt er keinen Rückhalt, wird sogar aufgezogen. Er lässt sich seinen Schmerz nicht anmerken, frisst wieder alles in sich hinein. Irgendwann drückt er wieder den Startknopf eines Automaten. Täglich, zwei Monate lang – dabei merkt er erst nicht, wie er 7700 Euro verspielt. Es ist die Summe, die ihm die Versicherung nach dem Brand zahlt.

Er weiß, er ist rückfällig geworden und fährt zu seiner Mutter. Er hat Angst um seine Freundin, er will reden – aber er schafft es nicht. Keinen Worten lässt er dann eine unüberlegte Tat folgen: Er glaubt, die Bankenwerbung, die ihm sonst im Briefkasten nie auffällt, verhilft aus seiner Misere. Er nimmt einen Kredit von 7000 Euro auf, damit niemand merkt, dass jemals Geld auf dem Sparbuch gefehlt hat. Was er nicht bedenkt sind die Rückzahlung und die hohen Zinsen – am Ende gewinnt nicht nur beim Glücksspiel immer die Bank. Wo nimmt er jetzt 150 Euro für die monatliche Ratenzahlung her? Stephan drückt den Startknopf.

Als auch der Kredit verzockt ist, findet Lara die Bankunterlagen. Sie nimmt ihm abermals die Entscheidung ab, seine Probleme offenzulegen. 8000 Euro Schulden hat Stephan bei der Bank. Lara bleibt ihrer Linie treu und gibt ihm keinen Cent, aus ihrer Familie tilgt ein Angehöriger die Schulden komplett. Seine Finanzen sind wieder geregelt, zumal seine Schwester mit ihrem Ersparten sein Konto ausgleicht. Die Frage, wie Stephan seine Verluste wieder reinholt, stellt sich ab sofort nicht mehr. Es ist Spätsommer 2013, alles scheint gut und eine Therapie immer noch in ganz weiter Ferne. Seine Familie und ganz besonders Freundin Lara haben für ihn wieder den Stoppknopf gedrückt.

Für das, was dann eines Morgens im Oktober 2013 passiert, schämt sich Stephan. Er verspielt 500 Euro. Diese Tatsache ist verglichen mit den Schulden, die er hat, und der ungezählten Summe, die er in den ersten drei Jahren verspielt hatte, scheinbar nicht dramatisch. Doch es ist weder sein Geld noch das einer Bank. Er hat es geklaut, warum – das kann er sich nicht erklären. Dass auch dieser Rückfall rauskommt, verdankt er wieder Lara. Sie ist am Boden zerstört.

Der Rückfall an sich ist für sie nicht schlimm. Der erneute große Vertrauensbruch schockiert sie. Aber sie verlässt ihn nicht. Aus Liebe und – wegen einer essenziellen Einsicht: Stephan ist krank. „Ich musste ihm helfen, weil es eine Krankheit ist wie die Alkoholsucht. Sie wird einen ein Leben lang begleiten“, sagt sie sich und ihren Eltern, die die fünfjährige Beziehung ihrer Tochter mit einem Glücksspielsüchtigen nur widerwillig akzeptieren würden. Lara drückt zum hoffentlich letzten Mal den Stoppknopf. Dass eine Frau so lange in einer Beziehung mit einem Suchterkrankten bleibt, sei etwas Besonderes, sagt Kristina Latz.

Hochzeit während der Therapie

Lara und Stephan heiraten während der Therapie, nach dieser bekommen sie einen Sohn. An dem Morgen, bevor sie die Geschichte ihrer besonderen Beziehung erzählen, wird Stephan für einige Minuten unruhig. Lara fehlen 40 Euro im Portemonnaie. Ohne dass sie ihn in Verdacht zieht, will Stephan beweisen, dass er damit nichts zu tun hat – dabei hatte sie schlicht vergessen, dass sie beim Friseur gewesen ist. In solche Situationen, sagt Stephan, werde er noch Hunderte Male kommen. Er weiß, dass er sich das selbst zuzuschreiben hat.

Die Schuld wolle er nicht von sich auf die Bedienung übertragen, die ihm die ersten sechs Euro zum Spielen gegeben hat, an dem Tag, als er das erste mal den Startknopf drückt. Das ist nun sieben Jahre her – nach dem Lara seinen letzten Rückfall vor fast zwei Jahren bemerkt hat, habe er nie wieder den Startknopf gedrückt.

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