Aachen - Sehr spirituell: Warum Aachen ein Zentrum der Philosophie ist

Sehr spirituell: Warum Aachen ein Zentrum der Philosophie ist

Von: Peter Pappert
Letzte Aktualisierung:
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In seinem Arbeitszimmer in Aachen: Raúl Fornet-Betancourt, Professor für Interkulturelle Philosophie. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Es begann im Grunde mit Jean-Paul Sartre . . . Als Standort einer der führenden Technischen Hochschulen hat Aachen international einen guten Ruf. Dass die Stadt seit Jahrzehnten aber auch als Zentrum eines internationalen philosophischen Austauschs weltweit geschätzt wird, ist hier weniger bekannt – fast unbekannt. Der Initiator dessen heißt Raúl Fornet-Betancourt, Professor für Interkulturelle Philosophie. Aber der erste Anstoß kam von Sartre.

Nach einem Studienaufenthalt in Peru lernt Fornet-Betancourt den berühmten französischen Philosophen und Dramatiker 1976 in Paris kennen. Der ermutigt ihn und seinen Freund Alfredo Gómez-Müller, eine Publikation herauszugeben. „Wenn Ihr meint, Ihr hättet in der Philosophie etwas zu sagen, müsst Ihr eine Zeitschrift gründen“, habe Sartre ihnen damals gesagt. Also gründen die beiden die Internationale Zeitschrift für Philosophie „Concordia“. In der ersten Ausgabe am 1. November 1979 erscheint ein Interview mit dem großen französischen Intellektuellen; es war das letzte des fünf Monate später gestorbenen Literaturnobelpreisträgers.

Weltweites Netzwerk

Bis heute sind Fornet-Betancourt und Gómez-Müller Herausgeber dieser Zeitschrift, die zwei Mal jährlich erscheint und in Aachen verlegt und gedruckt wird. Der Name „Concordia“ ist Programm: „Uns war früh klar, dass die kulturellen Konflikte immer stärker werden. Die Welt wird leider immer unversöhnlicher. Eine Versöhnung ist nur durch Dialog möglich.“ In der Bibliothek von Missio, dem Internationalen Katholischen Missionswerk in Aachen, können 50 bis 60 theologische und philosophische Zeitschriften aus der Dritten Welt gelesen werden, die im Austausch mit der Zeitschrift aus Aachen stehen.

Die Hälfte der Produktionskosten von „Concordia“ wird durch den Verkauf gedeckt. „Wir zahlen drauf“, sagt Fornet-Betancourt. „Das ist ein persönliches Projekt; das ist es uns wert.“ Hinter dem „wir“ steht er. Es müsste heißen: „Ich zahle drauf.“ Aber so sagt er es nicht; das liegt ihm nicht. Mit der „Concordia“ und dem von Missio seit 1989 unterstützten Nord-Süd-Dialog-Programm hat er Aachen zum Weltzentrum eines einzigartigen philosophischen Netzwerkes gemacht, dessen Mitglieder aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Europa sich regelmäßig in Aachen treffen. Alle lateinamerikanischen und die meisten afrikanischen und arabischen Länder sind vertreten.

Aktuell dreht sich der Diskurs vor allem um das Verhältnis von Wissenschaft und Spiritualität. Fornet-Betancourt schätzt Spiritualität als Quelle der Erkenntnis. „Man sieht anders, und das ist mehr als ein Gefühl; das ist auch keine Mode oder Esoterik, sondern für mich eine Orientierung am Reich Gottes, an der geistigen Struktur der wirklichen Welt. Die Wissenschaft hat Spiritualität aufgegeben und ist funktional geworden.“

Der Grund dafür liege nicht nur in der empirischen Wissenschaft, die sich auf Erfahrung, Beobachtung beziehungsweise Experimente stützt, sondern in einer eher politischen Grundsatzentscheidung: „Gebraucht wird eine Wissenschaft, die Geld macht. Gebraucht wird Wissen, das instrumentalisiert werden kann, das industrialisierbar ist.“ Zuvor habe es in der europäischen Tradition keine Wissenschaft ohne spirituelle Erfahrungen und Dimensionen gegeben.

Als leuchtende Beispiele nennt Fornet-Betancourt den Physiker Werner Heisenberg (1901-1976) und den deutschen Universalgelehrten Carl Friedrich von Weizsäcker (1912-2007), Physiker und Philosoph. „Solche Gestalten, die in ihrem Denken und in ihrer Forschung Wissenschaft und Spiritualität verbunden haben, sterben aus.“ Wissenschaft werde heute technisiert. „Das waren Physiker, die noch Sinnfragen stellten. Heute haben wir eher Ingenieure, die fragen: Was können wir machen?“ Aber nicht mehr: Was können wir wirklich wissen?“

Insofern sieht Fornet-Betancourt die Situation an der RWTH als international bedeutsamer technischer Hochschule durchaus kritisch. „Die Philosophische Fakultät und auch die Theologie führen hier eine Randexistenz.“ Der Dialog sei schwierig. „Wir sind in einer Spirale des Gelderwerbs gefangen. Die Hauptsorge ist: Wie bekomme ich Drittmittel, um meine Forschung zu finanzieren? Das bleibt nicht ohne Folgen.“

Ein großer Teil dieser Mittel komme aus der Industrie. Fornet-Betancourt kritisiert eine Ökonomisierung der Universität. „Eine allein staatlich finanzierte Wissenschaft wäre freier. Wenn die Privatwirtschaft sich einmischt, interessieren bestimmte Fragen nicht mehr.“ Andererseits müsse sich die RWTH selbst mehr einmischen in die gesellschaftlichen und politischen Debatten.

Den interkulturellen Ansatz sieht Fornet-Betancourt als Antwort auf die eurozentrische Perspektive der europäischen Philosophie und auf die Barbarei des 20. Jahrhunderts. „Unsere Kultur und Bildung konnten den Nationalsozialismus und dessen Vernichtungswahn nicht stoppen.“

Die katholische Kirche in Deutschland und Europa habe im letzten halben Jahrhundert ihren Blick geweitet und sich für die Theologie der jungen Kirchen im Süden geöffnet. „Wir waren zuvor geradezu Opfer eines kognitiven Schwachsinns. Die europäische Theologie hatte alles verkopft. Wir haben Theorien auf Theorien gehäuft.“ Sich davon zu lösen, sei nicht zuletzt dem heutigen Papst zu verdanken. Theologen in Lateinamerika und ihre geistigen Partner seien schon zuvor vorangeschritten; mit Franziskus folge dem nun auch die offizielle Kirche.

Franziskanische Wende

Fornet-Betancourt beschwört den „neuen Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils“: die Öffnung zur Welt und für eine polyzentrische Kirche. „Wir nehmen den Begriff Weltkirche endlich ernst.“ Franziskus sei der erste Papst, der diese Kirche personifiziere, und insofern eine große Hoffnung. „Sein Pontifikat ist tatsächlich ein Wendepunkt für eine wirkliche Weltkirche, die Orientierung weniger aus bestimmten Dogmen gewinnt als vielmehr aus einer geistigen Haltung heraus.“ Grundlegend sei die von Franziskus propagierte Barmherzigkeit. „Es geht um die Öffnung der Herzen. Wer die Herzen nicht bewegt, bewegt gar nichts.“

Fornet-Betancourt ist zuversichtlich, dass diese Öffnung auch nach Franziskus wirken und fortbestehen wird. „Franziskus hat den Geist in Gang gesetzt. Diese spirituelle Erneuerung, diese Warmherzigkeit werden bleiben“, zumal der Papst mittlerweile auch strukturelle Veränderungen im Vatikan vornehme. Der Widerstand unter Priestern und Bischöfen in der europäischen Kirche gegen die franziskanische Wende sei aber immer noch stark – insbesondere in der römischen Kurie.

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