Jülich - „Science College”: Hightech-Herberge für Gott und die Welt

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„Science College”: Hightech-Herberge für Gott und die Welt

Von: Volker Uerlings
Letzte Aktualisierung:
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Geometrische Formen, klare Linien: Das Science College in Jülich-Barmen ist eine Herberge für naturwissenschaftliche Talente. Foto: Uerlings

Jülich. Die Boulevard-Schlagzeile von „Europas modernster Schule” ist schmeichelhaft, aber falsch. Das „Science College Overbach” (SCO) in Jülich ist keine Schule.

Mitten im Wald hinter der trügerischen Fassade eines alten Bauernhofes entstand eine „Jugendbildungseinrichtung” der besonderen Art. Flapsig formuliert: In dem futuristischen Neubau ist eine Hightech-Jugendherberge für Gott und die Welt zuhause. Die Unterscheidung ist Projektleiter Heinz Lingen wichtig. Er ist Schulleiter des Gymnasiums Haus Overbach nebenan.

Unter Hochdruck haben die zahlreichen Handwerksbetriebe aus der Region geschuftet, um rechtzeitig im Neubau fertig zu werden. Sie machen den Putzkolonnen Platz. Am Samstag muss alles glänzen. Dann kommt die Prominenz aus Berlin, Düsseldorf und der Region zur Einweihung.

Die „Ordensgemeinschaft der Oblaten des hl. Franz von Sales” (OSFS) mit Provinzial Pater Josef Lienhard an der Spitze hat ein Heim mit optimaler Arbeitsausstattung für experimentierfreudige junge Menschen geschaffen. Sie besuchen das Science College aber nicht über Jahre und erwerben einen Abschluss, sondern befristet von Fall zu Fall. Nicht jeder kann einfach kommen. Stattdessen mieten sich Organisationen aus ganz Deutschland im Haus ein, die selbst Teilnehmer auswählen.

Ein Beispiel ist die „Junior-Ingenieur-Akademie NRW”, die gezielt einen Workshop in Overbach veranstaltet und dabei Talente nicht nur über naturwissenschaftlichen Fragen brüten, sondern handfest experimentieren lässt. Etliche Einrichtungen, auch Ministerien in Berlin und Düsseldorf, haben großes Interesse an der Nutzung des Science Colleges gezeigt. Dabei bringt das Gymnasium Haus Overbach seine Vernetzung ein: Die Schule gehört einem Verbund von Leistungszentren in Naturwissenschaften an.

Laut Lingen ist das Science College bewusst als „offenes Angebot mit vielen kleinen Bausteinen” konzipiert. Die Einrichtung war Euregionale-Projekt und ist Indeland-Bestandteil. Von der Inde-land-Gesellschaft wechselt zum 1. Juli Rusbeh Nawab zum SCO, wo er als Bildungsmanager und Projektentwickler angestellt wird. Er kreiert dann eigene Angebote.

Wenn Heinz Lingen beim Rundgang von den Treppen in Helix-Form schwärmt, offenbart der Gymnasialdirektor seine Seite als gelernter Physiklehrer. Das College ist in Form und Konzeption einmalig und deshalb erklärungsbedürftig. Die geometrischen Linien des Gebäudes und der innen wie außen wiederkehrende grüne Farbton lassen erahnen: Hier sind Naturwissenschaften zu Hause.

„Das hat Hochschul-Niveau”, sagt Heinz Lingen und schnalzt leicht mit der Zunge, als er durch das Chemie-Labor geht. Gleich daneben befindet sich ein Hörsaal für 30 bis 40 Menschen. Die Wissenschaft von dem, was laut Schülermund „pufft und stinkt” (Chemie), ist örtlich die erste, die vom großzügigen Forum und dem spindelartigen Treppengang ab-geht. Es folgen Biologie und Physik - immer in gleicher Aufteilung mit Laboren und Hörsaal. Wo sonst als ganz oben ist die Astronomie zu finden, die über einen Innen- und Außen-Klassenraum verfügt. Auf einem Spezialpodest im Freien können die Teleskope und Optiken schwingungsfrei aufgebaut werden.

Der Fachbereich Biologie ermöglicht im „Sicherheitslabor 1” einfache gentechnische Versuche. Neben den Grunddisziplinen dient ein Gebäudeteil im SCO Forschungsarbeiten in der Nanotechnologie, ein anderer als mathematisches Simulationslabor. „Hier ist alles hochwertig”, sagt Projektkoordinator Harald von Reis stolz.

Die grün gestrichene Einrichtung im Grünen verfolgt ein strategisches Ziel: die Nachwuchsförderung im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich, die in der Region Aachen-Jülich fest etabliert ist und Weltruf genießt. Das Science College will junge Leute noch früher für die Wissenschaft begeistern. Insofern geht es den Verantwortlichen um Talente, aber nicht nur. „Wir können uns auch die gezielte Förderung von Berufseinsteigern vorstellen”, erklärt Heinz Lingen.

Die Nachbarschaft zur Schule ist kein Zufall: In beiden Fällen fungiert die Ordensgemeinschaft als Träger, der es gelungen ist, das Großprojekt zu stemmen. 7,8 Millionen Euro beträgt der Gesamtinvestitionsrahmen. Rund fünf Millionen Euro flossen von der öffentlichen Hand (EU, Bund, Land) als Zuschüsse. „Auch die Region Düren-Jülich hat eine beträchtliche Zahl von Fördermitteln zur Verfügung gestellt”, würdigt Projektleiter Lingen. Weitere Gönner aus Industrie und Wirtschaft werden auf einer Tafel im Science College verewigt. Eine Lücke blieb, die der Orden über ein Darlehen schloss. „1,2 Millionen Euro plus Zinsen”, sagt Pater Josef Lienhard ernst, aber mit Gottvertrauen.

Wer die private Nachwuchsuniversität nutzt, muss dafür zahlen. Kredit und Betriebskosten bilden fixe Belastungen. Die Unterhaltung ist aber durch ein hochmodernes Baukonzept vergleichsweise günstig.

Am Ende des Rundgangs kommt der Projektleiter im großen Forum an, das drei auf dem Dach installierte Spiegel („Heliostaten”) mit Licht versorgen. Hier können künftige Nutzer den Austausch pflegen - über Gott und die Welt. Das ist der kleinen Ordensgemeinschaft ein Herzensanliegen. Heinz Lingen erklärt es so: „Glaube und Wissenschaft - also scheinbar Widersprüchliches - treten hier in den Dialog.” Das Forum ist sein Lieblingsraum.
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