Schwere Mängel beim Kölner U-Bahn-Bau aufgedeckt

Von: dpa/ddp
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Kölner U-Bahnbau
Die Mängel beim Bau der Kölner U-Bahn sind noch weit schwerwiegender als bisher bekannt. Die Stadt Köln teilte am Donnerstagabend mit, dass in der innerstädtischen Baugrube Heumarkt zum Teil nur 17 Prozent der vorgesehenen Stahlbügel eingebaut wurden. Foto: dpa

Köln. In Köln kommen immer unglaublichere Dinge zum Bau der U-Bahn ans Licht. Die neueste Enthüllung: In den unterirdischen Wänden fehlen bis zu 83 Prozent der stabilisierenden Stahlbügel. Die Stadt erwog deshalb vorübergehend die Evakuierung von Häusern an der innerstädtischen Baugrube Heumarkt und eine Umleitung des Rosenmontagszugs.

Am Freitag versicherte Stadtdirektor Guido Kahlen jedoch, es bestehe trotz allem „keine Einsturzgefahr”. Der Rosenmontagszug könne wie geplant stattfinden. Es sei für die Kölner Bürger doch beruhigend zu wissen, „dass wir auch an den tollen Tagen sofort handlungs- und entscheidungsfähig sind”.

Der nordrhein-westfälische Bauminister Lutz Lienenkämper (CDU) betonte in Düsseldorf, es liege in erster Linie in der Verantwortung der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) als Bauherrin und der Stadt Köln, „die Sicherheit der Bürger beim Rosenmontagszug und auf U-Bahn- Fahrten zu gewährleisten.” Die „offensichtlich hochkriminellen Vorgänge” müssten dringend aufgeklärt werden.

Die Bügel fehlen offenbar auch an den neuentstehenden Haltestellen Rathaus und Waidmarkt. Am Waidmarkt war vor knapp einem Jahr das Stadtarchiv eingestürzt, vermutlich infolge des U-Bahn-Baus. Genaues ist noch immer nicht bekannt. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft kann der Einsturz allerdings nichts mit den fehlenden Bügeln zu tun haben.

Die neue U-Bahn-Strecke soll von Norden nach Süden durch die Innenstadt verlaufen. Der Bau begann bereits 2004, die Fertigstellung verzögerte sich immer weiter. Wegen des Archiv-Einsturzes wird jetzt erst für 2013 mit der Fertigstellung gerechnet.

Der Polier der Baustelle und einige Arbeiter sollen die Stahlbügel gestohlen und an einen Schrotthändler verkauft haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Der Präsident der Ingenieurkammer-Bau NRW, Heinrich Bökamp, sagte der Deutschen Presse-Agentur dpa, die jetzt enthüllten Mängel seien äußert schwerwiegend und nicht mehr entschuldbar. „Jetzt sieht man: Ein bisschen Sicherheit geht eben nicht. Eine unabhängige Überprüfung ist nicht zum Nulltarif zu haben.”

Experten hatten in der Nacht zum Donnerstag Wände in der Baugrube Heumarkt geöffnet, um zu prüfen, ob dort wirklich zu wenige Stahlbügel eingebaut worden waren. Was sie sahen, übertraf ihre schlimmsten Erwartungen: Teilweise waren nur 17 Prozent der vorgesehenen Bügel eingebaut worden. Feuerwehr und Polizei wurden daraufhin in Alarmbereitschaft versetzt. Bökamp sagte dazu: „17 Prozent ist nichts mehr. Die Sicherheit, die das Bauwerk haben muss, ist dann nicht mehr vorhanden.” Dagegen versicherte KVB- Vorstandssprecher Jürgen Fenske: „Es bestand keine Gefahr, und es besteht keine Gefahr.”

Der „Kölner Stadt-Anzeiger”, der als erster über die Missstände berichtet hatte, schilderte: „Oben feierten die Jecken fröhlich Weiberfastnacht, unten in der Grube der U-Bahn-Haltestelle Heumarkt wurde gemeißelt und gerechnet.” Die ersten Messergebnisse hätten den Stab um Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) dann aber aufatmen lassen.

Nach einem Bericht des „Spiegel” erwog die Stadtspitze im Januar zeitweise die Evakuierung von Teilen der Innenstadt wegen Sicherheitsbedenken. Die Stadtspitze habe mit Fachleuten großräumige Evakuierungen um den Waidmarkt vorbereiten lassen. Nach weiteren Prüfungen durch Sachverständige sei der Notfallplan fallen gelassen worden. Ähnlich hatte am Mittwoch bereits die „Kölnische Rundschau” berichtet. Ein Sprecher der KVB hatte daraufhin erklärt, er könne dies so nicht bestätigen - die Sicherheit werde ständig überprüft, und dabei spreche man viele Eventualitäten durch.

Bauprotokolle gefälscht?

Bei der Suche nach den Ursachen für den Einsturz des Kölner Stadtarchivs gibt es eine neue Spur. Die Schlitzwand-Lamelle 11 der U-Bahngrube Waidmarkt wird zu einem zentralen Punkt bei der Aufklärung der Katastrophe, wie der „Kölner Stadt-Anzeiger” (Samstagausgabe) berichtet.

Nach Informationen der Zeitung sind nicht nur die Werte des Vermessungsprotokolls dieses 3,40 Meter breiten Wandabschnittes verfälscht worden, sondern auch das Betonierungsprotokoll.

In dem rechtlich vorgeschriebenen Papier, das dokumentiert, ob ausreichend Beton in die Lamelle gefüllt wurde, seien Zahlen vertauscht worden. Dem Bericht zufolge ist vermutlich zu wenig Beton verarbeitet worden. Die Gutachter der Staatsanwaltschaft vermuten ein Leck in der unmittelbar vor dem ehemaligen Archiv eingebauten Lamelle 11, durch das Grundwasser in die Baugrube strömte, was schließlich zum Einsturz geführt haben könnte.

Nach Informationen der Zeitung könnte die Lücke dadurch entstanden sein, dass der 3,40 Meter breite Greifer zum Aushub der Lamelle in einer Tiefe von 30 Metern durch ein Hindernis beschädigt und dann gegen einen lediglich 2,80 Meter breiten Greifer ausgetauscht wurde. Nach dem Bericht der Zeitung soll es zudem 22 Lamellen mit falschen Vermessungsprotokollen geben.

Bei dem Einsturz des Stadtarchivs waren am 3. März 2009 zwei Menschen ums Leben gekommen. Einzigartige Archivschätze wurden verschüttet. Der Schaden beläuft sich auf mindestens eine halbe Milliarde Euro.


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