Schweizer Käse NRW: noch 30.000 unbekannte Bergbaurelikte

Von: Sarah Sillius und Udo Kals
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Stillstand auf der A 45 bei Do
Stillstand auf der A 45 bei Dortmund: Knapp drei Wochen war nach einem Tagebruch die Sauerlandlinie gesperrt. Die Löcher wurden mit Zement verfüllt. Möglich wäre ein solcher Tagebaubruch überall in NRW. 32 000 Schächte sind den Behörden Foto: Dieter Menne

Aachen/Dortmund. Plötzlich öffnet sich die Erde. Mitten auf der Autobahn. Ohne Vorwarnung. Auf der A 45 zwischen Dortmund und Frankfurt ist das am 17. Januar passiert. In nur vier Metern Tiefe entdeckten Experten Hohlräume unter dem Mittelstreifen der sogenannten Sauerlandlinie.

Glück im Unglück, denn auf dem Fahrstreifen hätte das Loch durchaus ein Auto verschlucken können. Ursache des Hohlraums ist oberflächennaher Altbergbau. Genauer gesagt befand sich unter der Asphaltdecke der Flöz Eisenstein.

Auch in Teilen der Region an den Autobahnen 4 und 44, insbesondere im Norden von Aachen, wurde Steinkohle abgebaut. Könnten also Tagesbrüche auch bei uns auftreten?

„Ein solcher Fall ist eher unwahrscheinlich”, meint Bernd Löchter, Sprecher des Landesbetriebs Straßen. NRW mit Sitz in Gelsenkirchen. Zwar habe es in der Vergangenheit immer mal wieder auf verschiedenen Autobahnen kleinere Absackungen gegeben, sagt Löchter. Als Beispiel nennt er die A 1 bei Kamen sowie die A 40 und die A 57. „Doch der Vorfall bei Dortmund hat eine bisher noch nicht bekannte Größenordnung”, sagt Löchter und fügt an: „Dennoch veranlasst uns das nicht, nun großräumig an den Autobahnen in potenziell gefährdeten Bereichen mit Probebohrungen zu beginnen. Da können wir ja das ganze Ruhrgebiet untersuchen.” Das Autobahnnetz mit 2000 Kilometern allein in NRW sei einfach viel zu groß. Zudem hätten sich die regelmäßigen Fahrten der Streckenkontrolleure bewährt: „So haben wir bislang immer frühzeitig reagieren können”, sagt Löchter.

Auch die NRW-Abteilung Bergbau und Energie der Bezirksregierung Arnsberg beschäftigt das Thema. Insgesamt sind der Behörde 32 000 Schächte in Nordrhein-Westfalen bekannt. „Wir gehen aber davon aus, dass es weitere 20.000 bis 30.000 Schächte gibt”, sagt Andreas Nörthen vom Bergamt der Bezirksregierung Arnsberg. „Jeden Tag kommen neue unentdeckte Bergbauschäden hinzu.” Pro Jahr würden etwa hundert Tagesbrüche gemeldet.

Nörthen geht davon aus, dass der Frage nach Bergbaueinwirkung beim Bau der Autobahnen in der Region nachgegangen wurde. Die Schwierigkeit liege aber darin, dass nicht alle Schächte dokumentiert sind. Für 2000 der bekannten Schächte, alle im Ruhrgebiet, gebe es ein Präventivprogramm. Priorität hätten bei der Überprüfung Gefahrenstellen unter Schulgebäuden, Kindertagesstätten oder Krankenhäusern.

Die Autobahnen A 4 und A 44 liegen nach Angaben von Volker Wrede vom Geologischen Dienst NRW alle außerhalb des oberflächigen Bergbaus. Falls sich im Umkreis von ehemaligen Gruben wie Anna in Alsdorf, Adolf in Herzogenrath-Merkstein oder Emil Mayrisch in Siersdorf noch Hohlräume befinden sollten, „dann mehrere Hundert Meter unter der Erde”, schätzt Wrede. „So besteht keine Einsturzgefahr.”

Und wenn doch? Dann spiele sich der gleiche Vorgang wie in Dortmund ab, sagt Nörthen. Der Landesbetrieb Straßen. NRW sei für eine schnelle Absperrung zuständig. Die Bergbehörde unterstütze die Gutachter zum Beispiel mit nötigen Unterlagen. „Sie gibt bei Beteiligung Informationen zu den bergbaulichen Verhältnissen, also verzeichnetem und möglichem nicht verzeichneten Abbau, zu bekannten Tagesöffnungen wie Schächten und Stollenmundlöchern”, sagt Nörthen.

Zu Anpassungs- und Sicherungsmaßnahmen verweise die Bergbehörde an die verantwortlichen Feldeigentümer beziehungsweise Bergwerkseigentümer, soweit die bekannt und noch existent sind.

„Erst nach der Überprüfung wird gebohrt, bis in 35 Meter Tiefe”, erklärt Nörthen. „Wenn Hohlräume oder Auflockerungszonen gefunden werden, werden sie zunächst mit pumpfähigem Beton verfüllt, anschließend mit Druckbeton. So entsteht eine fächerförmige Betonverriegelung.” Die Arbeiten auf der A 45 dauerten knapp drei Wochen. Bis Sonntagmittag blieb die Autobahn zwischen den Autobahnkreuzen Dortmund/Witten und Dortmund-Süd in beiden Richtungen gesperrt. Ein beheiztes Großzelt sorgte dafür, dass die Arbeiten trotz Frost weitergehen konnten. Eine Spezialfirma füllte 80 Bergbaulöcher mit 800 Tonnen Zementgemisch.

Keine Vorhersage möglich

Vorhersagen, zum Beispiel anhand von Schwingungen unter der Erde, lassen sich bei Tagesbrüchen keine treffen, sagt Klaus Lehmann vom Geologischen Dienst NRW.

Auch im Fall Dortmund gab es keinerlei Warnung. „Das sind ganz lokale Ereignisse, die längst nicht so einen Effekt haben wie Erdbeben”, erklärt Lehmann. Nur wenn sich der Tagesbruch in unmittelbarer Nähe zu einer Erdbebenstation befinde - bei 13 Stationen in NRW eher unwahrscheinlich - oder wenn es sich um einen extrem großen Bruch handle, könnten Schwingungen erkennbar sein. Auch wenn es keine direkten Hinweise auf Hohlräume unter den Autobahnen in der Region gibt - „die Gefahr ist nie ganz auszuschließen”, sagt Professor Axel Preuße, RWTH-Experte für Bergbauschäden. Und auch Wrede meint: „Das Risiko besteht. Das Thema wird uns noch lange beschäftigen.”
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