Schulessen: Nicht alle Schulen erhalten einen blauen Brief

Von: Lukas Franzen, Beatrix Oprée, Georg Pinzek
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Selbst gekocht wird auch an der OGS Zweifall. Obst und Rohkost sind hier hoch im Kurs. Foto: Beatrix Oprée, Lukas Franzen, Georg Pinzek
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Dagmar Thorand, Vorsitzende des Mensavereins Würselen, ist nicht nur die Qualität, sondern auch eine gute Atmosphäre wichtig. Foto: Beatrix Oprée, Lukas Franzen, Georg Pinzek
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Alles hausgemacht: An der Gesamtschule Herzogenrath-Merkstein sind dafür Danuta Nickchen (l.) und Beate Kaliga zuständig. Foto: Beatrix Oprée

Region. Matschig, nicht frisch, zu viel Fleisch, zu wenig Gemüse: Für das Essen in Schulkantinen gab es vorige Woche schlechte Noten. Eine Studie der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften bemängelt, dass Schulnahrung zu unausgewogen sei.

Und der Jahresbericht der deutschen Lebensmittelüberwachung legt offen, dass 2013 jeder dritte Kühltransport mit Fisch oder Fleisch zu warm, das Mensaessen dagegen oft nicht warm genug gewesen sei: Keimgefahr.

Alles das veranlasste Bundesernährungsminister Christian Schmidt, dem Mensaessen einen blauen Brief auszustellen. „Diesen Schuh ziehen wir uns erst gar nicht an“, sagt Marie-Luise Creutz von der Offenen Ganztagsgrundschule (OGS) in Stolberg-Zweifall, die für das Schulessen von 131 Schülern verantwortlich ist.

Der Grund liegt auf der Hand: Von zehn Grundschulen in Stolberg wird nur an dieser selbst gekocht – von Johanna Willms, Petra Rütgers und Biggi Gras, von Schülern und Lehrern liebevoll „Küchenmäuse“ genannt. Sie stellen den Speiseplan zusammen, kaufen ein, kochen und geben das Essen aus. „Wir fanden es wichtig, dass die Kinder mitbekommen, wie Essen gemacht wird“, sagt Schulleiterin Ute Esser.

„Alles ist wie bei den Kindern zu Hause. Das Essen kommt direkt von nebenan.“ Genau wie die Zutaten: Das Fleisch ist vom Fleischer aus dem Nachbarort, das meiste Obst von einem Bauern aus Eschweiler und den Großeinkauf erledigen die „Küchenmäuse“ jeden Dienstag auf dem Zweifaller Wochenmarkt.

An diesem Tag gibt es Nudeln mit Tomatensoße und Thunfisch. Rohkost und Obst sind fester Bestandteil des täglichen Speiseplans. Als Nachtisch steht Quark mit oder ohne Pfirsichen zur Auswahl. Und was es in den nächsten zwei Wochen gibt, steht auf der Homepage der Schule.

„Bei der Zusammenstellung der Speisepläne legen wir Wert darauf, dass es nicht immer nur fettiges Schweinefleisch gibt, sondern auch mal Pute oder Rind“, sagt Ute Esser. Außerdem gebe es mindestens einmal pro Woche Fisch sowie ein vegetarisches Gericht. „Auch Currywurst mit Fritten oder Pizzabrötchen müssen manchmal einfach sein“, ergänzt Marie-Luise Creutz.

Mittlerweile aber seien fleischlose Gerichte der Renner: Frisches Tagesgemüse mit Rösti, Kartoffelspalten mit Kräuterquark, Möhrengemüse mit Kartoffelpüree und Rohkost. Die Kosten für das selbst zubereitete Mittagessen: 2,50 Euro pro Tag. Der durchschnittliche Preis für ein Grundschulessen beträgt hingegen 2,83 Euro. Selbst gekocht wird seit zwölf Jahren auch an der Gesamtschule in Herzogenrath-Merkstein – „nach weniger guten Erfahrungen mit dem ersten Caterer“, sagt Direktor Daniel Bick.

Der Förderverein übernahm die Verantwortung, eine selbstständige Küchenleiterin die Regie. Seit sieben Jahren ist das Danuta Nickchen, die schon fünf Jahre davor im Küchenteam mitarbeitete und dann eine Fortbildung machte, um das Catering in Eigenregie zu übernehmen.

Ab 7.10 Uhr ist der Kiosk geöffnet, in der Auslage findet sich eine breite Palette frisch belegter Brötchen. Rund 600 Brötchen von einem örtlichen Bäcker gehen am Tag über die Theke. Ein gesundes Frühstück mit Müsli und viel Obst gibt es zur ersten Pause. Den Zweifaller Trend hin zu vegetarischen Lieblingsgerichten beobachtet Danuta Nickchen an ihrer Schule nicht: „Fleisch wird immer gerne genommen.“ Trotzdem seien immer Alternativen im Programm.

„Das ist der Vorteil, wenn man selbst kocht. Ein Tag ganz ohne F leisch wäre aber einen Versuch wert.“ Schulleiter Bick, selbst Stammgast der Mensa, ergänzt: „Es ist immer ein Spagat zwischen dem, was wir für gesund halten, und dem, was die Schüler mögen!“ Das Testessen der Autorin fällt äußerst positiv aus: eine Kombi aus Möhrengemüse, Gemüsequiche und Salat. Die durchaus schmackhaften Wok-Nudeln mit Gemüse aus der Mensa der Gesamtschule in Her-zogenrath-Kohlscheid können da nicht ganz mithalten. Sie wurden vorproduziert und im Konvektomat erhitzt – regeneriert, wie Frank Spiesberger es nennt.

Der gelernte Koch betreibt die Kantine eines Autohauses in Aachen und beliefert darüber hinaus Schulen. „Unsere Mahlzeiten werden ausschließlich aus frischen Zutaten zubereitet“, betont er. Schnell runtergekühlt werden sie dann ausgeliefert. Barbara Onkels, Direktorin der Kohlscheider Gesamtschule, betont die intensive Kooperation: „Wir haben einen Mensarat gegründet, Schüler, Eltern, Lehrer und Caterer sitzen zusammen an einem Tisch, um über gewünschte Verbesserungen zu beraten.“

Auch hier gilt: So viel frisch wie möglich. Salate und Obst ergänzen stets das Angebot. 3,30/3,50 Euro kostet ein warmes Essen in Kohlscheid – ein Preis, der für Frank Spiesberger mit Blick auf die Kosten für Personal, Transport und Strom allerdings Unmut hervorruft: „Das kann nicht funktionieren“, fordert er mehr Luft in der Kalkulation: „Schulessen müsste grundsätzlich bezuschusst werden!“ Letztlich sei es der Umsatz am angeschlossenen Kiosk, der die Sache überhaupt rentabel mache. Brötchen, Brotrollen, süße und herzhafte Croissants sind hier im Verkauf – und heiß begehrt. In punkto Getränke gilt in Kohlscheid wie in den anderen „getesteten“ Mensen: Limo, Cola und Ice-Tea sind vom Tresen verbannt worden – zugunsten von Säften, Schorlen und Wasser.

An einem Test des Schulessens würde auch der Würselener Mensaverein – Träger der Übergangsmensen in Gymnasium und Realschule – ohne Zögern teilnehmen. Vorsitzende Dagmar Thorand ist sicher, dass das Angebot gute Noten bekäme. Über 350 Schüler und Lehrer zählen wöchentlich zu den Kunden, die die Mensa an langen Schultagen nutzen. „Kinder nehmen kein Blatt vor den Mund, die sagen uns sofort, wenn es ihnen nicht schmeckt. Außerdem sehen wir das an den Resten auf den Tellern“, sagt Thorand. Das Erfolgsrezept für eine leckere und entspannte Mittagspause: An beiden Schulen arbeitet ganztägig je eine fest angestellte Küchenleitung, die von Minijobbern unterstützt wird.

Am Gymnasium gibt es seit diesem Schuljahr eine zweite feste Kraft. Basis für das Mittagessen ist beim Mensaverein ebenfalls das „Cook-and-Chill“-Verfahren – vorbereitete Essenskomponenten werden heruntergekühlt angeliefert. An der Realschule wird das warme Essen mit Salaten ergänzt. Da die Nachfrage das Angebot bestimmt, ist am Gymnasium die Palette größer. Beilagen kochen wir frisch. Ebenso Aufläufe und einen Großteil an Gemüse“, sagt Thorand. Dazu gibt es eine Salat- und Rohkostbar, saisonal bestückt und mit Schafskäse, Mozzarella, Mais oder Kidneybohnen ergänzt. Eine Wochensuppe und Sandwiches runden das Angebot ab. An beiden Schulen gibt es Nachtisch und kostenlos Mineralwasser. Das Essen wird in Büffetform angeboten. Allerdings mit der Einschränkung, dass die Schüler es nicht selber nehmen können.

Sie dürfen wählen, was sie gerne auf dem Teller hätten. Thorand: „Bei uns muss man nicht eine Woche im Voraus ein bestimmtes Menü auswählen. Bei uns kann jeder am Tag selber entscheiden, ob er Auflauf oder Suppe oder lieber Salat oder Putengeschnetzeltes mit Reis und Gemüse haben möchte. Dass eine große Anzahl an Fünft- und Sechstklässlern inzwischen mit Lust und Appetit zur Salatschüssel greift, werten wir als kleinen Erfolg für unser Konzept.“ Und wie kommt alles bei denen an, für die es gekocht wurde?

„Hm, superlecker!“, Tim Hilbig (11), Gesamtschüler aus Merkstein, reibt sich demonstrativ den Bauch. Reibekuchen mit Apfelmus hat er gerade verdrückt. Möhrengemüse mit Frikadelle kamen bei seiner Klassenkameradin Jale Bora (10), bestens an: „Ich finde gut, dass es hier nicht so viel Fettiges, sondern auch Suppe oder Gemüse gibt.“ Repräsentativ ist der Kantinen-Check dieser vier Schulen gewiss nicht. Welche Schule würde schon freiwillig Einblick gewähren, wenn ihr Essen in der Kritik steht? Doch immerhin: Es gibt sie, die Streber in Sachen Schulessen, die Minister Schmidt gefordert hat.

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