Schüler rechnen mit deutschem Bildungssystem ab. Aber warum?

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Elke Völmicke ist Geschäftsführerin bei „Bildung & Begabung“. Foto: Bildung&Forschung, nai
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Fabian Kommer ist Asta-Vorsitzender der RWTH in Aachen. Foto: Bildung&Forschung, nai

Aachen. Bei dem Spruch hat jeder schon mal die Augen verdreht: „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.“ Zu Recht, denn was hier zitiert wird, ist eine abgewandelte Kritik des Philosophen Lucius Annaeus Seneca, der etwa 62 nach Christus geschrieben hat: „Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir“ („Non vitae, sed scholae discimus“).

Dass sich an dieser Empfindung von Schülern gegenüber der Schule in knapp 2000 Jahren nichts geändert hat, das scheint die Umfrage der Forsa Politik- und Sozialforschungs GmbH zu bestätigen, die zum Tag der Bildung von der Agentur Fischer Appelt in Auftrag gegeben wurde.

1000 Schüler und junge Erwachsene wurden befragt, wie sie das deutsche Bildungssystem bezüglich der Vorbereitung auf das eigenständige Alltagsleben, Chancengleichheit und Integration wahrnehmen. In allen drei Punkten haben die Schulen schlecht abgeschnitten. Dr. Elke Völmicke, Geschäftsführerin bei Bildung & Begabung, und Fabian Kommer, Asta-Vorsitzender an der RWTH Aachen, nehmen im Gespräch mit Valerie Barsig und Naima Wolfsperger Stellung zu den Ergebnissen der Studie und gehen der Frage nach, wie es um das deutsche Bildungssystem steht.

 

Fabian, Hand aufs Herz: Hast du deine letzte Steuererklärung ohne Hilfe gemacht?

Fabian: Ich musste zugegebenermaßen noch nie eine machen. Aber ich denke, ich bin dazu befähigt, mir das notfalls ohne Hilfe anzueignen.

Bereitet Schule auf den Alltag im Erwachsenenleben vor?

Fabian: Ich glaube, dass Schulfächer oft nicht die Intention haben, zu klären, wie man etwa eine Steuererklärung macht. Es gibt viele Herausforderungen im Alltagsleben, die junge Menschen außerhalb der Schule lernen. Man lernt Moral und Teamfähigkeit nicht nur im Ethikunterricht. Das passiert auch in der Familie und in Vereinen. Die Schule unterstützt das, aber alleine kann sie das nicht leisten.

Frau Völmicke, laut Studie denken 14 bis 16-jährige Jugendliche, dass sie die Schule auf den Alltag vorbereitet. 17 bis 21-Jährige stimmen dem eher weniger zu. Wenn Sie also in den Dialog mit Ihnen treten, wie bringen sie das unter einen Hut?

Völmicke: Man muss erst einmal schauen, was eine solche Studie überhaupt leisten kann. Die Umfrage ist nur ein Ausschnitt und es gibt ja auch noch andere Jugendstudien, wie die Shell Jugendstudie 2015. Um also die Frage beantworten zu können, kann man sich auf keinen Fall allein auf die Forsa-Studie konzentrieren. Sie ist nur ein weiterer Indikator dafür, dass es ein paar Punkte gibt, die Jugendliche offensichtlich nachhaltig bewegen. Und da sollten wir hingucken.

Fabian: Wenn das vermehrt Ältere sagen, dann heißt das, dass sie Erfahrungen gemacht haben, in denen ihnen die Ausbildung gefehlt hat. Aber Schüler sind durch G8 auch jünger geworden. Das merken wir auch stark an der Uni. Viele Hochschulen haben darauf bereits reagiert, um den Sprung von der Schule in die Universität einfacher zu gestalten. Die RWTH und die FH, zum Beispiel, bieten das Projekt „Guter Studienstart“ an. Dabei gibt es eine Art nulltes Semester, junge Menschen werden an die Aufgaben, die auf sie zukommen, herangetragen. Um reflektieren zu können, was von ihnen erwartet wird und ob der jeweilige Studiengang überhaupt etwas für sie ist.

In der Forsa-Studie sehen Kreativität und Selbstbewusstsein nur zwei Prozent der Befragten als wichtig an. Setzt die Schule da falsche Schwerpunkte?

Fabian: Auch andere Softskills sind wichtig und wurden in der Studie von den Schülern auch genannt. Auch wenn die beiden wichtig sind, finde ich es kein Problem, dass sie für Jugendliche nicht offensichtlich sind. Man kann nicht von einem Schüler erwarten, dass er im jungen Alter von sich aus weiß, ob er selbstbewusst ist. Das ist etwas, das man sich das ganze Leben durch Erfahrung aneignet.

Junge Frauen sehen soziale Kompetenzen als wichtiger an als Kompetenzen in den MINT-Fächern, während es bei jungen Männern genau andersherum ist. In einer Schülergeneration hat sich also trotz MINT-Förderung nichts verändert. Sollte ein Wechsel nicht längst stattgefunden haben?

Völmicke: Ich denke, wir sind auf dem Weg. Wenn wir auf unsere eigenen Förderformate schauen, da wächst der Anteil der teilnehmenden Mädchen bei den Mathematikwettbewerben. Aber richtig ist, dass nach wie vor die Vertrautheit der Mädchen mit diesem Themenfeld noch nicht so groß ist. Da gibt es sehr viel zu tun. Wir setzen uns dafür ein, Mädchen Mut zu machen und ihnen Vorbilder zu geben. Die Herausforderung liegt sicherlich darin, in der Schule aber auch in außerschulischen Kontexten dieses Themengebiet so darzustellen, dass die Mädchen Lust haben, sich auf Mathematik einzulassen. Denn Mädchen können es natürlich genauso gut wie Jungs – es ist nur eine Frage der Heranführung.

Die Bertelsmann-Stiftung sagt: ausländische Wurzeln + Hauptschulabschluss = Chancenlosigkeit. Geht der Weg in eine bessere Richtung?

Völmicke: Das ist auch ein wichtiges Anliegen gewesen in Zusammenhang mit dem Tag der Bildung. Gleiche Bildungschancen für alle – egal, wie die soziale Herkunft ist. Sie wissen ja, dass da im Moment in Deutschland noch vieles im Argen liegt. Aber aus unserer Arbeit heraus wissen wir auch, dass es funktionieren kann. Das sehen wir an Projekten mit Jugendlichen, die aus allen Schulformen kommen oder in Förderprojekten mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Man braucht aber die nötigen Rahmenbedingungen dafür. Und immer geht es darum, zu motivieren, Lust zu machen auf Lernen und diesen Schülern Orientierung zu geben. Also zum Beispiel jungen Flüchtlingen zu erklären, wie eigentlich das deutsche Bildungssystem funktioniert.

Fabian: Ich denke, junge Menschen, die das deutsche Bildungssystem nicht kennen und in dieses hineinstolpern, müssen besonders gefördert werden. Man muss schauen, woraus die Wahrnehmung der Chancenlosigkeit resultiert. Man muss jedem das Selbstbewusstsein und die Möglichkeit geben, Chancen wahrzunehmen und sie fördern. Es ist ein wichtiger Punkt, in der Schule jedem den Mut zu geben, sich weiter zu entwickeln.

Wie wichtig ist da die Familie?

Völmicke: Familie ist auf jeden Fall wichtig, denn Anregungen, Motivation, Impulse, die aus der Familie kommen, sind ja die ersten Erfahrungen, die man macht. Aber dort, wo das nicht der Fall ist, müssen wir schauen, dass diese Jugendlichen die Unterstützung von anderer Stelle bekommen. Deswegen gilt es, genau hinzuschauen, von welchen Ausgangsbedingungen jemand startet.

Das ist der Punkt, wo Lehrer einhaken müssen?

Völmicke: Ja, natürlich.

Fabian: Lehrer sollten im Optimalfall jeden persönlich fördern. Sie sind auch die Kontaktperson in den Schulen. Besonders in den Fällen, in denen wenig Unterstützung aus dem sozialen Gefüge kommt, sind die Lehrer stark gefragt. Da gibt es vielleicht ein Problem, weil die Ressourcen nicht da sind. Aber ich glaube, niemand wird in Deutschland im Regen stehen gelassen. Fragt man aktiv nach Hilfe, findet man sie meistens auch.

Woran scheitert es denn dann?

Völmicke: Es scheitert ja nicht.

Aber Chancengleichheit ist nicht gegeben – das sehen die Jugendlichen so.

Völmicke: Jugendliche, die zum Beispiel kein akademisches Elternhaus haben, schaffen es in der Tat seltener, an eine Hochschule zu kommen oder wählen auch den Weg an weiterführende Schulen seltener. Dazu gibt es Zahlen. Und das hat sicherlich nichts damit zu tun, dass solche Jugendliche weniger klug wären. Es muss etwas mit den Ausgangsvoraussetzungen zu tun haben, von denen ich eben sprach. Da haben wir einfach noch etwas zu tun. Man darf aber nicht sagen, dass man, nur weil man noch nicht alles erreicht hat, deswegen gescheitert wäre. Wir müssen dranbleiben, damit es besser wird.

Aber woran liegt es dann, dass Schüler und Studenten in NRW eher eine Chance auf Chancengleichheit sehen, als Schüler und Studenten in Ostdeutschland?

Fabian: Ich kann da nur rein spekulativ antworten. Ich habe keine persönlichen Erfahrungen aus Ostdeutschland, ich bin in Baden-Württemberg zur Schule gegangen. Vielleicht herrscht in NRW eine andere Wahrnehmung, weil wir viele Schüler mit Migrationshintergrund haben. Vielleicht erleben die Schüler in NRW also öfter positive Entwicklungen. Aber das ist nur eine Vermutung.

Völmicke: Sie spielen auf die Frage der Studie an, wie die Erfahrungen unter den Jugendlichen mit Mitschülern oder Studenten mit Migrationshintergrund sind. Da gibt es unterschiedliche Rückmeldungen, je nachdem, ob man Jugendliche aus NRW oder Ostdeutschland befragt. Was wir sagen können ist, dass wir Förderangebote im Osten wie im Westen haben bei denen Jugendliche aus unterschiedlichsten Schulen zusammenkommen und die haben nie Probleme miteinander. Wenn sie zu einer Schülerakademie zusammenkommen, können die sehr konstruktiv und sehr schnell miteinander umgehen. Ich würde aus der Studie nicht die Rückschlüsse ziehen, dass die Jugendlichen mit gleichaltrigen jungen Migranten Probleme hätten.

Sie stimmen also aus Ihren Erfahrungen heraus mit der Studie nicht überein?

Völmicke: Nein. Ich sage, positiv formuliert, dass ich mit Ihrer Deutung der Ergebnisse nicht übereinstimme. Die Studie gibt lediglich Ansatzpunkte für weitere Fragen, denen man nachgehen muss.

Stellt das Empfinden der Schüler, dass Integration misslingt, ein negatives Vorzeichen vor das Bildungssystem – besonders im Hinblick auf die Flüchtlingskrise?

Fabian: Heikles Thema. Ich würde in dieser Hinsicht nicht zu viel auf die Studie setzen. Ich sehe nur, dass Städte und Hochschulen im ganzen Land versuchen, Flüchtlinge zu integrieren. Wie etwa mit der Kiron Universität in Berlin. Da werden für Flüchtlinge Onlinekurse angeboten. Nach ein bis zwei Jahren können die jungen Menschen dann zur Hochschule wechseln.

Aber es zeigt, dass Schüler zweifeln.

Fabian: Ich denke, dass der Zweifel nicht zwingend aus persönlicher Erfahrung kommt. Denn das Thema ist ja auch eines, das ständig in den Medien und der Politik diskutiert wird.

Sind die Einschätzungen der Schüler dann ernst zu nehmen?

Fabian: Ich denke, der Sinn der Studie ist, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass auch Schüler existierende Probleme sehen. Man müsste jetzt genau hinzuschauen, warum sie das sagen und wo es herkommt.

In der Studie sehen Schüler politisches Wissen im Beruf als weniger wichtig an. Verpasst es die Schule, junge Menschen zu interessierten Bürgern zu erziehen?

Fabian: Ich bin in der Hochschulpolitik angekommen. Aber auch bei den studentischen Wahlen ist die Beteiligung niedrig. Da fragen wir uns schon, woran das liegt. Ich glaube aber nicht, dass die Jugendlichen politisch desinteressiert sind. Wenn ihnen Sachen wichtig sind, dann handeln sie auch danach. Ich glaube, junge Leute sind heute sehr viel offener und vertreten ihre Interessen auch. Das passiert vielleicht nicht in Parteien. Aber unpolitisch sind sie, glaube ich, nicht.

Ziel des Tags der Bildung ist, mit jungen Menschen in den Dialog zu treten und mit ihnen Probleme im Bildungssystem zu analysieren. Ist das machbar?

Fabian: Der Wille zum Dialog ist schon sehr wichtig. Das Gespräch sollte auch zwischen verschiedenen Gruppen geschaffen werden, zwischen Schülern, Lehrern und den Kultusministerien. Es ist ein guter Schritt, dass man die Stimmen der jungen Menschen hören will. Eine Lösung für die Probleme in unserem Bildungssystem fällt jetzt aber nicht ein. Sonst würde ich sofort Wissenschaftsministerin Svenja Schulze anrufen (lacht).

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