Schreibabys: Wenn ein Säugling untröstlich weint

Von: Sabine Rother
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Ein Schreibaby: Mehrmals am Tag und in der Nacht schreit es lang und heftig, ist kaum zu beruhigen und kommt nur schwer in den Schlaf. Eltern verzweifeln in so einer Situation. Für sie gibt es spezielle Hilfsangebote. Foto: Imago/Insadco
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Dagmar Kirsten ist Hebamme und Beraterin für „Emotionelle Erste Hilfe“. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Das Baby schreit und schreit und schreit . . . Es wird geschaukelt, die Eltern singen ihm etwas vor, fahren es mit dem Auto herum, lassen einen Fön summen, damit es in den Schlaf kommt. Das Kind hat eine frische Windel bekommen und kann im Moment keinen Hunger haben, aber nichts nützt.

Es bleibt untröstlich, und das Schreien wird immer massiver. Was ist los? Mütter und Väter verzweifeln, unzählige Ratschläge aus dem Umfeld empfinden sie als nervend und glauben, unterschwellig den Vorwurf zu hören, sie würden ihr Kind nicht richtig versorgen. Druck baut sich auf.

Schreikinder – ein Thema, das die Betroffenen oft schamhaft verschweigen. Sie schlafen kaum noch, meiden Treffen mit Familienangehörigen oder Freunden und zweifeln irgendwann sogar daran, dass sie ihr Kind überhaupt noch liebhaben. Exzessives Schreien – das sind lange Schreiphasen, mehrmals am Tag und in der Nacht.

„Wenn Kinder untröstlich, lange und massiv schreien, hat das meist nichts mit Blähungen oder Koliken zu tun“, sagt Dagmar Kirsten, Hebamme und Fachberaterin für sogenannte Emotionelle Erste Hilfe (EEH) in Aachen, wo sie Eltern am Luisenhospital eine Anlaufstelle bietet.

Dagmar Kirstens „Emotionelle Erste Hilfe“ beginnt mit Präventionsarbeit, bei der sie zum Beispiel in Kursen bereits während der Schwangerschaft werdende Eltern auf das Phänomen solch einer Störung aufmerksam macht. „Viele Paare haben eine Idealvorstellung von der ersten Zeit mit dem Kind. Es ist wichtig, überhaupt zu wissen, dass es zu solchen Problemen kommen kann, dass nicht immer Ruhe und Harmonie herrschen“, betont die Hebamme.

Das Schreien eines Babys, so ihre Erfahrung, wird in der Regel als negativ empfunden. Dabei handelt es sich um ein wichtiges Signal. „Es ist die einzige Möglichkeit des Kindes, sich selbst zu regulieren, ein Ventil zum Abbau von Spannungen“, sagt Dagmar Kirsten. Wiederholtes lang andauerndes Schreien ist nach Erkenntnis der EEH-Expertin Zeichen einer Not. Doch das Kind wird nicht verstanden.

Normal sind abendliche „Weinstunden“, in denen das Kind die Reize des Tages verarbeitet, sich aber irgendwann beruhigt und einschläft. „In massiven Schreiphasen, die mehrmals am Tag auftreten, nützt keine Beruhigungstaktik“, hat die Hebamme beobachtet. Gleichfalls weiß sie: Es wird gesellschaftlich als positiv gewertet, wenn Kinder abends schnell schlafen, wenn sie pflegeleicht sind.

Schreikinder stören diese Ordnung. Die gesteigerte Reizüberflutung und die Gegenwart moderner Medien selbst in intimsten Lebenssituationen wirkt sich allerdings aus. Nach fast 30-jähriger Tätigkeit als Hebamme beobachtet Dagmar Kirsten: „Ist ein Kind gerade geboren und liegt auf dem Bauch der Mutter, wird schon das Handy gezückt, um Fotos zu machen oder Nachrichten zu senden, der Kontakt mit der Außenwelt drängt sich dem Kind störend auf.“ Kurz: Das Kind werde – kaum geboren – sofort „veröffentlicht“.

Das intensive Bindungserleben, dem dieser unwiederbringliche Moment gehöre, werde beeinflusst, die Mutter-Kind-Einheit gefährdet.

Generell gibt es nach Einschätzung der Fachberaterin bei werdenden Eltern kein Verständnis für ihre Bitte, in diesem Moment nicht zu fotografieren. Das Smartphone ist immer dabei und begleitet die gesamte Säuglingsphase – ob Kinder gefüttert, gestillt oder gewickelt werden. Und noch etwas hat sich nach Eindruck der Hebamme verändert. „Im Familienverband haben früher mehr Menschen das Kind rundum mitversorgt, das war sehr gut und entlastend für die Mutter“, erklärt sie. Das Prinzip „mothering the mother“ – das Verwöhnen einer Mutter nach der Geburt – wird kaum noch praktiziert.

Die Ursachen, warum ein Kind exzessiv schreit, liegen in seiner Entwicklungsgeschichte. Ist die Schwangerschaft erwünscht oder nicht? Nach Erfahrungen der Beraterin spüren die Ungeborenen, ob sie Freude oder Konflikte auslösen, und bereits in dieser Phase entwickeln sich Bindungsprobleme, die sich fortsetzen. Gab es Blutungen und andere Komplikationen in einer Schwangerschaft? Mussten Mütter lange liegen – stets mit der Unsicherheit, ob alles gutgeht?

Auch diese Erlebnisse können sich später auswirken. Warum: „Das macht etwas mit den Kindern. Je länger die Ursache zurückliegt, umso später fängt das Schreien an.“ So liegen die Gründe manchmal sogar in der Kindheit der Mutter: Ein „Bindungstrauma“ kann man weitergeben.

Hier setzt die „Emotionelle Erste Hilfe“ an, wobei für Dagmar Kirsten der Schwerpunkt bei der Geburt liegt. War sie schwierig, vielleicht ein Kaiserschnitt? Musste eine Saugglocke eingesetzt werden? Die Tatsache, dass ein Kind nicht selbstständig den Geburtskanal bewältigt, hinterlässt manchmal Spuren.

Trennung nach der Geburt

Besonders negativ auf die Mutter-Kind-Bindung wirke sich eine Trennung kurz nach der Geburt aus – wenn etwa die Herztöne des Neugeborenen schlecht sind oder andere gesundheitliche Störungen auftreten und das Kind in der Spezialabteilung einer anderen Klinik behandelt werden muss, die Mutter aber zurückbleibt. „Die Bindung, die nach der Geburt stattfindet, fällt plötzlich weg. Drei Tage ohne die Mutter – das ist ein Trauma für das Kind. Die Erfahrungen in den ersten Stunden und Tagen werden vom ärztlichen Personal häufig extrem unterschätzt.“

Was Dagmar Kirsten später in der Schreiambulanz trifft, sind verzweifelte bis aggressive Eltern und unverstandene Kinder, deren lang anhaltendes Schreien die Familie zerrüttet. Die Hebamme geht in die Haushalte, führt ein langes Gespräch, schaut sich an, wo das Kind schläft und regt dazu an, Ressourcen zu nutzen, Menschen mit ins Boot zu holen, die die Mutter ein wenig entlasten. Den Kindern fehle kurz nach der Geburt die „Hülle“, die sie neun Monate lang hatten, sowie der intensive Körperkontakt. Ein Teufelskreis entsteht, bei dem sich mit der Not der Eltern die Problematik des Kindes verschärft.

Bei der Beratung hören die Eltern erstmals, dass das Schreien der seelischen Regulation dient. Dagmar Kirsten vermittelt ihnen dann Schritt für Schritt, wie sie ihr Kind „durch das Schreien begleiten“ können, es intensiv betreuen.

Das Baby wird in den Arm genommen, die Mutter setzt sich an einen bequemen Platz, das Kind wird „gehalten“ und nicht geschaukelt. „Ich versuche, die Mutter zu stabilisieren, damit sie in der Lage ist, das Kind zu begleiten, ich bleibe bei ihr. Es geht darum, dass sie ihren eigenen Körper fühlt. Mit der Atmung kann man eine Menge erreichen.“ Der Entspannungszustand der Mutter fördert die Ruhe des Kindes.

Was Dagmar Kirsten besonders am Herzen liegt: „Wenn Kinder sicher gebunden sind, werden sie sich gut entwickeln.“

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