Schneller ans Meer, aber nur theoretisch

Von: Ulrich Simons
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Schneller nach Domburg, Westkapelle oder ans Ijsselmeer: Was im März vorigen Jahres auf acht Testabschnitten als Versuch begann, soll ab 1. September für rund 50 Prozent des niederländischen Autobahnnetzes die Regel werden. Foto: imago

Den Haag. Schneller nach Domburg, Westkapelle oder ans Ijsselmeer: Was im März vorigen Jahres auf acht Testabschnitten als Versuch begann, soll ab 1. September für rund 50 Prozent des niederländischen Autobahnnetzes die Regel werden.

Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit wird auf rund 1200 Streckenkilometern von 120 auf 130 km/h angehoben. Schon im Juli soll in vier Tempo-80-Zonen, unter anderem in den Ballungsräumen Amsterdam und Rotterdam/Den Haag das Limit auf 100 km/h heraufgesetzt werden.

Falsches Signal?

Unpassender könnte der Zeitpunkt der Lockerung nach Ansicht von Kritikern kaum sein. Seit Monaten verfolgen auch in den Niederlanden Autofahrer fassungslos die Preisentwicklung an den Zapfsäulen, und statt der einzig sinnvollen Antwort „Runter vom Gas!” kommt nun das Signal aus Den Haag „Jetzt erst recht!”.

„Schneller, wo möglich, und langsamer, wo nötig!”, hatte Verkehrsministerin Dr. Melanie Schultz van Haegen beim Start der Testläufe im Februar vergangenen Jahres das Ziel vorgegeben. Zu den Versuchsstrecken gehörte damals auch die „Einflugschneise” nach Walcheren, die A 58 von Bergen op Zoom nach Vlissingen.

Dass es nicht mit dem Austausch und der Montage von ein paar Schildern getan sein würde, war schon damals klar. Es ging, wie immer vor solchen Maßnahmen, neben den Kosten vor allem um die zu erwartenden Auswirkungen. Um mehr Verkehrslärm, um mehr Schadstoffe in der Luft und auch um möglicherweise mehr Tote und Verletzte.

Die prognostizierte Zunahme des CO2-Ausstoßes um 400 000 Tonnen pro Jahr schien für die Verkehrsministerin kein Problem, da sich die Luftqualität in den vergangenen 20 Jahren deutlich verbessert habe. So sei sowohl die Menge an Stickoxiden als auch die durch den Fahrzeugverkehr verursachte Feinstaubbelastung zwischen 1990 und 2010 landesweit um mehr als 50 Prozent zurückgegangen.

Um die Folgen ihres Projektes abzumildern, plant die Verkehrsministerin Investitionen von 35 Millionen Euro zur Luftreinhaltung entlang der Autobahnen. Weitere 42 bis 57 Millionen Euro sollen bis 2015 in Verbesserungen des Lärmschutzes investiert werden.

Auch für die Verbesserung der Verkehrssicherheit wollen die Niederländer in den kommenden Jahren eine Menge tun, nachdem eine Studie des Verkehrsministeriums bei Tempo 130 von drei bis sieben zusätzlichen Toten und 17 bis 34 zusätzlichen Schwerverletzten pro Jahr auf den Autobahnen ausgeht.

Dieses Risiko könne aber durch ein Bündel zusätzlicher Sicherheitsmaßnahmen weitgehend eliminiert werden, zum Beispiel längere Beschleunigungs- und Verzögerungsstreifen oder zusätzliche Leitplanken. Die Kosten: Bis 2014 rund 100 Millionen Euro, danach bis 2018 noch einmal rund 40 Millionen Euro.

Was Umweltschützer und Kritiker am meisten bemängeln, ist neben dem falschen Zeitpunkt der Einführung der ziemlich überschaubare Nutzen der Aktion.

Ernüchternde Erkenntnis, nicht nur von der A 58 nach Domburg und Westkapelle: Bei einer Anhebung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit um zehn km/h erhöht sich die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit lediglich um etwa drei km/h. Schuld daran sind zu einem großen Teil die „Elefantenrennen” des Schwerlastverkehrs auf der Überholspur.

Ein weiterer Aspekt: Kürzere Reisezeiten aufgrund theoretisch höherer Geschwindigkeiten führen zu einer steigenden Attraktivität der Autobahn. Die Folge: Der Verkehr nimmt zu, der Geschwindigkeitszuwachs und der Zeitgewinn schrumpfen, und am Ende ist alles fast wieder wie vorher.

Kritiker Ger Groot brachte es in der Tageszeitung „Trouw” auf den Punkt: „Wäre es dem Kabinett ernst gewesen damit, den Verkehrsfluss zu verbessern, hätte es keine symbolische Anhebung des Tempolimits beschlossen, sondern ein Überholverbot für Lkw.”
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