Schmerzfrei sterben im letzten Zuhause auf Zeit

Von: Christina Handschuhmacher
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Friedlich und schmerzfrei sterben: Das wünschen sich die meisten Menschen. In Deutschland gibt es bundesweit rund 200 Hospize, 1500 ambulante Hospizdienste und 300 Palliativstationen in Krankenhäusern. Doch Patientenschützer kritisieren, dass weitaus mehr schwerkranke Menschen eine palliativmedizinische Versorgung brauchen. Foto: stock/chromorange

Erkelenz. Der 2. September 2005 ist der Tag, der das Leben von Holger Mankerscheidt unwiderruflich in ein Vorher und ein Nachher teilt. Monatelang ist der damals 34-Jährige von einem Facharzt zum nächsten geschickt worden. Immer wieder sind da diese höllischen Kopfschmerzen, die ihn fast in den Wahnsinn treiben.

Mankerscheidt sagt: „Es hat in meinem Kopf gegluckert. Und kein Arzt hat mich ernst genommen.“ Schließlich kommen Sehstörungen hinzu. Ein Augenarzt ist schließlich derjenige, der an eben jenem Tag Anfang September 2005 als erster Mediziner erkennt, dass die Symptome auf einen Gehirntumor hindeuten.

Dann geht alles ganz schnell: Operation, Chemotherapie, Bestrahlung. Fast fünf Jahre ist er tumorfrei. Die Zeitspanne, nach der man aus Expertensicht gute Chancen hat, dass der Krebs wahrscheinlich nicht mehr wiederkommt. Wahrscheinlich.

Bei Mankerscheidt kommt er wieder. Einmal, zweimal, dreimal. „Ich bin mit meinem Neurochirurgen inzwischen per Du“, sagt er zynisch. Doch jetzt kann der 44-Jährige nicht mehr operiert werden. Ein weiterer Eingriff wäre zu risikoreich. „Ich bin austherapiert“, sagt er, und er sagt es so, wie es nur Menschen sagen können, die sich damit abgefunden haben, dass sie bald sterben werden. Vielleicht hat Holger Mankerscheidt noch Wochen, vielleicht bleibt ihm sogar noch ein ganzer Monat oder zwei. So richtig weiß das niemand. Seit fünf Wochen lebt der 44-Jährige in einem Hospiz in Erkelenz.

Nicht jeder Schwerkranke ist an seinem Lebensende so gut versorgt wie Holger Mankerscheidt. Bundesweit gibt es laut Deutschem Hospiz- und Palliativverband etwa 200 solcher Einrichtungen. Hinzu kommen 1500 ambulante Hospizdienste und rund 300 Palliativstationen in Krankenhäusern.

Jedes Jahr sterben in Deutschland zwischen 850.000 und 900.000 Menschen. Man muss kein Rechenkünstler sein, um zu erkennen, dass zwischen Angebot und Nachfrage eine riesige Lücke klafft. Allein bei dem Hospiz in Erkelenz stehen derzeit 40 Schwerkranke auf der Warteliste; allerdings sei die Zahl nicht immer so hoch, wie Einrichtungsleiterin Ulrike Clahsen sagt.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz rechnet vor, dass mehr als 700 Millionen Euro jährlich erforderlich seien, um alle Sterbenden so gut zu versorgen, wie es in Hospizen geschieht. Lege man die Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zugrunde, so die Patientenschützer, bräuchten rund 535.000 Menschen in Deutschland eine palliativmedizinische Versorgung, aber nur rund 90.000 Schwerkranke bekämen sie auch.

Die Bundesregierung hat den Handlungsbedarf erkannt und will deshalb am Donnerstag ein Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung verabschieden. Der Entwurf aus dem Haus von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) sieht vor, pro Jahr 200 Millionen Euro zusätzlich für die Palliativmedizin und -pflege auszugeben. Das soll auch dem Wunsch nach aktiver Sterbehilfe oder Selbsttötung entgegenwirken. Am Freitag wird im Bundestag über ein neues Sterbehilfegesetz beraten.

Das Hospiz in der Nähe des Hermann-Josef-Krankenhauses in Erkelenz bietet Platz für 14 Menschen. Der lange Flur ist in einem warmen Gelbton gestrichen, aus den Lautsprechern im Eingangsbereich klingt Popmusik. Nicht gerade leise singt Taylor Swift „Shake it off“. Aus einem der Zimmer hört man helles Lachen. Eine Ehrenamtliche macht sich mit zwei Frauen auf den Weg zu einem Spaziergang. Im ersten Moment erinnert hier so gar nichts an den Tod, der doch eigentlich, so denkt man, ständig präsent sein müsste in so einer Einrichtung.

In der Öffentlichkeit existiere immer noch ein verzerrtes Bild von Hospizen, sagt Einrichtungsleiterin Ulrike Clahsen, eine zierliche Frau mit dunklem Kurzhaarschnitt. „Manche Leute denken immer noch, der Schwerkranke wird hier ins Bett gelegt, bekommt ein bisschen Morphium gespritzt, und irgendwann ist er dann eben tot“, sagt die gelernte Intensivkrankenschwester und schüttelt kurz den Kopf angesichts dieser Vorstellung.

Natürlich seien die Schmerzmedikation und die Palliativmedizin zentraler Bestandteil der Hospizpflege. Natürlich sei eine möglichst optimale medizinische und pflegerische Versorgung das Ziel. Und natürlich kämen die Menschen in das Hospiz, um dort zu sterben. Aber das Hospiz sei eben kein Krankenhaus, sondern das letzte Zuhause auf Zeit. Clahsen will deshalb lieber von „Lebensbegleitung“ statt von „Sterbebegleitung“ sprechen. „Die Menschen, die zu uns kommen, sollen noch einmal die bestmöglichen Bedingungen haben, um das, was an Lebensrest bleibt, gemeinsam mit uns zu gestalten“, sagt sie.

Bewusst sterben

Konkret heißt das: In erster Linie für die Schwerkranken und ihre Angehörigen da zu sein, am Bett zu sitzen und zuzuhören, die individuellen Bedürfnisse der Bewohner zu erfüllen, aber auch gemeinsam zu lachen, zu spielen oder einen Spaziergang zu machen. Eben das, was vielleicht noch möglich ist – an guten Tagen. „Die meisten Menschen haben keine Angst vor dem Tod, sondern vor dem Weg dorthin“, sagt Anja Teppler, die seit einem Jahr als Pflegekraft in dem Hospiz arbeitet. Oft sei es deshalb einfach nur wichtig, dass jemand da ist.

Das ist es auch, was für Ilse Osterkamp zählt. Als die 86-Jährige vor einem Jahr die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs bekommt, lehnt sie jede Art von Behandlung ab. Keine Chemotherapie, keine Operation. Allein zurück nach Hause kann sie nicht, im Krankenhaus können die Ärzte nichts mehr für sie tun. Seit Mitte August lebt sie nun in dem Hospiz.

„Es war ein Glücksfall, dass ich den Platz so schnell bekommen habe“, sagt Ilse Osterkamp. Gegen die Schmerzen bekommt sie Medikamente. Den Umständen entsprechend geht es ihr gut. Ihr Blick auf das Lebensende ist gelassen: „Ich weiß, das ist das Ende, und das nehme ich eben so hin“, sagt sie. Dieses bewusste Sterben bedeutet aber auch: warten auf den Tod. Das muss man aushalten können – und aushalten wollen. Ilse Osterkamp sagt: „Jeder muss für sich selbst entscheiden, was für ihn am besten passt. Für mich kommt Sterbehilfe nicht in Frage.“

Kann eine gute Hospiz- und Palliativversorgung den Wunsch nach Sterbehilfe vollständig überflüssig machen? „Nein“, sagt Hospizleiterin Clahsen. „Eine gute ambulante und stationäre Palliativversorgung kann den Bedarf nach Sterbehilfe zwar stark minimieren, aber es wird immer Menschen geben, die ihrem Leiden selbstbestimmt ein Ende setzen wollen.“

Holger Mankerscheidt ist jemand, dem dieses Aushalten und Warten auf den Tod schwerfällt. „Dahinvegetieren“, nennt er es an schlechten Tagen. Dann, wenn er sich „beschissen“ fühlt, so als ob er „scheibchenweise verreckt“. Wenn er einfach gern wieder der gesunde, junge Mann wäre, der er vorher war. Der tätowierte Biker, der Zigaretten und seine schnellen Maschinen liebt. Der Mann, der immer Vollgas gibt und in drei Sekunden von 0 auf 100 beschleunigt. Derjenige, der jede freie Minute draußen verbringt und mit seiner Yamaha VMAX durch die Eifel fährt.

Doch Mankerscheidt kann in der Realität schon lange nicht mehr Motorrad fahren. Von seinem Bett aus blickt er auf ein in Neonfarben blinkendes Wappen mit seinem Namen, der Mitgliedsnummer und dem Schriftzug Vmaxxers.net. Ein Geschenk von den Freunden aus seinem Biker-Forum. Im Regal in seinem Zimmer stehen seine beiden Maschinen im Miniaturformat.

„Wenn mir jemand eine tödliche Mischung geben würde und ich selbst entscheiden könnte, diese einzunehmen. Ich würde das Angebot annehmen“, sagt Mankerscheidt. Doch er weiß, dass ihm niemand etwas geben wird, und er hat auch nie einen Arzt darauf angesprochen.

Und dann ist da auch die andere Seite in ihm, die weiß, dass er im Hospiz gut versorgt wird. Dass es ihm dort so weit es geht ermöglicht wird, selbstbestimmt zu leben. „Dafür bin ich dankbar.“ Und auch dafür, dass ihm das Hospiz mit seinen Biker-Freunden zusammen einen letzten Wunsch erfüllt hat: eine Ausfahrt im Beiwagen eines Motorrads. Zusammen mit seinen Freunden. Zwei Stunden über die Straßen brettern. Mankerscheidt sagt: „Es hat sich fast so angefühlt wie vorher.“

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