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Schlaganfall mit 25: Der schwierige Weg zurück ins Leben

Von: Katrin Fuhrmann
Letzte Aktualisierung:
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Michael Ihle wird zurzeit im Uniklinikum Aachen behandelt.

Aachen. Michael Ihle ist ein aufgeweckter junger Mann, der gerne wandern geht, die Natur liebt, viel lacht und eine Leidenschaft für Bier hat. Für Bier? Ganz genau. Der 25-Jährige ist Diplom-Braumeister. Nach seinem Studium an der Technischen Universität Berlin, entscheidet sich Ihle für einen Auslandsaufenthalt in Chile, um genauer zu sein in der Landeshauptstadt Santiago.

Dort arbeitet er mit viel Engagement in einer Brauerei. „Ich habe mir mit der Arbeit in Chile wirklich einen Traum erfüllt“, erzählt Ihle. Diesen Traum hätte er vermutlich auch bis heute gelebt, hätte es im September 2014 nicht ein Ereignis gegeben, das sein Leben vollständig auf den Kopf stellte: Ihle hat einen schweren Unfall. In Folge erleidet er einen Schlaganfall.

Rückblick: Ihle ist in jener Nacht im September mit seinem Motorrad auf dem Weg nach Hause, als sich die Ereignisse überschlagen. Ein Hund läuft vor das Motorrad, er verliert die Kontrolle über das Fahrzeug und wird über eine Leitplanke auf den Boden geschleudert. Das vermuten zumindest zwei Chilenen, die den jungen Mann an besagter Stelle finden und den Notarzt alarmieren. Bis heute kann sich Ihle an jenen Abend nicht erinnern. Auch alle Ereignisse, in den vier Wochen vor dem Unfall, sind wie ausgelöscht. Die Ärzte sprechen von einer Amnesie.

Die Verletzungen sind so schwer, dass der 25-Jährige einige Wochen im Koma liegt. Seine Eltern, die nach dem Unfall sofort aus Deutschland nach Chile reisen, weichen ihm keine Minute von der Seite. Nach einigen Wochen geben die Ärzte Entwarnung. Sie sagen, es sähe gut aus. Ihle werde es wohl schaffen. Als der junge Mann Wochen später langsam aus dem Koma erwacht, scheint das Beten und Hoffen geholfen zu haben.

Doch die Hoffnung hält nicht lange an. Ihle erleidet noch in der Aufwachphase einen Schlaganfall. Ursache hierfür ist vermutlich ein Riss im Gewebe der linken Halsschlagader als Unfallfolge. Ein herber Rückschlag für den jungen Mann, dem es doch gerade besser zu gehen schien.

Aber der 25-Jährige lässt sich nicht unterkriegen. Er kämpft sich zurück ins Leben. Schritt für Schritt. Tag für Tag. Als er soweit transportfähig ist, tritt Ihle den Rückflug nach Deutschland an. Damit ist der Kampf gegen die Krankheit noch nicht vorbei. Denn es folgen Rehabilitationen und ambulante Intensivtherapien. Für Ihle bedeutet das: Mehrere Male in der Woche Logopädie sowie Physio- und Ergotherapie.

Der Schlaganfall nimmt Ihle den Geruchssinn und die Sprache. Das Sehen auf dem rechten Augen ist nur eingeschränkt möglich. Er fängt bei null an. Jedes Wort muss er sich neu aneignen, wie ein Kleinkind, das gerade das Sprechen lernt. Mithilfe von Bildern versucht Ihle sich die Vokabeln zu merken. Für ihn sind die deutschen Worte wie eine Fremdsprache. Seine rechte Hand ist nach dem Schlaganfall taub und wird wohl auch nicht mehr voll funktionsfähig sein. Auch das Schreiben macht ihm noch Probleme.

Es gibt Tage, an denen Ihle einfach nur schlafen möchte. Die Medikamente, die er nehmen muss, machen ihn müde. Das ständige Lernen fällt ihm nicht leicht. Aufgeben will Ihle aber nicht. Seine Familie und seine Freunde sind sein wichtigster Halt auf diesem schweren Weg. Sie stehen ihm zur Seite und helfen ihm, den Weg zurück ins Leben zu finden. Und sie freuen sich auch, wenn er kleine Erfolge feiert. Seit kurzem klappt das Fahrradfahren wieder.

Logopädie und Physiotherapie

Zurzeit ist der 25-Jährige für eine Reha auf der Aphasiestation im Uniklinikum Aachen untergebracht. Logopädie, Physiotherapie und Ergotherapie stehen dort täglich auf dem Programm. Ihle sieht Fortschritte, aber es gibt auch Rückschläge. „An den Unfall kann ich mich immer noch nicht erinnern. Manchmal ärgert mich das. Aber vielleicht ist es auch besser so“, sagt der 25-Jährige.

Während er von seiner Krankheit erzählt, sucht er immer wieder nach Worten. Es fällt ihm schwer, die Sätze klar und deutlich zu formulieren. Doch beim Aufzählen seiner Lieblingsbiere und seinen Freunden in Chile fangen seine Augen plötzlich an zu strahlen und er lacht. Er wirkt trotz allem glücklich und zufrieden. „Ich konnte mich damals gar nicht von meinen Freunden verabschieden. Alles ging so schnell und plötzlich stand mein Rückflug und die Reha in Deutschland an“, erzählt Ihle.

All das will der 25-Jährige bald nachholen. Er will zurück nach Chile, seine Freunde wiedersehen und seiner Arbeit als Braumeister nachgehen. Schließlich, daran hat auch die Krankheit nichts geändert, ist es sein Traum wieder in einer Brauerei zu arbeiten und irgendwann eine eigene Brauerei zu besitzen. Dass das nicht einfach wird, weiß der 25-Jährige.

Der Unfall und der Schlaganfall haben Ihles Leben einschneidend verändert. Er wird diese Ereignisse vermutlich nie vergessen. Aber er ist ein Kämpfer. Er wird nicht zulassen, dass die Krankheit siegt.

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