Schlafende Tiere dank Beruhigungsmittel?

Von: Annika Kasties
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Alles nur Chemie? Tierschützer vermuten, dass bei schlafenden Tigern und dösenden Gorillas in Zoos oft Medikamente im Spiel sind. Sie vermuten, dass damit Haltungsprobleme kompensiert werden. Foto: stock/mika

Aachen. Tierschützer kritisieren, dass Tiere in Zoos regelmäßig Psychopharmaka erhalten. Ein schlafender Löwe auf einem Stein oder ein Gorilla, der scheinbar entspannt vor sich hin döst – Anblicke wie diese seien oft nicht der Natur, sondern Beruhigungsmitteln geschuldet.

„Die regelmäßige Gabe von Medikamenten an Tiere in deutschen Zoos ist gang und gäbe“, meint Lea Schmitz, Sprecherin des Deutschen Tierschutzbundes.

Gerüchte über den ungerechtfertigten Einsatz von Beruhigungsmitteln in Zoos halten sich hartnäckig. Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) in NRW ist dem Einsatz von Psychopharmaka in Zoos nachgegangen und listet deren Gebrauch in den acht größten Tierparks Nordrhein-Westfalens in einem Bericht auf. Unter der Lupe waren die Zoos in Dortmund, Duisburg, Gelsenkirchen, Köln, Krefeld, Rheine, Münster und Wuppertal. Die aufgeführten Medikamente tragen Namen wie Butorphanol, Diazepam, Haloperidol.

Der Bericht zeichnet den Gebrauch dieser und anderer Psychopharmaka von 2012 bis 2014 nach. So wurden drei männliche Tiger in der Zoom-Erlebniswelt Gelsenkirchen mit Perphenazin sediert. Mithilfe des Medikaments sollten sie sich leichter an eine neue Anlage gewöhnen.

Im Kölner Zoo erhält ein Gorilla seit 2007 das krampflösende Medikament Primidon. Der Wirkstoff ist Teil einer Epilepsiebehandlung. Das Fazit des Lanuv lautet: In allen untersuchten Zoos seien Psychopharmaka „in erklärbaren Mengen vorgefunden und in einem nachvollziehbaren Umfang“ eingesetzt worden. Der Gebrauch der Medikamente sei stets medizinisch begründet gewesen.

Die Skepsis bei Tierschützern bleibt. Ihr Verdacht: Zoos benutzten Beruhigungsmittel, um Haltungsprobleme zu kaschieren und Verhaltensweisen der Tiere zu unterdrücken. Hinweise darauf fand das Lanuv nicht. Doch der Deutsche Tierschutzbund sieht sich in dem Beispiel aus Gelsenkirchen bestätigt.

Die erwähnten Fälle von Gaben von Beruhigungsmitteln zur besseren Integration von Menschenaffen in Gruppen zeigten ein Dilemma der Zootierhaltung, das nicht wegzudiskutieren sei: „Der ständige Austausch von Tieren zu Zuchtzwecken ist bei manchen Arten problematisch und entspricht nicht ansatzweise den natürlichen Vorgängen in freier Wildbahn“, sagt Sprecherin Lea Schmitz.

Die regelmäßige Gabe von Psychopharmaka sei zumindest bei Delfinen eindeutig belegt, sagt der Deutsche Tierschutzbund und beruft sich auf Erkenntnisse der Whale und Dolphin Conservation (WDC). Der WDC habe nach Akteneinsicht im Tiergarten Nürnberg nachweisen können, dass Delfine im Delfinarium regelmäßig Diazepam erhielten.

„Hintergrund ist unter anderem die unnatürliche Gruppenzusammensetzung, welche für ein erhöhtes Aggressionspotenzial verantwortlich gemacht wird“, sagt Schmitz. Auch im Delfinarium des Duisburger Zoos sei nach Angaben des Deutschen Tierschutzbundes Diazepam an Delfine verabreicht worden. Fachtierärzte des Lanuv hatten dem Duisburger Zoo jedoch 2014 eine ordnungsgemäße Arzneimittelgabe an die Delfine bescheinigt.

Den medialen Wirbel um den Einsatz von Psychopharmaka in Zoos kann Wolfram Graf-Rudolf vom Aachener Euregiozoo nicht nachvollziehen. Die Richtlinien seien eindeutig, eine tiermedizinische Indikation immer nötig. Soll heißen: Der Tierarzt entscheidet, ob Medikamente verabreicht werden. Darüber werde Buch geführt. „Hier geschieht nichts hinter verschlossenen Türen“, versichert der Tierparkdirektor.

In Aachen seien Psychopharmaka kein Thema. Da der Tierpark keine Großtiere habe, sieht Graf-Rudolf im Euregiozoo dafür keinen Anwendungsbedarf. Dass andere Zoos diesen Bedarf unter gewissen Umständen durchaus sehen, könne er nachvollziehen. Minderwertige Haltungsbedingungen würden damit aber nicht kompensiert.

Das NRW-Umweltministerium überprüft derzeit alle Zoos in NRW darauf, ob die Haltungsanforderungen des Säugetiergutachtens der Bundesregierung umgesetzt sind. Im Einzelfall könne dies nach Angaben von Sprecher Wilhelm Deitermann dazu führen, dass die Haltung bestimmter Tierarten nur noch mit großen Investitionen oder gar nicht mehr möglich sein werden.

Langfristig verfolge NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne), so Deitermann, eine Spezialisierung von Zoos auf einzelne Tierarten, um so „eine möglichst artgerechte Tierhaltung im Sinne des Artenschutzes zu ermöglichen“. Euregiozoo-Direktor Graf-Rudolf hält diesen Ansatz für überholt. „Das ist schon längst passiert. Alle Zoos in NRW haben ihren eigenen Charakter.“

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