Schifferkirche am Rhein: Wie ein Flüchtlingsboot zur Krippe wurde

Von: Martin Thull
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Es hat viel zu erzählen, dieses Boot aus Nordafrika, das eines Tages vor der Küste Maltas strandete. Es mahnt zum menschenfreundlichen Umgang mit Menschen, die auf der Flucht waren – und sind.
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Hier warteten früher die Frauen der Rheinschiffer und beteten für eine gesunde Wiederkehr ihrer Männer: St. Maria in Lyskirchen. Vorbei fährt das beliebte Kölner Touristenbähnchen, das beim Schokoladenmuseum gegenüber der Kirche startet.
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Das sind „David“ aus Eritrea und dahinter eine Kölner Wäscherin mit Begleitung.

Köln. Das weiß gestrichene Boot hat eine lange Reise hinter sich. Und wenn es sprechen könnte, hätte es viel zu erzählen: von den Neugierigen in der Halle des Nordturms des Kölner Doms, als es zwischendurch als Altar beim Gottesdienst an Fronleichnam auf der Domplatte diente, als es vor der Küste Maltas strandete, als es an der Küste Nordafrikas Menschen aufnahm, viel zu viele für das kleine Boot, als das Erzbistum das Boot kaufte und nach Europa, nach Deutschland transportierte.

Weil Erzbischof Rainer Maria Woelki denen, die auf dem Mittelmeer ihr Leben verloren haben, „eine Stimme geben, sie nicht in Vergessenheit und unserer Gleichgültigkeit anheimgeben wollte“. Das Boot soll „uns hier für deren Situation und Fluchtgründe sensibel machen“, sagt der Kölner Kardinal.

Das Boot war von der maltesischen Marine konfisziert worden. Rund 70 Flüchtlinge hatten darin das Mittelmeer überwinden wollen. Jetzt dient es als „Botschafter der Barmherzigkeit“. Die Gemeinden und Schulen können sich beim Erzbistum mit Flüchtlings-Projekten darum bewerben, dass das Schiff auch zu ihnen kommt. Ende des kommenden Jahres wird das besondere Boot im Bonner „Haus der Geschichte“ vor Anker gehen.

Jetzt im Advent 2016 steht es in der alten Schifferkirche am Rhein, St. Maria in Lyskirchen. Dort bildet es die Basis für die Milieukrippe, die hier jedes Jahr aufgebaut wird. Und tatsächlich hat ja auch die Geschichte von Josef, Maria und dem Kind etwas mit dem Alltag vieler Menschen zu tun, die heimatlos geworden sind: die Suche nach einem Obdach, die Unterkunft in einem schlichten Stall, später die Flucht vor dem grausamen Herodes.

Benjamin Marx, seit vielen Jahren der Krippenbauer, wird die Milieukrippe in dem 800 Kilogramm schweren Holzboot gestalten – diesmal aber ohne die sonst üblichen Straßenszenen aus den 1930er Jahren, allerdings mit den 37 beweglichen Holzfiguren, die in einer Größe von etwa 40 Zentimetern zum Teil Originale aus dem Veedel nachbilden. „Eigentlich wollten wir das Boot auch hier zum Altar machen, doch dafür ist es zu groß“, sagt Benjamin Marx. Dass die Krippe in St. Maria in Lyskirchen aktuelle Bezüge aufnimmt, ist Tradition, seit Pastor Gottfried Kirsch die Idee zu dieser Art der Darstellung der Geburt Christi und ihrer bib-lischen Vorgeschichte hatte. Als er 1996 starb, hinterließ er eine Tradition, die weiter gepflegt wird. In diesem Jahr mit Bezug auf die Flüchtlinge.

Schon am Eingang der kleinsten der zwölf großen romanischen Kirchen in Köln wird der Besucher mit einer Botschaft empfangen: „Christus sitzt im Flüchtlingsboot“. Das Zitat des Kölner Kardinals erscheint in zehn Sprachen.

„Üch eß der Heiland jebore!“

Die zentrale Botschaft der Krippe ist über die Jahrzehnte erhalten geblieben: „Jesus ist für alle geboren – Üch eß der Heiland jebore!“ – ob arm oder reich, bürgerlich in der Gesellschaft oder ausgegrenzt am Rande. Und so sehen wir auf dem Weg zum Boot, auf dem an Heiligabend dann die Krippe stehen wird, ganz vorne „David“. Vorbild ist ein Flüchtling aus Eritrea, dessen Eltern in einem Container ums Leben gekommen sind. Heute lebt und arbeitet er in Berlin. Oder ein Junkie, der den Stern trägt. Oder die Wäscherin, die jeden „Liebschen“ nannte. Sie gehen auf den Propheten Jeremias in der Wüste zu, der neben seinem Esel im Sand steht und das Kommen des Erlösers verkündet.

Die Verkündigung Mariens

Weiter oben am Wendepunkt der Treppe zur Orgelempore ist die Verkündigung Mariens durch den Engel Gabriel dargestellt. Hier ist der Ausgangspunkt der Entwicklung, die in der Geburt in Bethlehem ihren End- und vorläufigen Höhepunkt erreicht. Wegbereiter dahin sind etwa das Romamädchen Crina, das mit seinen Eltern aus Rumänien nach Berlin gezogen ist. Auch dort ist sie nicht frei von Diskriminierung. Aber für Benjamin Marx, den Krippenbauer und unermüdlich kreativen Gestalter, ist sie ein Erinnerungszeichen, dass die Sinti und Roma die größte Minderheit in Europa sind, von der Zahl so groß wie die Einwohner von Dänemark und Finnland zusammen.

Oder der „Leyendecker“. Ein Handwerker, dessen Vorfahren im Mittelalter bereits schreiben und rechnen konnten und deshalb bei der Entstehung der Stadtverfassung eine wichtige Rolle spielten. Vorbild für die Figur hier ist ein junger Mann, der früher beim Aufbau der Krippe geholfen hatte und nach einem Unfall berufsunfähig wurde.

Den Reiz dieser Milieukrippe macht aus, dass es gelingt, biblische Gestalten mit symbolischen Figuren sowie ganz konkrete Menschen aus dem Viertel rund um St. Maria in Lyskirchen in Beziehung zu bringen. Dazu kommt die Verbindung zum Geschehen rund um die Geburt Jesu. Gelungen ist diese Kombination, ohne zu Symbolkitsch zu werden. Stattdessen ist die Aufforderung spürbar, sich der Aktualität des Geschehens im Viertel bewusst zu werden. Dieser Horizont wird in diesem Jahr gesprengt durch die Rückbezüge zum Geschehen rund um die Flüchtlinge hier und die auf dem Meer.

Noch etwas fällt auf: Auf einem DIN-A-4-Blatt ist die Verkündigung des Engels Gabriel an Maria beschrieben, wie wir sie im Lukasevangelium finden. Aber es ist eben auch aus dem Koran die Sure 3 zitiert, in der es neben anderem heißt: „(Damals) als die Engel sagten: Maria! Gott verkündet Dir ein Wort von sich, dessen Name Jesus Christus, der Sohn Marias, ist! Er wird im Diesseits und Jenseits gesehen werden als einer von denen, die Gott nahestehen.“

Wer will, der wird es wissen: Maria und Jesus spielen auch im Koran eine Rolle. Daran zu erinnern, bedeutet Gemeinsames zwischen Christentum und Islam aufzeigen und nicht stets das Trennende betonen. Krippendarstellungen sind – seit Franz von Assisi sie populär machte – nicht nur Ausdruck von Volksfrömmigkeit, sondern immer auch eine Art der Verkündigung. Gerade die Milieukrippe in St. Maria in Lyskirchen erhebt diesen Anspruch. Und ihr gelingt es jedes Jahr neu, das Leben der Menschen ihres Viertels einzubeziehen, manchmal augenzwinkernd, wenn etwa des Pfarrers Katze durchs Gelände streunt oder der Hund eines Nichtsesshaften vor den Augen des Polizisten an eine Laterne pinkelt. Alltag und – wenn man so will – heiliges Geschehen kommen sich wundersam nahe. Ein Besuch lohnt sich.

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