Schauspielgruppe in Gebärdensprache: Spielen wie die Hörenden

Von: Naima Wolfsperger
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Martina Degner (Mitte) hat eine Hörschädigung. Für sie ist das noch lange kein Grund, nicht Theater zu spielen – möglich war es ihr trotzdem nicht. Jetzt gibt es in Aachen den ersten Schauspielunterricht in Gebärdensprache. Für Thomas Dickmeis (unten rechts) ist mit dem neuen Projekt ein Jugendtraum in Erfüllung gegangen. Foto: Heike Lachmann
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Theaterschule Schleswigstr. Theaterprojekt mit Gehörlosen Foto: Thomas Dickmeis--Teilnehmer

Aachen. Martina Degner sitzt mit ernster Miene im Auto. Sie und ihre Partnerin haben eine Leiche im Kofferraum und eine Pistole im Handschuhfach. Degner spricht mit ihren Händen. Sie macht große Bewegungen mit ihren Armen, gebärdet sich ausdrucksstark. Es ist klar: Die Kollegin fährt zu schnell. Viel zu schnell. Und bald werden die beiden von der Polizei angehalten – dabei sind die Gesetzeshüter das Letzte, was die beiden jetzt gebrauchen können.

Lautes Gelächter ertönt, die Zuschauer werfen ihre Arme in die Luft und winken mit beiden Händen – sie sind begeistert von dem, was sie bei der Probe geboten bekommen. Was in der Theaterschule Aachen am Donnerstagabend passiert, ist außergewöhnlich. Nicht weil eine Schauspielgruppe von gehörlosen Menschen undenkbar wäre – sondern weil es in der Region keine andere gibt.

„Dabei können wir genauso gut spielen wie die Hörenden“, erklärt Degner. Das Gehör der 32-Jährigen ist geschädigt. Der Schauspielunterricht, der durch eine Kooperation des Hörgeschädigtenzentrums (HGZ) und der Theaterschule Aachen angeboten wird, ist für Degner aber nicht die erste Erfahrung auf den Brettern, die die Welt bedeuten.

Sie hat als Sozialpädagogische Assistentin in Rendsburg, Schleswig-Holstein, gearbeitet und dort mit gehörlosen Jugendlichen Stücke inszeniert. Was sie jetzt an der Aachener Theaterschule lernt, ist aber etwas anderes. „Als Sozialarbeiterin war ich immer in einer Aufsichtsposition, und es ging vor allem um das Spiel der Jugendlichen. Jetzt geht es endlich darum, dass ich Schauspielen lerne.“

Thomas Dickmeis ist Anfänger – schauspielerisch in jeder Hinsicht: „Ich habe verschiedene Gruppen in Köln und Düsseldorf besucht. Aber die Gelegenheit, selbst mitzuspielen, hatte ich bisher nicht.“ Denn Dickmeis ist hörgeschädigt.

Als er im HGZ den Aushang für das neue Projekt sah, da zögerte er nicht und meldete sich sofort an. „Für mich ging damit ein Jugendtraum in Erfüllung“, sagt der 42-Jährige. Schon zu Schulzeiten interessierte er sich für das Theater und versuchte, eine Schauspielgruppe zu finden.

Dabei ist es ein geradezu selbstverständlicher Lebensbereich: Theater. In der Schule, in Improvisationsgruppen, mit großer Ernsthaftigkeit oder als ein nettes Hobby. Aber nicht für Gehörlose, zumindest nicht in der Region.

„Dabei braucht Theater bekanntlich keine Stimme“, sagt Diana Margolina, Schauspielerin und Theaterlehrerin. „In den meisten Großstädten der Welt sind Theatergruppen mit Gehörlosen ganz normal – ob in Moskau oder Köln. Und wenn ich mich richtig erinnere, ist Aachen auch eine Großstadt, die schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat.“ Deshalb verstehe sie auch nicht, dass es hier noch keine gegeben hat.

Margolina ist in Russland aufgewachsen. Ihre Eltern sind gehörlos. Das hat sie nicht daran gehindert, Margolina oft mit ins Theater zu nehmen. Der Vater hat in Russland auch selbst bei einigen Stücken Regie geführt. Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) hat die 26-Jährige erst vor zehn Jahren gelernt, als sie nach Deutschland kam.

Am Anfang hatte sie Schwierigkeiten, sagt Degner, „weil die Gebärdensprache so viel größer sein muss auf der Bühne. Ich habe meine Sprache dabei noch mal neu entdeckt.“ Auch Dickmeis war zu Beginn nervös: „Vor allem bei den Aufwärmübungen habe ich aus Verlegenheit viel gelacht.“

Keine Besonderheit bei Theateranfängern. Die einzige Schauspielgruppe mit Hörgeschädigten in Aachen läuft vom Unterricht her ab wie alle anderen. Mimik und Gestik bilden den Kern der Darstellenden Kunst, machen das Theater aus. Und auch Margolina, die von der Logopädin und Schauspielerin Gerda Lachmann unterstützt wird, sieht beim Unterrichten keinen Unterschied.

„Selbst im Fernsehen ist die fehlende Stimme eigentlich keine Neuigkeit“, sagt Degner. Das Fernsehen hat streng genommen seinen Ursprung in der stimmlosen Produktion, schließlich gab es von 1895 bis 1927 nur den Stummfilm. Und auch zum Schauspieltraining gehört die Ausdrucksfähigkeit ohne gesprochene Worte.

Die Idee ins Rollen gebracht hat Gerda Lachmann. Sie studiert Logopädie und spezialisiert sich auf die Arbeit mit Gehörlosen. Bei Anne Elsen, Leiterin des Hörgeschädigtenzentrums, stieß sie dabei auf offene Ohren. Elsen ist seit zwei Jahren mit der Aufgabe betreut und noch dabei, die Deutsche Gebärdensprache zu lernen. Auf die neue Theatergruppe sei sie aber besonders stolz.

Nicht nur, weil es die erste ist, bei der Gehörlose mitspielen: „Mir fällt auf, dass die Gebärdensprache oft mit einer Gebärde erklären kann, wofür ich sonst einen ganzen Satz bräuchte. Ich glaube, für das Theater ist das besonders schön.“ Elsen hofft, im Sommer zum 50-jährigen Bestehen des Gehörlosenzentrums eine Aufführung der Theatertruppe organisieren zu können.

Auf lange Sicht wollen die engagierten Schauspielschüler aber auch öfter auftreten. Elf Mitglieder hat die Gruppe bereits, obwohl sie bisher nur auf acht Stunden angesetzt ist. Elsen hofft, dass sich noch viele Interessierte melden, wenn die Gruppe bekannter wird.

Mehr Projekte

Dickmeis und Degner wollen ihr neues Hobby nicht wieder aufgeben. Schließlich hat es auch lange genug gedauert, bis sie die Schauspielerei überhaupt einmal probieren konnten. Was das Theater für sie bedeutet? „Vor allem Spaß“, sagt Degner , aber sie will auch etwas beweisen: „Warum sollten Gehörlose nicht auf die Bühne? Wir haben auch hörenden Zuschauern etwas zu bieten.“

Ihr Traum: „In einer gemischten Schauspielgruppe spielen, mit Hörenden und Gehörlosen. Durch die Mischung kann das Stück nur gewinnen.“ Für Dickmeis bedeutet das Theater „eine neue Erfahrung, die ich schon lange mal machen wollte. Ich bin inzwischen viel lockerer geworden mit der Körpersprache, die man fürs Theater braucht. Ich freue mich darauf, mehr zu lernen. Und hoffe, dass es bald mehr solcher Projekte geben wird.

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