Schaffner in NRW haben Angst davor, nachts zu arbeiten

Von: Naima Wolfsperger
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Tatort Zugabteil: In manchen Zügen sind Kameras installiert, doch die Zahl der Übergriffe auf das Bahnpersonal steigt trotzdem. 80 Prozent aller Schaffner in NRW haben Angst davor, nachts zu arbeiten. Auch Polizisten werden geschlagen und bespuckt, Rettungskräfte beleidigt. Woran liegt das? Foto: stock/Sven Ellger
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„Angriffe auf Uniformierte sollten ein höheres Strafmaß erhalten“: Jörg Radek, stellvertretender Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei. Foto: M. Gego

Aachen. Fast alle Schaffner haben mittlerweile Angst, zur Arbeit zu gehen, jedenfalls dann, wenn sie nachts arbeiten müssen. Sie haben Angst davor, während der Arbeit beschimpft zu werden, sie haben Angst davor, während der Arbeit geschlagen zu werden.

Die 2100 Mitglieder der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) in NRW, in der auch ein Teil der Schaffner organisiert ist, wurden von der Gewerkschaft in einer anonymisierten Umfrage befragt. 840 von ihnen, 40 Prozent, haben die Umfrage beantwortet. Das Ergebnis ist erschreckend.

„Der Job gerät immer mehr in den Hintergrund. Man will nach jeder Schicht nur heil und in ganzem Stück zur Familie nach Hause kommen“, schreibt ein Mitglied der GDL in der Umfrage. 93 Prozent der Befragten geben an, dass Beschimpfungen der „übelsten Art“ an der Tagesordnung sind. 63 Prozent der Schaffner wurden schon körperlich angegriffen. „Dass man sich täglich beschimpfen lassen muss, geht schon an die Nieren“, sagt Sven Schmitte, Vorsitzender des GDL-Bezirks NRW.

Zusätzlich sind sich die Zugbegleiter einer Bedrohung durch gewaltbereite Fahrgäste bewusst. 80 Prozent der GDL-Mitglieder haben Angst, einen Zug in der Nacht zu begleiten; 78 Prozent wenn sie ihren Dienst allein ausüben müssen. 21 Prozent fürchten sich sogar jeden Tag bei der Arbeit.

Das Problem steigender Gewaltbereitschaft und sinkender Hemmschwellen ist nicht nur ein Problem der Schaffner. „Allgemein ist eine Verrohung der Gesellschaft zu erkennen. Heute wird einfach schneller zugeschlagen“, sagt Jörg Radek. Radek ist stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Deutschland. „Auch gewalttätige Übergriffe auf Uniformierte sind heute keine Ausnahmefälle mehr“, sagt er.

Besonders in den vergangenen Jahren sei die Hemmschwelle vieler Gewalttäter gesunken. Uniformierung als Zeichen des öffentlichen Diensts werde immer öfter Auslöser für Übergriffe. „Auf Streife an den Bahnhöfen kommt es schon mal vor, dass wir aus vorbeifahrenden Zügen mit Flaschen und Abfällen beworfen werden“, sagt Radek. „Nur wegen der Uniform.“ Die Menschen würden ihre Unzufriedenheit über Staat und ihr eigenes Leben an den Uniformträgern und Beamten auslassen.

Aber nicht nur Polizisten und Fahrkartenkontrolleure müssen sich damit auseinandersetzen. Rettungssanitäter und Feuerwehr würden bei ihrer Arbeit immer öfter beschimpft und sogar teilweise behindert. Die Autorität, die eine Uniform vermitteln soll, werde heutzutage von vielen Bürgern nicht mehr anerkannt. Die Uniform hat ihre Schutzfunktion verloren. Viel mehr noch: Sie stellt eine Art Angriffsfläche dar.

Die Bundespolizei verzeichnet in ihrer Kriminalstatistik täglich einen körperlichen Übergriff auf die Beamten in Bahnhöfen und Zügen. Dabei sind die Bundespolizisten hauptsächlich an großen Bahnhöfen und bei Risikozügen, zum Beispiel bei Fußballspielen, im Einsatz. „Wir können nur Knotenpunkte abdecken. Für weiteres fehlt das Personal“, sagt Radek. Bei Übergriffen im Zug sei die lokale Polizeistation an der nächsten Haltestelle oft schneller vor Ort, als die Bundespolizei, sagt Erich Rettinghaus, Vorsitzender der deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) NRW. „Da kann es dann zu Problemen in Zuständigkeitsfragen kommen.“ Seit 2010 versuchen die Sicherheitsbehörden mit der Initiative „Keine Gewalt gegen Polizisten“ auf die erhöhte Gewaltbereitschaft aufmerksam zu machen.

Heute werde nicht mehr davor zurückgeschreckt, auch den zu treten, der bereits am Boden läge, sagt Radek. Und: „Angriffe auf Uniformierte sollten ein höheres Strafmaß erhalten.“ Insgesamt werde die Diskussion über die Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft nicht kritisch genug geführt.

Wie man das Problem löst

Die Sicherheitsstatistik 2014 der Deutschen Bahn verzeichnet 1500 gemeldete tätliche Übergriffe auf Bahnpersonal in ganz Deutschland. Die Statistik basiere auf den gemeldeten polizeilichen Vorgängen, sagt ein Sprecher der Deutschen Bahn gegenüber unserer Zeitung. Bei jedem Übergriff sei das Zugpersonal angehalten, Anzeige zu erstatten. GDL-NRW-Vorsitzender Schmitte hält auf Grund der Umfrage in NRW die Dunkelziffer tätlicher Übergriffe für weit höher. Oft würden sie nicht gemeldet, „weil die Zugbegleiter das Gefühl haben, es würde nichts bringen. Sie fühlen sich von ihren Arbeitgebern vernachlässigt“, sagt Schmitte. Auch er hält die Gefahrensituation in Zügen und an Bahnhöfen für dramatisch unterschätzt.

Die GDL will das Problem konkret angehen. Sie fordert eine Verbesserung der Sicherheitssituation für das Zugpersonal. Die Deutsche Bahn gibt auf Anfrage unserer Zeitung an, dass das Personal in NRW jährlich an Deeskalationstrainings teilnehme. Die Adressen von Psychologen und Ansprechpartnern seien einfach über den Arbeitgeber zugänglich. Auch private Bahnbetreiber geben an, regelmäßig Schulungen durchzuführen.

Schmitte entgegnet, dass die Arbeitgeber in der GDL-Umfrage ein Mangelhaft für Präventionsmaßnahmen und Nachbetreuung erhalten hätten. Deeskalationstrainings seien zu unregelmäßig und zu theoretisch. Auch mit posttraumatischen Belastungsstörungen fühlten sich die GDL-Mitglieder oft allein gelassen.

Die GDL fordert jetzt eine Verbesserung der Sicherheitssituation im Nah- und Fernverkehr. „Einerseits sind die Arbeitgeber gefragt“, sagt Schmitte, „andererseits die Politik.“ Die Personalstärke in den Zügen werde politisch gelenkt, sagt Schmitte. Eine zweifache Besetzung würde die Situation bereits verbessern.

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