Saurier-Reaktor steht nur gut 80 Kilometer von Aachen entfernt

Von: Claudia Schweda
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Kernkraftwerk Tihange
Das Kernkraftwerk Tihange kurz hinter Lüttich: Die drei Druckwasserreaktoren gehören zu den ältesten dieses Typs, die weltweit noch in Betrieb sind. Foto: Hullie/Wikipedia

Aachen. Atomkraftwerke sind auf der deutschen Landkarte weit weg vom Großraum Aachen. Doch wer nach Westen schaut, dorthin, wo der Wind in unserer Region meistens her weht, muss nur rund 80 Kilometer weit hinter die belgische Grenze fahren, um auf einen Dinosaurier-Reaktor zu treffen.

Das AKW Tihange an der Maas ist 35 Jahre alt. 1975 ging der älteste der drei dortigen Druckwasserreaktoren ans Netz. Die beiden „jüngeren” folgten acht beziehungsweise zehn Jahre später - 1983 und 1985. Auch die vier Reaktoren im AKW Doel bei Antwerpen - 167 Kilometer von Aachen entfernt - entstammen diesen Baujahren.

Im Oktober des vorigen Jahres war es in Tihange zu zwei Unfällen gekommen: Zunächst waren 600 Liter säurehaltiges Wasser in die Maas gelangt, knapp zwei Wochen später wurden drei Arbeiter bei Wartungsarbeiten durch giftige Dämpfe verletzt. Der letzte Störfall war im November 2002 gemeldet worden. Damals kam es im Reaktorblock 2 bei Unterhaltungsarbeiten zu einem plötzlichen Druckabfall. Eine Gefahr für die Bevölkerung im Umkreis des Reaktors habe aber bislang zu keinem Zeitpunkt bestanden, beteuert der Betreiber Electrabel.

Das Atomausstiegsgesetz in Belgien aus dem Jahr 2003 sieht vor, dass die sieben Reaktoren in den zwei Atomkraftwerken abgeschaltet werden sollen, wenn sie 40 Betriebsjahre erreicht haben. Das hieße, dass die drei ältesten Reaktoren Doel 1 und 2 sowie Tihange 1 im Jahr 2015 vom Netz genommen würden. Doch das zu über 50 Prozent von Atomenergie abhängige Belgien tut sich schwer mit diesem Schritt. Die letzte amtierende belgische Regierung unter Premier Herman Van Rompuy hat mit dem Atomkraftwerksbetreiber Electrabel im Jahr 2009 vereinbart, die drei älteren Reaktoren bis zur maximalen Laufzeit der „jüngsten” Reaktoren im Jahr 2025 am Netz zu halten. Im Gegenzug soll Electrabel jährlich 215 bis 245 Millionen Euro in die Staatskasse zahlen.

In den Augen von Greenpeace Belgien ist dieser Plan unverantwortlich. Nach Angaben des Eupener „Grenzecho” spricht die Umweltschutzorganisation von „russischem Roulette”. Die Lebensdauer der ältesten Reaktoren auf 50 Jahre zu verlängern, sei „ein gefährliches Experiment”. Das Risiko eines Reaktorunfalls steige von Jahr zu Jahr. Und: Schon heute gehörten die Reaktoren von Doel und Tihange mit einer Betriebsdauer von 25 bis 35 Jahren international zu den ältesten dieses Typs, die noch in Betrieb sind. „Diese Meiler wurden für eine Laufzeit von maximal 30 Jahren konzipiert, und es gibt weltweit praktisch keine Erfahrungswerte, was Reaktorlaufzeiten von 40 Jahren und mehr angeht”, gibt Greenpeace Belgien demnach zu bedenken.

Ob es aber wie in Deutschland auch in Belgien tatsächlich zu einem Ausstieg aus dem Atomausstieg und einer Verlängerung der Kraftwerks-Laufzeiten kommt, ist noch offen. Denn Gesetzeskraft hat die Vereinbarung mit Electrabel noch nicht. Auf dem Weg dahin kam unserem Nachbarland die Regierung abhanden.

Resolution in der Städteregion Aachen auf dem Weg

Das letzte Kernkraftwerk der Niederlande wird in Borssele auf Zeeland betrieben - rund 200 Kilometer von Aachen entfernt. Der Druckwasserreaktor, der 1973 ans Netz ging, soll bis 2034 betrieben werden. Geplant sind zudem ein Block 2 und 3.

Im Aachener Städteregionstag könnte bald eine von SPD und Linken eingebrachte Resolution zur niederländischen Atompolitik eine Mehrheit finden. Darin soll die Landesregierung in Düsseldorf aufgefordert werden, auf die Niederlande einzuwirken, damit keine Bau- und Betriebsgenehmigung für die Kernkraftwerke Borssele 2 und 3 erteilt sowie Borssele 1 so schnell wie möglich vom Netz genommen werden.

Der Naturschutzbund Aachen forderte gestern, dass sich die Politiker in der Städteregion Aachen noch stärker gegen die Reaktorneubauten in den Niederlanden und die Laufzeitverlängerung für Tihange in Belgien engagieren müssten.

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