Sauerlandgruppe hinter Panzerglas

Von: dpa
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Sauerland-Gruppe / Prozess
Vier Islamisten der sogenannten Sauerland-Gruppe erwarten heute ihr Urteil. Foto: dpa

Düsseldorf. Töten für Allah in Deutschland: Vier Islamisten der sogenannten Sauerland-Gruppe müssen sich seit Mittwoch in Düsseldorf wegen der Vorbereitung verheerender Terroranschläge verantworten. Mit mindestens drei Autobomben, so warf ihnen die Bundesanwaltschaft vor dem Oberlandesgericht vor, hätten sie so viele Menschen wie möglich töten wollen.

Die Anklage legt den Männern auch die Zugehörigkeit zu einer ausländischen und inländischen Terrorvereinigung vor. Angeklagt sind die zum Islam konvertierten Deutschen Fritz G. und Daniel S., der Türke Adem Y. sowie der türkischstämmige Atilla S.. Sie mussten hinter schusssicheren Scheiben sitzen. Der Hochsicherheitstrakt des Gerichts wurde von einem massiven Polizeiaufgebot hermetisch abgeriegelt.

Die Verteidigung bezweifelte die Verwertbarkeit von Geheimdienst- Erkenntnissen, vermutete den Einsatz von V-Leuten und wies auf mögliche Folter von Zeugen im Ausland hin. Außerdem bestritten die Verteidiger die Existenz der Islamischen Dschihad-Union (IJU), der die Angeklagten laut Bundesanwaltschaft angehören sollen.

Die Ankläger der Bundesanwaltschaft aus Karlsruhe hielten den Männern im Alter von 23 bis 30 Jahren vor, sie seien in den Lagern der IJU in Pakistan ausgebildet worden. Die IJU habe „ihre Kreise im Sinne des globalen Dschihad ausgeweitet”, auch nach Europa und Deutschland. Die Mitglieder der IJU verstünden sich als „Mudschahedin”, die als Märtyrer im Kampf gegen Ungläubige ihr Leben einsetzten.

Im Visier hatte die Gruppe laut Anklage vor allem US-Einrichtungen in Deutschland. Das Motiv dafür sei ein „abgrundtiefer Hass gegen die Amerikaner, die aus ihrer Sicht größten Feinde des Islam”. Die Gruppe soll vom Ruhrgebiet über Köln, Stuttgart bis München US-Flughäfen, Kneipen und andere Einrichtungen als Anschlagsziele diskutiert haben.

Im September 2007 hatte die Spezialeinheit GSG 9 drei von ihnen in der abgelegenen Ortschaft Oberschledorn im Sauerland festgenommen, nachdem sie zuvor monatelang von einem Großaufgebot an Ermittlern überwacht worden waren. 730 Liter Wasserstoffperoxid zum Bombenbau hatten die Fahnder schon vor dem Zugriff durch den Austausch mit einer stark verdünnten Lösung unschädlich machen können. Atilla S., der die Zünder beschafft haben soll, wurde später in der Türkei verhaftet und ausgeliefert.

Der Entschluss der Angeklagten, sich nicht dem Dschihad in Afghanistan zu opfern, sondern nach Deutschland zurückzukehren, reifte nach Ansicht der Bundesanwälte bei den Angeklagten in den IJU- Ausbildungslagern. In Deutschland habe ständiger Kontakt mit der IJU- Führungsebene bestanden. Dagegen sagte einer der Verteidiger von Fritz G.: „Mein Mandant hatte keine Vorstellung von der IJU.”

Umstritten ist auch die Verwertbarkeit der Aussagen von Zeugen, die deutsche Ermittler in Gefängnissen in Kasachstan und Usbekistan befragt hatten. Beide zentralasiatischen Republiken stehen wegen Verstößen gegen die Menschenrechte in der Kritik. Bundesanwalt Volker Brinkmann bestritt aber, dass bei den Verhören oder in deren Vorfeld „verbotene Methoden„ angewendet worden seien. Die Vernehmungen seien sogar auf Video aufgezeichnet worden. Die Bedeutung dieser Aussagen werde auch überschätzt: „Wir haben andere Zeugen.”

Zugleich wies Brinkmann den Vorwurf der Einfädelung von V-Leuten in die konspirative Gruppe zurück. Es sei auch nicht ersichtlich, warum der amerikanische Geheimdienst CIA, wie von der Verteidigung unterstellt, in den Schmuggel der Sprengstoffzünder nach Deutschland beteiligt gewesen sein sollte - in dem Wissen, dass diese gegen Amerikaner eingesetzt werden sollten.

Adem Y. weigerte sich zu Beginn des Prozesses bei der Vereidigung der Dolmetscher und später beim erneuten Einzug des Gerichts aufzustehen. „Ich stehe nur für Allah auf”, sagte er. Der Vorsitzende Richter Ottmar Breidling drohte ihm eine Ordnungsstrafe an.

Der Angeklagte Daniel S. ist zusätzlich wegen versuchten Mordes an einem Polizisten angeklagt, weil er bei seiner Festnahme einem Beamten die Waffe entrissen und auf ihn geschossen haben soll. Ihm droht wegen Mordversuchs lebenslange Haft. Dem als Rädelsführer geltenden Fritz G. sowie Adem Y. droht eine Höchststrafe von 15 Jahren. Atilla S. muss mit maximal zehn Jahren Haft rechnen.

Allein die Anklage hat 219 Zeugen benannt, die Akten des Verfahrens sind in 530 Ordnern aufgereiht. An diesem Donnerstag sollen bereits 21 Zeugen - überwiegend Verwandte der Angeklagten - aussagen. Die Bundesanwaltschaft ermittelt noch gegen einen fünften Verdächtigen, der ebenfalls an der Zünderbeschaffung beteiligt gewesen sein soll.

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