Aachen - Sammel-Serie, Teil 1: Warum sammelt der Mensch?

Sammel-Serie, Teil 1: Warum sammelt der Mensch?

Von: Hermann-Josef Delonge
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Es müssen ja nicht immer Briefmarken sein: Mit Muscheln und Steinen aus dem Urlaub lässt sich schon eine Sammlung starten. Foto: imago
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Sammeln zwischen Leid und Lust: der Münchener Psychologe Albrecht Schnabel. Foto: A. Schnabel

Aachen. Es geht um Leidenschaft, um Dinge, für die Sie Ihr letztes Hemd geben oder von denen Sie sich niemals trennen würden. Es geht ums Sammeln und vor allem um weniger bekannte Sammelobjekte als Briefmarken. Warum nicht alte Koffer, Barometer oder Anstecknadeln von Fußballvereinen aus aller Welt? Wir hatten unsere Leser aufgerufen, sich zu melden, wenn sie außergewöhnliche Dinge sammeln – und viele haben geantwortet.

Im Rahmen unserer Sommerserie werden wir in den kommenden Wochen mehrere Sammler und ihre geliebten Objekte vorstellen.

Zum Auftakt erklärt der Münchener Psychologe Albrecht Schnabel im Gespräch mit unserem Redakteur Hermann-Josef Delonge, warum der Mensch sammelt. „Einmal Sammler, immer Sammler“, sagt der langjährige wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Sozial- und Wirtschaftspsychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.

„Sammler sind glückliche Menschen“, soll Goethe gesagt haben. Am Ende saß er auf 40.000 Objekten seiner Sammelleidenschaft. Ist das das Glück auf Erden?

Albrecht Schnabel: Goethe hat viele lebenskluge Dinge gesagt, insofern muss ja was dran sein. Aber im Ernst: 40.000 Objekte, das scheint mir schon eine sehr große Zahl.

Warum sammelt der Mensch überhaupt?

Schnabel: Einerseits um zu spielen, andererseits um sich zu sichern.

Das müssen Sie erklären.

Schnabel: Ich zitiere den Psychotherapeuten Alfred Adler: „Menschsein heißt, sich minderwertig fühlen.“ Von allen Lebewesen haben wir die mit Abstand längste Kindheit und Jugend und sind dabei im besonderen Maße und sehr lange abhängig vom Elternhaus und der Gesellschaft. Und wir wissen um unsere Endlichkeit. Beides führt dazu, dass wir versuchen, uns abzusichern – materiell und emotional. Dazu trägt das Sammeln bei.

Wir kompensieren damit unser Minderwertigkeitsgefühl. Anders gesagt: Wenn das Leben schon endlich, wettbewerbsorientiert, unsicher und bedroht ist, dann will ich mich wenigstens gut fühlen und Objekte um mich haben, die mir gefallen, mich beruhigen, mich gut fühlen lassen – als unbewusste Entschädigung für die Gefahren und Bedrohungen des Lebens.

Und wo beginnt das Spiel?

Schnabel: Wenn wir die Dinge, die wir sammeln, anfassen können, wenn wir tauschen, vergleichen, komplettieren, stolz sind, uns mit anderen Sammlern treffen, wenn wir also Gemeinschaft leben. Das hat Elemente des Spiels und der sogenannten Selbstwirksamkeit. Das meint das Gefühl, sein Leben gestalten und bestimmen zu können. Das alles macht viel Spaß. Wobei oft gar nicht die komplette Sammlung selbst, sondern der Weg dorthin das Ziel ist, also das Erwerben, Tauschen, Verhandeln, die Begegnung mit anderen.

Ist die Sammelleidenschaft im Menschen genetisch verankert?

Schnabel: Ja, vermutlich schon. Denn auch das Bestreben, sich im oben skizzierten Sinne abzusichern, ist eine menschliche Konstante.

Dann gibt es also kein „nutzloses“ Sammeln?

Schnabel: Doch. Denn das Sicherungsbedürfnis und das Gemeinschaftsgefühl sind eigentlich miteinander verschränkt. In der modernen Gesellschaft allerdings liegt die Betonung oft eher auf dem Sicherungsaspekt, also dem Erwerb materieller Objekte einschließlich Geld. Wir machen uns teilweise von Objekten abhängig, denn sie tragen dazu bei, dass wir uns gut fühlen. Darunter jedoch leidet potenziell das Gemeinschaftsgefühl, dann nämlich, wenn wir zu materiell werden.

Man kennt das: Wir sind unter Umständen ziemlich viel damit beschäftigt, die Dinge zu ordnen, zu katalogisieren und zu begutachten, und vernachlässigen darüber das Miteinander. Das ist im Wortsinn leidvoll, weil wir Menschen sehr stark von der Gemeinschaft abhängig sind, von ihr profitieren und in ihr lebendig sind.

Würden Sie da auch die Trennlinie zum „krankhaften“ Sammeln, zum Messie-Syndrom ziehen?

Schnabel: Ich denke, die Übergänge sind fließend. Aber je mehr ich mich an Objekte binde statt an Menschen, umso leidvoller oder auch neurotischer wird tendenziell mein Verhalten. Beim Messie ist dieses Leid offensichtlich.

Hat es früher auch schon Messies gegeben, oder ist das ein Phänomen unserer Überflussgesellschaft?

Schnabel: Ich denke, sogenannte Messies hat es früher schon gegeben. Allerdings ist die oft damit einhergehende Vereinsamung vermutlich ein Phänomen, das in unserer Zeit verstärkt zutage tritt. Das hat aber weniger mit Überfluss zu tun und wohl mehr mit unserer Wettbewerbsgesellschaft, in der viele Menschen Gefahr laufen, quasi aussortiert zu werden und zu vereinsamen. Dann sammelt man unter Umständen verstärkt Dinge, mit denen man sich umgibt und die einem wenigstens etwas „Gesellschaft leisten“.

Täuscht der Eindruck, dass vor allem Männer einer Sammelleidenschaft nachgehen?

Schnabel: Es gibt darüber keine verlässlichen Zahlen, aber es könnte tatsächlich sein, dass Männer stärker zum Sammeln von Dingen neigen. Sie werden anders sozialisiert, sind stärker auf Macht und Haben ausgerichtet. Frauen sind stärker sozial ausgerichtet, allerdings auch nach Motto: „Tu was für die anderen, sei nicht so eigenwillig.“ Jungs wird das eher zugestanden.

Einmal Sammler, immer Sammler?

Schnabel: Tendenziell ja, weil die Persönlichkeit sich vor allem in der zweiten Lebenshälfte nicht so schnell ändert. Wenn sich die Lebensumstände verändern, wenn man in eine kleinere Wohnung zieht oder einen Partner hat, der die Sammelleidenschaft nicht teilt, dann gibt man vielleicht Dinge ab. Aber im Kern bleibt man Sammler. Ganz vereinfacht gesagt: Bewegung und Wachstum sind immer möglich, aber die Veränderung der Persönlichkeit fällt umso schwerer, je älter man ist.

Und hört dann die Aufforderung: „Nun miste doch mal aus, Du wirst die Bücher, die DVDs etc. doch nie wieder in die Hand nehmen!“ Was halten Sie davon?

Schnabel: Rational ist dieses Argument nachvollziehbar. Besteht allerdings eine recht starke Bindung an die Dinge, die einem „ans Herz gewachsen sind“, so kann es schwierig werden. Diese Bindung hat ja ihren Grund. Überspitzt gesagt: Die Mitmenschen haben den Sammler tendenziell enttäuscht, deshalb hängt er an den Sachen, die ihn nicht verletzen können. Wenn man dann abgeben soll, etwa weil der Partner das vielleicht verlangt, kann das Ängste und ein Gefühl der Leere, ja sogar Panik auslösen. Das ist dann allerdings die Seite des Sammelns, die nichts mehr mit dem spielerischen Aspekt zu tun hat, der ja auf Austausch mit anderen angelegt ist.

Also: Wer mit einem gewissen Schmunzeln sammelt, wer sein Herz nicht zu sehr an die Dinge hängt, für den ist das Sammeln eine Bereicherung des Lebens. Wer aber sehr viel Zeit und Energie vor allem in das Haben steckt und darüber das Miteinander vernachlässigt, der wird wohl eines Tages auch mit dem leidvollen Aspekt des Sammelns konfrontiert werden: Einsamkeit, Unordnung oder gar Chaos.

Sammeln Sie selbst?

Schnabel: Ja, vor allem Bücher, DVDs und CDs.

Können Sie gut weggeben?

Schnabel: Ehrlich gesagt: nicht immer. Auch ich habe da so meine „Themen“, an denen ich arbeite.

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