RWTH-Student blickt auf den blutigen Konflikt in seinem Land

Von: Valerie Barsig
Letzte Aktualisierung:
8206094.jpg
Assaf Keshet ist Israeli, lebt seit 2006 in Deutschland. Sein Gesicht möchte er lieber nicht in der Zeitung sehen. Foto: Barsig
8206088.jpg
Ein israelischer Soldat blickt gen Gaza, wo im Moment eine Bodenoffensive der israelischen Armee stattfindet. Der Konflikt um das Land, auf dem die Palästinenser wohnen, schwelt schon seit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Foto: dpa

Aachen. Assaf Keshet ist 30 Jahre alt und studiert an der RWTH. Der Israeli kam 2006 nach Deutschland – als Schlagzeugtechniker auf Tour mit einer Heavy-Metal-Band. Gerade hat er drei Jahre israelischen Militärdienst hinter sich gebracht – wie jeder Israeli in seinem Alter. Die Tour mit der Band endet und Keshet steigt nicht wieder ins Flugzeug nach Israel.

Er entschließt sich, in Deutschland zu bleiben. Aufgewachsen ist er in Tel Aviv. Dort und im Norden von Israel lebt seine Familie. Im Interview mit unserer Zeitung spricht er darüber, warum es so schwer ist, im hochkochenden Gaza-Konflikt von richtig oder falsch, Gut oder Böse zu sprechen.

Herr Keshet, warum wollten Sie damals aus Israel weg?

Keshet: Israel ist ein wunderschönes Land. Die Landschaft, die Geschichte und die Menschen sind großartig. Die Leute leben in einer Gemeinschaft, die ich so bisher noch nirgendwo anders kennengelernt habe. Israel hat eine direkte, ehrliche Kultur. Auf der anderen Seite hat Israel eine Ellenbogengesellschaft. Man muss um seinen Platz in der Schlange kämpfen und auf mehrspurigen Straßen fahren alle Leute links, denn jeder muss der Erste sein. Das ist anders als in Deutschland.

Worin unterscheiden sich Israelis und Deutsche?

Keshet: Sie wachsen in unterschiedlichen Wertesystemen auf. Die Deutschen haben ein Schuldgefühl wegen des Zweiten Weltkrieges in ihrem Bildungssystem verankert. Die Israelis lernen, dass sie eine Opferrolle haben. Man sagt uns, dass man versucht hat, uns zu vernichten und wir jetzt mit allen Mitteln das Land behalten müssen, das man uns gegeben hat.

Was lernen Israelis über Palästinenser?

Keshet: Viele Israelis verstehen nicht wirklich, wie sich die Palästinenser fühlen. Sie versuchen gar nicht erst sich vorzustellen, wie es wäre, auf der falschen Seite der Mauer geboren zu sein.

Und was denken Sie?

Keshet: Die Palästinenser im Gaza-Streifen sind durch die Blockade der Grenzen eingeschränkt. Weder sie selbst noch Waren können hinein oder hinaus. Dadurch sind sie wirtschaftlich von Israel abhängig. Auch Strom und Wasser kommen aus Israel, und eine eigene Wirtschaftsentwicklung ist nicht möglich. In Gaza ist die Infrastruktur in großen Teilen zerstört und die Arbeitslosigkeit hoch. Geht es einem Volk sehr schlecht, bekommen radikale Kräfte, wie die Hamas, die in Gaza ja gewählt ist, viele Stimmen. Kurzum: Die Palästinenser haben nichts mehr zu verlieren.

Kocht der Konflikt deshalb jetzt wieder hoch?

Keshet: Ich stehe nicht hinter der israelischen Politik, aber ich glaube, für Menschen, die nicht dort aufgewachsen sind, ist der Konflikt nur schwer zu beurteilen. Dadurch, dass ich im israelischen Bildungssystem aufgewachsen bin, habe ich aber das Gefühl, als Botschafter meines Landes auftreten zu müssen. Wenn die radikale Hamas in Gaza gewählt wird, kann Israel nicht anders, als solche Radikalen zu bekämpfen. Wenn sie versuchen anzugreifen, muss sich Israel verteidigen. Auf der anderen Seite kann ich aber niemanden verurteilen, der nichts zu verlieren hat.

Die Palästinenser haben nichts mehr zu verlieren?

Keshet: Genau. Die Palästinenser werden nicht gerecht behandelt. Aber Israels Bomben und die Hamas bedingen einander. Wenn zehn Palästinenser sterben, gibt es mindestens 20 neue Terroristen. Das ist seit über 60 Jahren das Problem. Israel muss dann etwas gegen diese Terroristen tun, zum Beispiel die Tunnel für den Waffenschmuggel nach Gaza zerstören, damit die Terroristen Israel nicht angreifen. Die Frage ist doch: Was würden Sie tun, wenn Sie Israel regieren würden oder Palästinenser wären? Die Anzahl an moralischen Fragen, die der Konflikt bereit hält, macht es unmöglich, ihn zu beurteilen. Der Konflikt jetzt ist aus einer Situation entstanden, die die Rechten in Israel ausgenutzt haben.

Wie genau ist das passiert?

Keshet: Drei israelische Jungen sind getötet worden. Schon ein paar Stunden, nachdem man angefangen hat, sie zu suchen, war für israelische Geheimdienste und somit die Regierung klar, dass sie tot sind. Trotzdem hat man tagelang verkündet, dass man sie finden muss. Rechte Politiker wie Avigdor Lieberman und Naftali Bennett haben das hochgepusht und für ihre Zwecke missbraucht. Als dann der palästinensische Junge bei lebendigem Leibe von Siedlern verbrannt wurde, kamen Raketen und Israel antwortete mit Bomben. So geht das jetzt weiter. Israel wandert immer weiter nach rechts, denn niemand glaubt mehr an eine friedliche Lösung.

Denken Sie auch, dass es keinen Frieden geben wird?

Keshet: Irgendwann müssen beide Seiten erwachsen werden. Keiner kann den anderen ausrotten, und Israel würde das auch nicht wollen. Natürlich verhalten sich beide Seiten falsch, Israel ist aber in der bequemeren Position. Denn die Palästinenser treten gegen ein Hochtechnologieland an. Sie setzen ein paar Kalaschnikows und selbst gebastelte Raketen hochmodernen Panzern und Flugzeugen entgegen.

Warum laufen die Friedensverhandlungen ins Leere?

Keshet: Das, was wir in Israel von der Regierung zu hören kriegen, ist der Satz: „Es gibt keinen Partner.“ Mich macht das wütend. Sowohl Benjamin Netanjahu als auch Palästinenserpräsident Mahmud Abbas behaupten, dass man versuche, Frieden zu schließen, der jeweils andere sich aber nicht bemühe. Dabei bemühen sich beide nicht genug. Ein einziges Mal war Frieden zum Greifen nah – 1993, als unter Jitzchak Rabin das Oslo-Abkommen unterzeichnet wurde. Mit seiner Erschießung durch einen Israeli kam alles wieder ins Stocken. Das Problem heute ist, dass im Konflikt Politiker verhandeln, keine Völker. Diesen Politikern fehlt die Motivation, den Frieden durchzusetzen, denn sie wollen keine Macht verlieren in den verkrusteten politischen Strukturen, die es in Israel gibt. Gemäßigtere Stimmen kommen nicht durch, denn sie kommen aus der Opposition. Manchmal habe ich den Eindruck, dass man als israelischer Politiker auf dem Weg nach oben seinen Idealismus – sofern er denn vorhanden war – einfach abgeben muss, wenn man erfolgreich sein will.

Was denken Sie über eine Zweistaatenlösung?

Keshet: Sogar rechte Politiker in Israel wollen eine Zweistaatenlösung. Die Frage ist, zu welchem Preis und auf welchem Territorium. Außerdem muss die Sicherheit Israels gewährleistet sein. Meiner Meinung nach geht das nur basierend auf den Grenzen von 1967 und mit dem Austausch von bestimmten Territorien, die heute dicht besiedelt sind. Die Palästinenser müssen bessere Lebensumstände und wirtschaftliche Unabhängigkeit bekommen. Dann haben sie wieder etwas zu verlieren. Wenn man ehrgeizig ist und nicht aufgibt, wird man das irgendwann schaffen. Auch dann, wenn die Israelis nicht mehr das glauben, was die Propagandamaschine der Regierung sagt. Der Konflikt besteht zwischen zwei Völkern, und sie können ihn auch lösen.

Welche Rolle spielt die internationale Gemeinschaft dabei?

Keshet: Sie muss Druck machen. Das, was US-Außenminister Kerry in Israel diplomatisch versucht hat, war richtig. Irgendwer muss versuchen, die Notbremse zu ziehen, denn ich traue es der jetzigen israelischen Regierung nicht zu. Auf der anderen Seite kann man Frieden nicht erzwingen. Die Völker müssen den Konflikt durchschauen, und die Geschichte muss ihnen unwichtig werden. Denn wir leben im Hier und Jetzt. Wenn wir keine Toten mehr wollen, muss der Konflikt enden. Egal, was war.

Wie können die Völker den Konflikt durchschauen?

Keshet: Jeder, der etwas gegen Israel sagt, gilt als Antisemit, und seine Kritik gilt damit als nicht legitim. Das ist ein Joker in der politischen Propagandamaschine in Israel. Das israelische Volk muss um seine Existenz kämpfen. Das ist generell die Sicht der israelischen Regierung und vieler Medien dort. Die Zeitungen sind von ihren Eigentümern bestimmt, und die sind alles andere als objektiv, eben weil auch sie mit der Opferrolle aufgewachsen sind.

Ist die Internet-Generation da im Vorteil?

Keshet: Ich informiere mich viel über Facebook und Blogs. Außerdem lese ich die liberale Zeitung „Haaretz“. Ich glaube, dass meine Haltung inzwischen differenzierter ist und dass das, was man von Israel kennt, nichts mit mir oder meinen Freunden zu tun hat. Niemand von uns ist zum Beispiel für die Siedlungspolitik. Unsere Generation ist dabei, herauszufinden und zu erkennen, was Propaganda ist und was Realität. Und das geht über das Internet. Da wird sich in Zukunft noch einiges ändern.

Wie beurteilen Sie die Siedlungspolitik?

Keshet: Dass die Siedler-Partei so viele Stimmen hat, kann ich nicht verstehen. Auch, dass das Militär und damit auch ich und Freunde von mir die Siedler schützen müssen, verstehe ich nicht. Sie bauen auf Gebieten, die nicht zu Israel gehören und rechtfertigen es damit, dass das Land ihnen von Gott zugesprochen sei. Sie gehören aber nicht dorthin und müssten sich auch selber schützen.

Wie wird der Konflikt in deutschen Medien dargestellt?

Keshet: Sie positionieren sich selten in der Mitte, eher pro Israel. Das hat mit der Geschichte zu tun. Man muss als Deutscher vorsichtig sein, wenn man Israel kritisiert. Ich vermisse eine ausgewogene Berichterstattung über die Geschichte des Konfliktes. Das wäre notwendig, denn je nachdem, ob man einen Israeli oder einen Palästinenser fragt, sieht die Geschichte anders aus. Wenn man sich das genau ansieht, kann man beide Seiten verstehen.

Ein Teil Ihrer Familie lebt in Tel Aviv. Haben Sie Angst?

Keshet: Israel hat ein hervorragendes Raketenabwehrsystem, hunderte Raketen sind davon bereits zerstört worden, ohne auf das Stadtgebiet zu treffen. Außer, dass man dort Angst hat, passiert im Vergleich zu palästinensischen Gebieten wenig. Ich bin mir aber nicht sicher, ob die Leute dort das so rational betrachten wie ich.

Angst ist kein schöner Zustand. . .

Keshet: ...aber für uns in Israel normal. Ich bin in der Zeit der Intifada großgeworden. Es gab damals jede Woche Anschläge mit Toten. Das hat abgehärtet. Wir brechen nicht direkt in totale Panik aus. Bei einer Fahrt auf der Autobahn zu sterben ist wahrscheinlicher, als durch eine palästinensische Rakete. Dennoch gibt es keinen, weder in Israel noch in Gaza, der nicht jemanden durch den Konflikt verloren hat. Zwei Bekannte von mir sind bei Selbstmordanschlägen gestorben. Einer in einem Café und einer in einem Bus.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert