RWTH-Projekt: Gut zu wissen, wohin das Wasser fließt

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Auch in der Region gibt es immer wieder Hochwasser: Rur und Inde (hier die Inde in Kornelimünster) treten bei starkem Regen regelmäßig über die Ufer. Foto: Michael Jaspers

Aachen. 14 Tage hatte die Welt im vergangenen Jahr in Paris ums Klima gerungen. Heraus kam ein Vertrag, mit dem die Staatengemeinschaft versuchen will, die Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu halten, möglichst sogar weniger als 1,5 Grad Celsius zuzulassen.

Vielleicht lässt sich so der ein oder andere Inselstaat im Pazifik noch retten, die deutschen und niederländischen Küsten könnten von dauerhafter Überschwemmung verschont bleiben.

Doch die Experten sind sich einig, dass sich das Klima nicht erst in der Zukunft verändern wird, sondern schon jetzt klimabedingte Wetterextreme die Volkswirtschaften fordern – auch in den bislang relativ günstig davon gekommenen, gemäßigten Zonen, zu denen auch Nordrhein-Westfalen gehört.

Das Umweltministerium von Nordrhein-Westfalen spricht auf seiner Internetseite Klartext: „Der Klimawandel in NRW ist an der Erwärmung der Lufttemperatur und an den von Jahr zu Jahr steigenden Regenniederschlägen abzulesen. Die Niederschläge in NRW haben im Laufe der letzten 100 Jahre um rund 15 Prozent zugenommen – von rund 790 Millimetern pro Jahr auf über 900 Millimeter.“

Zwischen 2021 und 2050 werde es nicht nur insgesamt weiter wärmer, auch die Niederschlagsmengen nähmen zumindest im Winter zu. Und: „Die Temperatur- und Niederschlagsveränderungen können zu einer Zunahme von Wetterextremen wie starken Gewittern und Hitzewellen führen.“ Überschwemmte Straßen, Plätze, Keller, Lagerhallen nach Starkregenereignissen haben bereits jetzt ihren Seltenheitswert verloren.

Dem einfach zusehen – das ist nicht die Sache von Wissenschaftlern. Neben den Folgen der Erderwärmung haben sie auch die Möglichkeiten im Blick, wie sich die Gesellschaften dem neuen Klima und seinen Auswüchsen anpassen können. Die Forscher am Forschungsinstitut für Wasser- und Abfallwirtschaft an der RWTH (FiW) wollten mit dem Projekt Dynaklim vor allem die Kommunen auf das Thema aufmerksam machen, mit ihnen und anderen Akteuren gemeinsam geeignete Strategien und Maßnahmen erarbeiten.

Urbane Überflutungen

Sechs Jahre lang, von 2009 bis 2015, wurde als ein Teil des vom Bundesministerium für Forschung und Bildung geförderten „Klimzug“-Projekts in der Projektregion Emscher-Lippe kommuniziert, moderiert, sensibilisiert wurden Lösungsmöglichkeiten ermittelt und in einer „Roadmap 2020 Regionale Klimaanpassung“ veröffentlicht.

Das Ziel: Steigende Sommertemperaturen sowie zunehmende Starkregen-Ereignisse verbunden mit urbanen Überflutungen – so nennt man den Zustand von überschwemmten Straßen und Häusern, der nicht auf Fluss-Hochwasser zurückzuführen ist – glimpflicher ausgehen lassen.

Denn: „Es gibt durchaus kreativere, elegantere Möglichkeiten, als unter Hitzeglocken in Innenstädten zu stöhnen und immer wieder vollgelaufene Keller auszupumpen“, erklärte Projektleiter Jens Hasse, Diplom-Ingenieur am FiW.

Angewendet auf das nördliche Ruhrgebiet mit deutlich größeren, aber auch deutlich kleineren Großstätten als Aachen und einem stark ländlich geprägten Raum darum herum, sind die Ergebnisse von Dynaklim dennoch auf die Regionen Stadt Aachen, Städteregion und Heinsberg übertragbar. „Die Eifel würde ich wegen ihrer anderen Topographie allerdings ausnehmen. Hier müssen Experten, Zuständige und Betroffene sicherlich noch einmal im Detail hinschauen“, erläuterte Hasse.

Umdenken der Kommunen

Starke Regenfälle und größere Hitzeperioden nehmen auch hierzulande zu. An erster Stelle steht aber ein Umdenken in den Kommunen. „Es gehört unseres Erachtens zur Daseinsfürsorge der Kommunen wie die Trinkwasserversorgung und der Öffentliche Nahverkehr, ihre klimabedingte Gefährdung zu ermitteln. Viele Kommunen wissen auch, dass sie sich darum kümmern müssen. Aber längst nicht jede kennt ihre Hotspots, an denen Handlungsbedarf besteht.“ Also ihre neuralgischen Punkte. Das fängt schon damit an, dass oft nicht bekannt ist, von wo nach wo das Wasser bei starkem Regen eigentlich fließt.

„Die Kommunen müssen bislang nur die Regenmengen ermitteln, die auf versiegelten Flächen, also Straßen und Plätzen, entstehen können. Aber das Wasser fließt bei sehr kräftigem Regen eben auch immer wieder ungeplant durch Vorgärten und Parks und kann dort nicht vom Boden komplett aufgenommen werden.“

Ist das bekannt, kann das fließende Wasser oft durch recht einfache bauliche Maßnahmen auf der Oberfläche dort gehalten oder dahin geleitet werden, wo es keinen oder nur wenig Schaden anrichtet. „Das können Spielplätze, Parkplatzflächen oder Parks sein. Manch einer kann seine Wiese hinterm Haus zum Regenrückhaltebecken umfunktionieren und damit vielleicht auch Gebühren sparen“, nennt Hasse einfache Lösungsmöglichkeiten.

Den Klimafolgen in der Region zu begegnen, ist nämlich nicht so sehr eine ingenieurwissenschaftliche Herausforderung, sondern vielmehr eine Kommunikationsaufgabe – vor allem innerhalb von Verwaltungen. „Immer wenn Stadtteilerneuerungsprojekte anlaufen, Bebauungspläne geändert oder neu aufgestellt werden, muss das Klima fachbereichsübergreifend mitgedacht werden“, ist Hasses Botschaft. „Vorher gut abgestimmt ist vieles dann baulich zu regeln wie höhere Bordsteine oder Schwellen. Und es muss nicht einmal deutlich teurer sein, wenn es gleich von Beginn an und von allen Beteiligten eingeplant wird.“

Wege für das Wasser

Mitarbeiter vom Planungs-, Tiefbau- und Hochbauamt und natürlich die Politiker im Stadt- oder Gemeinderat sollten folgendes im Blick haben und möglichst auch gemeinsam darüber reden: Belüftungskorridore für Innenstädte, um den steigenden Sommertemperaturen und den zunehmenden Hitzeperioden Paroli zu bieten; Versickerungsflächen, dezentrale Rückhalteeinrichtungen und „Wege für das Wasser“, die für Starkregen-Ereignisse wichtig sind und potenzielle Überschwemmungsgebiete freihalten.

„Wir raten nicht dazu, die Kanalisation immer weiter auszubauen. Irgendwann kommt auch in Zukunft der eine große Regen, den die Kanalisation nicht mehr schafft“, so Hasse.

Am Ende muss natürlich auch geklärt werden, wer wieder aufräumt. „Wenn klar ist, dass der Park, der Spielplatz oder die Parkplatzfläche wieder gereinigt werden, akzeptieren die meisten Bürger entsprechende Maßnahmen“, weiß der Wasserexperte aus Befragungen.

Kommunikation ist auch gefragt, wenn es um konkurrierende Wassernutzung geht – auch das war ein Thema von Dynaklim. Haben die Stadtwerke ein größeres Anrecht, Wasser aus dem Fluss zur Trinkwassergewinnung zu entnehmen, als der Bauer bei Regenmangel seine Felder zu bewässern oder der Kraftwerksbetreiber, um die Kühlung aufrecht zu erhalten? „Es kann da um Existenzen gehen, deshalb sollte jeder jeden ernst nehmen“, findet Hasse. Die Konkurrenten an einen Tisch holen – das kann sich als zielführend erweisen. „Hat jeder seine rote Linie formuliert, lässt sich konstruktiver arbeiten.“

Roadmap 2020

Mit der Roadmap 2020, davon ist Hasse überzeugt, gibt es jetzt ein gutes Instrument für viele NRW-Kommunen, um sich besonders auf einen effizienten Umgang mit zukünftig häufigeren Starkregen vorzubereiten. Er weiß aber auch, dass Kommunen immer vor vielen Themen und Herausforderungen stehen.

Auch Eigenheimbesitzer können tätig werden. Abgestimmt mit kommunalem Handeln verspricht das den größten Erfolg. Dialog ist also auch hier gefragt.

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