RWTH-Plagiatsfall: Wer schreibt da von wem ab?

Von: Axel Borrenkott
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Das RWTH-Hauptgebäude in Aach
Das RWTH-Hauptgebäude in Aachen im Spiegel: Hat eine Doktorandin von ihrem Aachener Professor abgeschrieben? Oder der Professor von der Doktorandin? Die Uni Bonn will das jetzt klären. Foto: Michael Jaspers

Aachen/Bonn. Nun hat auch die RWTH eine Plagiatsgeschichte. Die ist allerdings von ganz eigener Art, verzwickter als die bekannten prominenten Fälle und auch etwas unglücklich dazu. Eine Doktorandin und ihr Doktorvater werfen sich gegenseitig vor, voneinander abgeschrieben zu haben.

Letztlich klären muss den Fall aber die Uni Bonn, weil es sich um eine juristische Arbeit handelt und Aachen keine juristische Fakultät hat. Unangenehme Folgen hat das Ganze auf jeden Fall sowohl für den Professor wie für die Doktorandin.

Die Dissertation, die sich mit dem Thema soziale Grundrechte in Europa befasst, wurde im Sommer vergangenen Jahres bei der Uni Bonn eingereicht, versehen mit einer sehr guten Bewertung ihres Aachener Professors, an dessen Lehrstuhl die Arbeit auch geschrieben wurde. Weil aber die RWTH keine eigene juristische Fakultät hat, fungieren die hiesigen Doktorväter in solchen gelegentlich vorkommenden Fällen nur als Zweitgutachter.

Erstgutachter ist in diesem Fall der Bonner (mittlerweile Dresdner) Jurist Thilo Rensmann. Und dem fiel ziemlich bald auf, dass eine lange Passage der Doktorarbeit mit einem 40 Seiten langen Abschnitt eines kurz vorher erschienenen Handbuchs für Europarecht identisch und nicht als Zitat gekennzeichnet ist. Bis dahin ein klassischer, ja dreister Plagiatsfall.

Pikant ist nun, dass es sich beim Verfasser des Handbuchs um den Aachener Doktorvater handelt. Und der will diese Übereinstimmung bei der Begutachtung der Dissertation nicht bemerkt haben. Eben das lastet ihm auch die RWTH in Gestalt ihrer Kommission zur Aufklärung wissenschaftlichen Fehlverhaltens an. „Dem Professor hätte auf jeden Fall auffallen müssen, dass es sich um seinen eigenen Text handelt. Er hat die Arbeit also nicht mit der gebotenen Sorgfalt gelesen”, sagte Prof. Dominik Groß, Vorsitzender der Kommission, gegenüber unserer Zeitung.

Diese ihm vorgeworfene Verfehlung hat der Professor „auch eingeräumt”, lässt die RWTH in einer Stellungnahme wissen. Auch werde man von ihm nun schriftlich „die zukünftige Beachtung der Sorgfaltspflicht einfordern”. Er soll übrigens mittlerweile ein zweites Gutachten in Bonn vorgelegt haben, das die Dissertation schlechter bewertet.

Keine Originaldaten

Die Doktorandin hat nach einigem Lavieren, wie es aus Bonn heißt, derweil aber den Spieß herumgedreht und behauptet, die fraglichen 40 Seiten im Handbuch des Professors stammten in Wahrheit von ihr. Auch diesem Vorwurf ist die Aachener Kommission nachgegangen, da das Handbuch den Professor als alleinigen Autor ausweist.

Letztlich ließ sich aber nichts beweisen. „Das Problem dabei ist”, sagte Dominik Groß, „dass die Doktorandin keinerlei Originaldaten aufbewahrt hat, die beweisen könnten, dass die entsprechenden Passagen von ihr sind.” Das habe ihn schon gewundert. Es wäre allerdings, kann man anfügen, zumindest nicht völlig unplausibel, dass es Überschneidungen gibt. Immerhin arbeitet die Doktorandin seit vier Jahren als wissenschaftliche Angestellte an diesem Lehrstuhl.

Die Universität Bonn, auf die es nun ankommt, tut sich schwer mit ihrer Entscheidung. Die Aachener Hintergrundgeschichte ist „für uns eigentlich nicht relevant”, sagte Sprecher Andreas Achut. Im Ergebnis handelt es sich schließlich unstrittig um ein Zitat, das als solches hätte kenntlich gemacht werden müssen. Gleichwohl müsse man die Vorgeschichte „schon ein bisschen würdigen”.

Was dabei herauskommt, ist aber völlig offen und wird es auch bis Oktober bleiben. Erst zu Beginn des Wintersemesters nämlich tagt die Bonner Prüfungskommission wieder und wird gegenüber der juristischen Fakultät eine Empfehlung aussprechen. „Keine leichte Aufgabe”, sagte Achut. Positiv für die Uni Bonn sei immerhin, dass „unsere Schutzmechanismen funktioniert haben”.

Ob der RWTH-Professor künftig noch seine Schützlinge in Bonn promovieren kann, ist fraglich. Achut: „Das Vertrauen in ihn ist hier schwer erschüttert.” Und sollte ihr am Ende der Doktortitel wieder entzogen werden, wäre die akademische Karriere der Aachenerin mit Sicherheit beendet. So oder so, diese Geschichte wird mehrere Verlierer haben.
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