RWTH-Historiker erarbeiten Doku über Zahnärzte und „Rassenhygiene“

Von: Sabine Rother
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Ein großes Projekt an der RWTH Aachen: Über „Zahnärzte im Nationalsozialismus“ erstellen Professor Dominik Groß (Mitte), Jens Westemeier (links) und Mathias Schmidt die erste deutsche Studie. Foto: Ralf Roeger
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Professor Hermann Euler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) und damit prominentester zahnärztlicher Berufsvertreter, 1938 beim Vortrag im Reichstagssitzungssaal in der Berliner Krolloper. Foto: zm-Archiv

Aachen. Hitlers Zähne waren schlecht. Himmler lebte mit Zahnersatz. Die beiden entsprachen damit kaum dem arischen Ideal der Nazis. Die Politik der „Rassenhygiene“ wurde dennoch zu einer ihrer schärfsten Waffen, bedient von parteitreuen Zahnärzten dieser Zeit – mit dramatischen Folgen für die Patienten. So wurden rund 400.000 Menschen im Dritten Reich aufgrund vermeintlicher Erbkrankheiten zwangssterilisiert.

„Die deutsche Zahnärzteschaft im Nationalsozialismus“ ist Zielrichtung eines neuen Forschungsprojektes des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der RWTH Aachen. „Es ist das erste nationale Fördervorhaben zu diesem Thema“, sagt Instituts- und Projektleiter Professor Dominik Groß, der gemeinsam mit dem Historiker Jens Westemeier und Mathias Schmidt, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut, mit den Recherchen begonnen hat.

„Untersuchungen über die NS-Zeit sind für unsere Gesellschaft wichtig, Ergebnisse meist schmerzhaft. Die Ärzteschaft ist spät dran, der Abstand von 70 Jahren ermöglicht es jedoch, sich dem Thema unaufgeregt zu stellen“, betont Westemeier, der sich zusammen mit Schmidt auf der Suche nach Indizien durch Berge von Adress- und Telefonbüchern, Ärztelisten, Entnazifizierungsakten, Opferlisten und archivierten Akten arbeitet.

„Erhalten sind Reichsmedizinalkalender mit Listen von Ärzten, die eine Kassenzulassung hatten“, sagt Schmidt. „Das ist wertvolles Material.“

Die Einzeltäter-These

Knapp 100 000 Euro stehen für zwei Jahre Forschungsarbeit zur Verfügung. Dann muss die deutschlandweite Studie vorliegen. Zahlreiche wissenschaftliche Teams haben sich um dieses Projekt beworben. Das Institut der RWTH Aachen erhielt den Zuschlag nach Begutachtung durch eine Jury. Kooperationspartner ist das Institut für Medizingeschichte der Universität Düsseldorf.

Lange Zeit hat es gedauert, bis sich die drei maßgeblichen konkurrierenden zahnärztlichen Organisationen – die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK), die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) – auf eine gemeinsam finanzierte Aufarbeitung einigen konnten. „Man fürchtete wohl einen Imageschaden, eine Belastung des Verhältnisses zwischen Arzt und Patient“, nennt Groß die Gründe, gegen die er seit etwa zehn Jahren argumentiert.

Ein Grund für die Verzögerung war die zäh von der Ärzteschaft verfochtene Einzeltäter-These, obwohl – wie das Institut im Vorfeld bereits ermittelt hat – immerhin zwölf Prozent der Zahnärzte bereits vor Hitlers Machtergreifung NSDAP-Mitglieder waren. Lange Jahre hat man gleichfalls daran festgehalten, dass der großen Mehrheit der Behandler (Zahnärzte und Dentisten) keine Verstrickung vorgeworfen werden konnte.

„Und eben das stimmt nicht“, betont Groß, der mit seinem Team offenlegen will, ob und wie die Zahnmedizin mit der NS-Ideologie verflochten war, und in welcher Weise sich Zahnärzte dem Regime angedient haben, welche Verbrechensformen es gab. Gleichzeitig gelte es aber auch, Formen der zahnärztlichen Opposition gegen das Regime zu untersuchen.

Zu den prominentesten Tätern gehörte der SS-General Hugo Blaschke, Hitlers Zahnbehandler („Leibzahnarzt“), der eigentlich ein Dentist war, also kein Zahnmedizinstudium absolviert hatte, jedoch von Hitler zum Professor ernannt wurde.

In Konzentrationslagern waren die Zahnärzte unter anderem für den Zahngold-Raub zuständig. Sie ermittelten den Zahnstatus der Gefangenen, ob sie Goldzähne hatten und sorgten für entsprechende Markierungen auf den Körpern, bevor die Opfer in die Gaskammern geschickt wurden.

Bedeutung erlangten Zahnärzte und Kieferchirurgen auch durch die pseudowissenschaftliche „rassische“ Interpretation von Missbildungen wie der Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. „Den Betroffenen drohte die Zwangssterilisation“, weiß Groß.

Innerhalb der SS bestand ein großer Personalbedarf an Zahnärzten, die bereits an den Rampen bei der Selektion der Häftlinge anwesend waren. „Im Rahmen des Projektes können wir jetzt schon sagen, dass Sozialprestige, Sondereinkünfte und die Aussichten auf schnelle Beförderung eine Rolle spielten und Anreiz für Ärzte und Zahnärzte waren, sich zu engagieren“, sagt Westemeier.

Dass dies lange nicht öffentlich wurde, liege unter anderem an „Schweigebündnissen“ – an den generationenübergreifenden Lehrer-Schüler-Verhältnissen. „War der Professor NS-belastet, hat aber eine gute Lehre im Nachkriegsdeutschland geboten, haben die Schüler oft aus Loyalität geschwiegen“, weiß Groß. „Es wurden Netzwerke gepflegt, da hatten Querulanten kaum Chancen.“ Auch Verwandtschaftsverhältnisse, die sehr häufige Vererbung einer Praxis samt Patientenstamm an Kinder, Neffen und Enkel spielten eine Rolle.

„Man wollte die ältere Generation zudem nicht anschwärzen, den ‚Familienfrieden‘ erhalten. In der Adenauer-Zeit gab es zudem eine stillschweigende gesellschaftliche Akzeptanz der Integration von NS-Tätern. Das finden wir in allen wissenschaftlichen Bereichen“, betont Groß. Er erinnert in diesem Zusammenhang an Hermann Pook.

Der SS-Obersturmbannführer und Vorgesetzte aller KZ-Zahnärzte wurde bei den Nürnberger Nachfolgeprozessen zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, 1951 begnadigt – und war danach niedergelassener Zahnarzt in Norddeutschland. Sohn und Enkel wurden gleichfalls Zahnärzte.

Die heutige Enkel- und Urenkelgeneration steht den Fragen der Forscher offen gegenüber, gewährt Einblick in Familienhistorie und Dokumente. Wichtige Informationen gibt es durch die Bestände des ehemaligen „Berlin Document Centers“, der früheren Dienststelle der Amerikaner in Berlin. Im Rahmen der Wiedervereinigung hat man den gesamten Aktenbestand dem Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde übergeben. Akteneinsicht erhalten die Forscher auch beim Landesarchiv in Duisburg.

Suche nach den Widerständlern

Zwischen sechs- und achttausend Zahnärzte und Dentisten gab es im Nazi-Deutschland von 1933 bis 1945. „Wir suchen nicht nur nach Tätern, auch nach Widerständlern und Opfern unter den Zahnärzten“, versichert Groß. „Jüdische Zahnärzte durften zum Beispiel nur noch Juden behandeln.“

Wie haben sich Zahnärzte schuldig gemacht? „Die bereitwillige politische Gefolgschaft war Grundbedingung für die Karriere“, erläutert Groß. „An den Hochschulen wurde die Rassenideologie gelehrt, rassische Unterschiede am Gebiss, an der Zahnqualität, am Zahnstatus, an den Essgewohnheiten wurden sehr akribisch ermittelt.“

Ziel war schließlich die „Gesunderhaltung des Volkskörpers“ und der Erhalt der Wehrtüchtigkeit. „Den Menschen wurde vermittelt, dass Zahngesundheit die Qualität der Rasse signalisiert“, sagt Groß. Schlechte Zähne und Gebisse, die bestimmten vorgezeichneten Schemata nicht entsprachen, galten als „nicht-arisch“. Aufnahmekriterium bei der SS: gute Zähne.

„Das wurde ab 1941 abgeschwächt, weil der Personalbedarf hoch war und Nachwuchs fehlte“, berichtet Westemeier. Die Forscher wollen nun typische Personen- und Täterprofile erarbeiten, Netzwerke analysieren. Groß: „Die Studie ist ein Signal für die Übernahme von Verantwortung. Wir schulden sie den Opfern. Sie bedeutet keinen Prestigeverlust, sondern einen Imagegewinn für den Berufsstand.“

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