Aachen - RWTH-Forscher bauen sich ein großes Energieexperiment

RWTH-Forscher bauen sich ein großes Energieexperiment

Von: Claudia Schweda
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Viel offener Raum über drei E
Viel offener Raum über drei Ebenen: Das Eon-Forschungszentrum, in dem Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen an energetisch effizienten Komplettlösungen arbeiten, ist gestern eingeweiht worden.

Aachen. Wer das Eon-Forschungszentrum auf dem RWTH-Campus Melaten in Aachen betritt, ahnt nicht, dass er mitten in einem großen Experiment für optimale Energienutzung steht.

Das Gebäude sieht modern aus, natürlich: viel offener Raum auf drei Ebenen zwischen den Büros; offene Küchen, Sitzecken und Theken, an denen man sich treffen und Lösungen finden kann. Aber sonst? Das Außergewöhnliche ist unsichtbar. Es verbirgt sich im Deckenbeton, in der Erde rund ums Gebäude, auf dem Dach oder im Keller. Die Wissenschaftler von fünf Lehrstühlen haben sich in diesem schlichten Bau selbst ein Innenleben geschaffen, in dem so ziemlich alles an energiesparender und -effizienter Technik umgesetzt wurde, was nach dem Stand der Forschung aktuell möglich ist - oder mit Prototypen getestet werden sollte. Am Montag wurde dieser Arbeitsplatz für 150 Menschen, der gleichzeitig deren Forschungsobjekt ist, eingeweiht.

Dem aus Kostengründen verworfenen, äußerlich spektakulären Entwurf der Star-Architektin Zaha Hadid trauerte bei diesem Festakt niemand nach: „Ich hätte es enttäuschend gefunden, wenn die Verantwortlichen das Geld in Steine statt in Köpfe gesteckt hätten”, sagte Eon-Vorstandschef Johannes Teyssen. RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg schlug in die gleiche Kerbe: „Alles, was in früheren Plänen in der Architektur steckte, steckt jetzt im Gebäude.” Es wurde mit Landesmitteln vom Bau- und Liegenschaftsbetrieb für 15 Millionen Euro realisiert.

Die äußerliche Hülle des ERC ist ohnehin zweitrangig: Zentraler Kern ist die Idee, dass Leistungselektroniker, Netzspezialisten, Maschinenbauer, Geophysiker und Wirtschaftswissenschafter zusammen an energetisch effizienten Komplettlösungen arbeiten, die dann auch am Markt funktionieren. „Das Außergewöhnliche an dem Gebäude ist die intelligente Kombination vieler einzelner - vor allem alternativer - Energielieferanten”, sagte Martin Schmidt vom Lehrstuhl für Gebäude- und Raumklimatechnik bei einem Rundgang durchs Haus. Unter der Leitung von Professor Dirk Müller ist an diesem Lehrstuhl das Energiekonzept entwickelt worden.

In den Betondecken stecken Rohre, durch die Wasser fließt - je nach Jahreszeit wärmt oder kühlt es den Beton, der dann über seine große Oberfläche - wie eine Fußbodenheizung - die Räume temperiert: Betonkernaktivierung. Das Wasser kommt aus 100 Metern Tiefe. 40 Geothermiesonden wurden dafür rund ums Gebäude platziert. Die Temperatur des Wassers liegt zwischen zehn und 15 Grad Celsius. „Im Sommer muss es leicht gekühlt werden, im Winter leicht erwärmt”, sagte Schmidt. Das erledigt entweder ein Blockheizkraftwerk, dessen Strombedarf durch eine Photovoltaikanlage gedeckt wird, oder eine Wärmepumpe, die Abwärme aus Serverräumen nutzt. Auch zum Kühlen wird die Energie der Wärme genutzt. Um den Energieverbrauch über den Tag möglichst gleich zu verteilen, werden Spitzen abgefangen: Es wird vorproduziert. Im Keller stehen Speicher für warmes und kaltes Wasser.

Die Temperatur in den Büros wird über ein Fassadenlüftungsgerät geregelt. Im ERC ist das keine gewöhnliche Klimaanlage. „Bei unserem Prototyp wird die frische, kalte Luft von draußen an der bereits erwärmten von drinnen vorbeigeführt, um sie vorzuwärmen”, erklärte Schmidt. Dieser Prozess wird überflüssig, wenn draußen Temperaturen von 15 Grad herrschen. Dann wird er abgeschaltet. „Adaptive Wärmerückgewinnung” heißt das selbstlernende System. „Wir arbeiten gerade an einer Smartphone-App, damit die Kollegen bereits von zu Hause die Temperatur in ihrem Büro regeln können.”

Ein Rechner zeigt im Detail, wo welche Energie im Haus fließt. Diese Daten sollen bald im Internet abrufbar sein. „Jeder soll sehen, ob wir energieeffizient sind”, sagt Schmidt. Gearbeitet wird noch an einem Rechnermodell, mit dem Veränderungen an der Energiesteuerung simuliert werden können, ohne dass die Mitarbeiter eventuelle Fehlsteuerungen am eigenen Leib erfahren.
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