Region - Rückblick auf 30 Jahre Sanierung: Der Dom fordert Lösungen

Rückblick auf 30 Jahre Sanierung: Der Dom fordert Lösungen

Von: Sabine Rother
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Der Aachener Dom - ein Bau, der in mehr als 1200 Jahren Kraft und Ausstrahlung bewahrt hat. Foto: Harald Krömer
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Von Anfang an bei der Sanierung dabei: Dombaumeister Helmut Maintz. Foto: Harald Krömer
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Hans-Karl Siebigs war bis 1997 Dombaumeister in Aachen.

Region. Der Aachener Dom ist ein Zeichen, unübersehbar. Karl der Große, sein Erbauer, hat die Pfalzkapelle als Signal für die geistige und politische Erneuerung unter seiner Regentschaft erbaut.

Sie ist das mächtige Glaubensbekenntnis des Franken aus Steinen, Glas und Marmor, ein Bau, der in über 1200 Jahren Kraft und Ausstrahlung bewahrt hat. Wer mit dem Dom – seit der Antike erstes gewölbtes Gebäude nördlich der Alpen, 1978 erstes deutsches Bauwerk auf der Liste des Unesco-Welterbes – zu tun hat, bleibt ihm verbunden, für immer.

So geht es auch Dombaumeister Helmut Maintz (57), der mit dem Team der Dombauhütte und dem Domkapitel vom 3. bis 5. Juni auf 30 Jahre Dom-Sanierung zurückblickt. „Je länger, desto fantastischer wird diese Arbeit“, sagt der Mann, der große Worte meidet, lieber handelt. Sein Büro ist klein, der Schreibtisch vollgepackt mit Unterlagen, Plänen und Notizen, an den Wänden hängen Grundrisse, Erinnerungen – der Dom ist überall.

Wenn man Maintz fragt, wann seine Zeit hier begonnen hat, kommt die Antwort prompt: „Am 15. März 1986!“ Damals die Hoffnung auf eine interessante Stelle – heute tiefe, von Expertenwissen getragene Leidenschaft für einen Beruf, der längst zur Berufung geworden ist. Nach der Pensionierung von Dombaumeister Hans-Karl Siebigs 1997 wurde Maintz zunächst Dombauleiter. 2000 wurde er zum neuen Dombaumeister ernannt. Er lächelt: „Die Chorhalle war gerade fertig, Dachstuhl und 1000 Bleiverglasungsfelder waren saniert, das Gebäude stabilisiert – man hat mir vertraut.“

Bei seinem Start am Dom ging es los mit den großen Maßnahmen – und das gleich im Herzen des mittelalterlichen Baus, denn der Dachstuhl des Oktogons war nicht nur instabil und regelrecht „verdreht“. Die Verankerungen im Bereich des Mauerwerks hatten zudem Fäulnis und Wurmfraß zerstört. Es sollten in 30 Jahren nicht die einzigen Überraschungen bleiben, bei denen selbst erfahrene Handwerker den Atem anhielten.

Der Dom forderte Lösungen, Hinwendung und Beharrlichkeit. „Mit 30 Jahren hatten wir nicht gerechnet“, gesteht Maintz, der ausgebildete Bauingenieur, der nach seinem FH-Studium in Aachen den Stuckateur-Betrieb seiner Eltern übernehmen wollte. Dann meldeten sich die Bandscheiben, und er musste ein neues Betätigungsfeld finden. Und das war der Dom. Maintz tastete sich vor in die Geschichte und die baulichen Eigenheiten dieses Gebäudes, das Ausdruck eines ungewöhnlichen Herrscherwillens ist.

30 Jahre Sanierung: Das Fest ist eine Bilanz der Rettung, des Kopfzerbrechens, der schlaflosen Nächte und ratlosen Momente, denen doch immer wieder Glücksgefühle folgten. 37 Millionen Euro mussten in diesen Jahrzehnten durch Spenden und staatliche Zuschüsse aufgebracht werden, um Zentralbau, Kapellen und Mauerwerk, Dächer, Dachstühle und Mosaiken, Marmor, Holz und Natursteine zu retten, Gefahren durch eingedrungene Feuchtigkeit, gefräßige Insekten und Kriegsschäden abzuwenden.

Als Dompropst Hans Müllejans 1988 die Aktion „Der Aachener Dom braucht Hilfe“ gründete, kam nicht nur Geld in die Kasse, der Dom wurde Thema bei Firmenjubiläen, Festen und sogar bei Geburtstagen der Bürger, die sich statt der Geschenke eine Domspende wünschten.

Die Sanierung schritt voran. „Für manche Fragen haben wir noch keine Antworten und hoffen auf die Zukunft“, meint der Dombaumeister nachdenklich. „Aber ich glaube, dass unsere Nachfolger in 50 Jahren die jetzt geleistete Arbeit anerkennen.“ Während Zimmerleute, Steinmetze, Mosaiker, Schlosser und Dachdecker den Sanierungsplänen folgten, aber stets erwarten mussten, dass sich ganz unplanmäßig eine Heiligenfigur lockerte, der Rost eines Eisenankers das Mauerwerk stärker als erwartet zermürbt hatte, gehörte es zu den Aufgaben des Dombaumeisters, immer wieder Gelder zu besorgen. Er musste Mittel bei Bund und Land beantragen sowie Stiftungen und Stifter finden, die bereit waren, die Rettung zu unterstützen.

Was die Sanierungsarbeiten im Vergleich mit anderen Projekten in Deutschland außergewöhnlich sein lässt: Der Dom wurde nie geschlossen, die Gottesdienste fanden statt, die Hochfeste wurden gefeiert. Die Besucher aus aller Welt schauten fasziniert in die Tiefe, als man im Inneren rund um das Oktogon das Sechzehneck freilegte, sie schauten begeistert in die Höhe zu den restaurierten Mosaiken. Gold und Farben der Glassteinchen – mit den Jahren durch Schmutz verdunkelt – erstrahlten wieder. Was für eine Pracht. „Zum ersten Mal hatten wir eine sofortige Rückmeldung der Bevölkerung. Eine Schließung des Doms wäre eine Katastrophe für Aachen, auch touristisch“, sagt Maintz.

50 funkelnde Quadratmeter mussten gereinigt und stabilisiert werden, rund eine halbe Million Steinchen galt es zu sichern. Fünf Heiligtumsfahrten und einen Katholikentag gab es in der Zeit der Domsanierung. Stets mussten Bauabschnitte beendet und Gerüste verschwunden sein, damit sich den Besuchern ein harmonisches Bild bot.

Der Dom bleibt auch als berühmte Baustelle ein Gotteshaus, Rücksicht und Respekt gehören zu den Standardforderungen der Ausschreibungen. Sanierungspläne wurden erarbeitet – der Dom hat sie geändert. So beobachtete der Dombaumeister eines Tages einen pudrigen Staub auf den Marmorplatten im Inneren – die gefährlich rasch fortschreitende CO2-Verwitterung der Marmorplatten im Innenraum. Man musste handeln. 1991 lösten sich aus der Nordfassade der Chorhalle Steine, von denen einer im Schaufenster einer Bäckerei landete – wieder wurden Pläne geändert.

30 Jahre Dom-Sanierung – das sind 30 Jahre Arbeit mit der Denkmalpflege des Landes NRW, mit dem Statiker-Büro Kempen und Kooperation mit der RWTH Aachen. Zahlreiche Bachelor- und Masterarbeiten und sogar Patentanmeldungen sind durch die Suche nach Lösungen für den Dom entstanden, der übrigens in einer seismisch aktiven Zone steht.

Den Riss vom Sechzehneck hinab zu Karls Thron sichert inzwischen solch eine Erfindung, ein durch Karbonfasern verstärktes „Pflaster“, ein spezieller Vergussmörtel wurde für die Chorhalle, ein Fugmörtel für karolingisches Mauerwerk entwickelt. Beim Blick in die Zukunft hat Maintz den Begriff der „pflegenden Hand“ geprägt. Die Dombauhütte wird ab sofort nach Möglichkeit einen Schritt vor dem Schaden sein. Aber für Überraschungen bleibt man jederzeit gerüstet.

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