Region - Route Charlemagne: Europa im Grashaus entdecken

Route Charlemagne: Europa im Grashaus entdecken

Von: Sabine Rother
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Die Urkundenschränke im schön gestalteten ehemaligen Urkundenlesesaal sind – digital „aufgerüstet“ – auch weiterhin im Einsatz. Foto: Harald Krömer
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Ungewöhnlich: Das Treppenhaus hat der Berliner Künstler Andree Volkmann gestaltet. Foto: Harald Krömer
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Historische Bausubstanz verbindet sich mit digitaler Technik. Rechts Blick in den Innenhof. Foto: Harald Krömer
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Überzeugt vom neuen Konzept der achten und abschließenden Station der Route Charlemagne in Aachen: Andreas Düspohl leitet das Grashaus am Fischmarkt. Foto: Harald Krömer
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Die ursprüngliche Säulenbemalung aus dem 19. Jahrhundert neben einem sachlich-hellen Anstrich von heute. Foto: Harald Krömer
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Um- und Anbauten, Feuer und Verfall haben das Grashaus im Laufe der Jahrhunderte verändert – das Bild unten zeigt die Straßenansicht am Fischmarkt. Noch immer hat das erste Rathaus Aachens im Altstadtkern, das auch einmal berüchtigtes Gefängnis war, eine starke Ausstrahlung. Foto: Harald Krömer
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Gute Kooperation: Andreas Düspohl, Leiter des Grashauses, Kulturdezernentin Susanne Schwier und Pia vom Dorp, die das pädagogische Angebot der Stadt betreut (von links), im Innenhof des Gebäudes. Foto: Harald Krömer
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Blick in den Innenhof. Foto: Harald Krömer

Region. Das massive Mauerwerk trägt die Spuren der Jahrhunderte. Das wehrhafte Gebäude ist eingepasst in eine enge Zeile aus Geschäftshäusern, das schwere Gittertor ziert ein Reichsadler. Die Fassade wird erst richtig interessant, wenn man den Kopf in den Nacken legt oder den schmalen Bürgersteig verlässt, um den ernsten, bis heute Respekt einflößenden Komplex von der gegenüberliegenden Straßenseite aus zu betrachten.

Das Aachener Grashaus am Fischmarkt ist eines der ältesten Bauwerke Aachens, ein stiller Ort mitten im Gewimmel der Altstadt.

Früher das Stadtarchiv

Nach vielen eher ruhigen Jahren, in denen hier das Stadtarchiv residierte und die Nutzer schweigend Urkunden oder Bücher studierten, wird das mittelalterliche Bauwerk, das zahlreiche Wandlungen erfahren hat, jetzt als achte Station jene Kette von Museen und Lernorten abschließen, die als Route Charlemagne die Geschichte Aachens und damit das Erbe Karls des Großen in gegenwärtiger Form bündeln und vermitteln.

Am 9. Mai gibt es zur Eröffnung ein Fest. Dem Grashaus ist der Schwerpunkt „Europa“ zugeordnet. Ein Berliner Szenografiebüro hat es zum „europäischen Klassenzimmer“ mit raffinierter Ausstattung umgewandelt – zugleich ein Ziel für alle Generationen, wie die Verantwortlichen betonen. „Das Graushaus wurde buchstäblich wachgeküsst“, lobt Aachens Kulturdezernentin Susanne Schwier das Ergebnis.

„Der Begriff Europa ist kompliziert, abstrakt und nur schwer greifbar“, betont Andreas Düspohl, Leiter des Hauses. „Unser Ziel ist es, Europa in diesem Haus ganz real greifbar zu machen.“ Ein Haus mit Symbolcharakter, das war das Grashaus schon bei seiner Fertigstellung im Jahre 1267 – damals Ausdruck eines starken, aufstrebenden Bürgerwillens.

Kaiser Friedrich Barbarossa hatte im Jahre 1166 Aachen die Stadtrechte verliehen. Der erste Stadtrat mit zwei Bürgermeistern an der Spitze formierte sich 1250 – bald wurde es Zeit, einen Ort zu schaffen, wo man regieren und richten konnte. Als „burgerhuys“, „domum civium“ und „burger grass“ ging das Gebäude in die Stadtgeschichte ein.

Sein Name leitet sich vermutlich vom Baugelände „Gras“, dem mittelalterlichen Dorfanger, ab, einem Ort, an dem vom Volksfest bis zur Hinrichtung alles stattfand, was öffentlich war. Sogar als Gefängnis mit feuchten, finsteren Kerkern kam das Grashaus später zum Einsatz.

Über die Fassade gibt es bis heute einen Historikerstreit. Figuren residieren in den Nischen der sieben Blendarkaden im oberen Mauergeschoss. Die einen halten die Gruppe für die älteste Darstellung der sieben Kurfürsten, die im Mittelalter bis in die frühe Neuzeit den römisch-deutschen König wählten. Mit dieser Wahl war ihm die Kaiserkrone so gut wie sicher – auch hier wieder ein Europa-Thema.

Andere Forscher sehen in der feierlichen Gruppe die drei geistlichen und drei weltlichen Fürsten, die Rudolf I. von Habsburg 1273 zum König gewählt haben. Der Herrscher, so heißt es, sei in der mittleren Figur dargestellt, deren Arkade die übrigen ein wenig überragt. Bei einer Restaurierung der Fassade im späten 19. Jahrhundert wurden die Figuren durch Kopien ersetzt – die Originale sind im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen, nur der kleine Rest einer einzigen fürstlichen Gestalt lagert in den historischen Beständen der Stadt.

Selbst nach Fertigstellung des neuen Rathauses auf den Mauern der einstigen Königshalle war das Grashaus noch jener Ort, an dem der arme Sünder darauf warten musste, dass der Bürgermeister das Urteil verkündete und den Stab über ihn brach. Meist folgte noch vor Ort die Hinrichtung, und man sagt, dass zahlreiche Verurteilte sogar auf dem Anger begraben wurden. Beim Stadtbrand 1656 wurde auch dieses Gebäude stark beschädigt, doch es blieb den Bürgern so wichtig, dass sie den Wiederaufbau schafften. Die gesamte Historie will man im Rahmen der neuen Nutzung bewahren.

Witzig-turbulenter Kosmos

„Ursprünglich war das Gebäude größer, das sieht man im Haupttreppenhaus, das auf einer Seite einfach zugemauert ist“, erzählt Düspohl mit einem Blick auf die sieben Meter Raumhöhe mit Treppe und Geländer aus grauem Stein. Hier „tummeln“ sich Motive zu Europa. Es wimmelt nur so vor schwarzen, dynamischen Zeichnungen auf weißem Grund, geschaffen vom Berliner Künstler Andree Volkmann. Sie locken in die erste Etage und bieten einen rasanten „Flug“ in die dritte Dimension.

Düspohl lächelt. „Ja, das würde man hier wohl nicht vermuten“, sagt er stolz. Volkmann hat schwungvoll Gedanken, Spekulationen und ein paar rätselhafte Formen und Gestalten geschaffen. Sein Zeichenwerkzeug: Ganz normale schwarze Marker mit lichtechter Tusche. „Diese Technik habe ich zum ersten Mal ausprobiert“, gesteht er. „Ich war begeistert, wie gut das funktionierte.“

Sein Ansatz im Hinblick auf die Gestaltung: „Ich wollte den Raum keinesfalls belasten, das Treppenhaus sollte luftig bleiben. In seiner Zeichensprache hat er zum Thema Europa einen witzig-turbulenten Kosmos geschaffen, der selbst gelangweilten Schülern sofort Gesprächsstoff liefern dürfte. Was hat ein Urinal mit Europa zu tun? Was bedeuten die Zahlen? Vielleicht ein Kassenzettel? Für wen schießt der Fußballspieler den Ball, und der Typ mit den starken Muskeln – ist das Herkules, Spartakus oder Prometheus? Wohin bewegt sich der Mensch im Raumanzug?

Dort, wo Ruhe oberstes Gebot war, im einstigen Lesesaal des Stadtarchivs, werden die schlanken Säulen von modernen Tischen umrundet, zarte Farben – Grün, Weiß, Blau – lassen diesen Raum, den Behinderte mit einem modernen Aufzug erreichen können, noch heller wirken. Durch die Fensterfront hat man einen schönen Blick auf Fischmarkt und Dom. An der Wand gibt es eine Europakarte mit vielen Einstecklöchern.

„Dort kann man kleine Podeste einsetzen, auf die dann die Teilnehmer Objekte oder Symbole legen, die ihnen im Hinblick auf Europa wichtig erscheinen“, demonstriert Düspohl ein erstes Aktions-Angebot, dem eine Apparatur gegenübersteht – eine Videokamera. „Es werden kleine Videos gedreht, wenn die Jugendlichen ihre Objekte mit Bezug zu Europa erklären“, so Düspohl. „Die Ergebnisse sammeln wir in einer Objektdatenbank, einem virtuellen Regal.“ Zur Demonstration hat Düspohl ein paar Sachen mit Aussagekraft besorgt – die Mütze eines Zöllners etwa, einen Fußball, ein Stückchen von der Berliner Mauer.

Der Raum ist komplett verkabelt – aber die Technik bleibt nahezu unsichtbar. Selbst an den Fensterbänken gibt es Anschlüsse, um mit Computern zu arbeiten. Hier und da sieht man an einem Säulenkapitel neben dem frischen Anstrich noch die ehemalige Bemalung – eine Erinnerung an frühere Zeiten.

Drei Themenkomplexe sind für diese Europa-Station der Route Charlemagne vorgesehen: Das Motto „Migration und Grenze“ bildet den Einstieg, es folgen „Demokratie und Verantwortung“ sowie „Markt und Macht“. „Wir gestalten für Jugendliche ab Sekundarstufe I bis zur Oberstufe didaktische Programme, mit denen wir uns gleichfalls an Erwachsene richten“, beschreibt Pia vom Dorp, Leiterin des Bereichs Kunst- und Kulturvermittlung der Route Charlemagne im Kulturbetrieb der Stadt, das Angebot. „Wir bleiben dabei sehr flexibel.“

Und damit man in dieser Umgebung vielleicht auch einmal von „Virtuell“ auf „Greifbar“ umschalten kann, wird es eine wandhohe, gestrickte bunte Europakarte geben. „Eine Dauerleihgabe der 20-köpfigen Hobby-Strick-Gruppe aus der Nachbarschaft, die damit gleichfalls einen wichtigen Beitrag zu Europa leistet“, so Düspohl. Ab 1890 wurde das Grashaus als Stadtarchiv genutzt – und bereits Ende der 1920er Jahre hatte man Mühe, alle Archivalien unterzubringen.

So gibt es noch alte Fotografien, auf denen man erkennen kann, wie sogar die neugotischen Bogenfenster mit Regalen zugebaut werden mussten, auf denen die Aktenberge in die Höhe wuchsen. 2012/2013 konnte das Archiv in die extra dafür vorbereiteten Räume der ehemaligen Rheinnadel- Fabrik umziehen. Das machte den Weg frei für die Route Charlemagne.

Kostbare Urkundenschränke

Der Stolz des einstigen Stadtarchivs – der Urkundensaal mit schöner Holzdecke, bunter Ausmalung und prachtvoll geschnitzten Urkundenschränken, die zugleich als Lesepulte verwendet werden – wird gleichfalls im neuen Grashaus ein Ort anregender Europa-Studien sein. Hier gibt es weitere interaktive Medien, die denkmalgerecht in die historische Substanz integriert wurden. Jedes Pult verfügt über ein kleines Display, damit die Nutzer recherchieren können, während sie auf der rechten Seite mit einem Buch arbeiten. In die dunkelroten, gepolsterten Wandnischen, genauer gesagt die „Audio-Nischen“, darf man sich aus dem Getriebe zurückziehen und per Knopfdruck über Lautsprecher hören, was zum Beispiel Flüchtlinge erzählen, die in Europa Hilfe gesucht und gefunden haben.

Während der Einbau- und Restaurierungsarbeiten hatte man die zehn mächtigen Eichenschränke im Klimalager einer Düsseldorfer Spedition untergebracht, damit das Holz nicht leidet. Die neue Nutzung des Urkundensaals unterliegt strengen Regeln: „Nur maximal 15 Personen dürfen anwesend sein, sonst ist das Raumklima gefährdet“, erklärt Düspohl.

Über eine enge Wendeltreppe (der Raum ist für Behinderte über einen Zugang vom Hof aus erreichbar) geht es in die sogenannte „Kapelle“, einen kleinen Kreuzgewölbesaal im Erdgeschoss des mittelalterlichen Gebäudeteils. Unter der bunten Deckenbemalung hängen moderne Monitore. An den Wänden kann man noch die Schatten der Stapelspuren einstiger Aktenberge erkennen – sie sollen bleiben. In diesem Raum geht es um die wissenschaftlich vorbereitete geografische Annäherung an Europa. „Hier hat uns einer der weltweit wichtigsten Entwickler von Geosoftware unterstützt, das hätte sonst ein Vermögen gekostet“, erzählt Düspohl.

„Man fragt sich doch, wo fängt Europa an? Wo hört es auf? Warum gibt es Zeitzonen, und wie verlaufen Fluglinien?“ In diesem Raum erfahren die Teilnehmer, dass Europa der westlichste Teil der „eurasischen Platte“ ist, die bis Irland reicht, und dass es zusammen mit Asien den Kontinent „Eurasien“ bildet. Ein Animationsfilmchen mit wirbelnden Europa-Elementen, das im knallgelben Schriftzug „Ich bin Europa“ endet, soll dazu beitragen, den Spaß am Lerneffekt nicht zu verlieren. Das knallige Gelb lockt bereits von der Straße aus, denn der Reichsadler am großen Tor hat Gesellschaft bekommen: Ihm wird noch ein flatternder gelber Sittich zugesellt, der die Besucher empfängt.

Informationen

Das Grashaus am Aachener Fischmarkt 3, wird am Samstag, 9. Mai, als „Station Europa“ der Route Charlemagne eröffnet.

Nach einem Festakt im Centre Charlemagne (Katschhof) für geladene Gäste gibt es von 11 bis 18 Uhr ein Straßen- und Bürgerfest am Fischmarkt mit kostenlosen Führungen (alle zehn Minuten, jeweils 30 Minuten) durch das Grashaus, Musik, Tango & Talk und anderes.

Kontakt: 0241/4324956, Email: route-charlemagne@mail.aachen.de, Infos im Internet: www.route-charlemagne.de und www.grashaus-aachen.eu.

Anmeldung und Buchung für Schulklassen sowie bauhistorische Führungen: 0241/4324998, Email: museumspaedagogik@mail.aachen.de.

Kosten für den Umbau: rund 2,73 Millionen Euro, die von der Stadt Aachen, dem Land NRW, dem Bund und der EU gemeinsam getragen werden.

Im Parterre befinden sich Büros der Stiftung Internationaler Karlspreis und ein EU-direct Büro (beide nicht zugänglich).

Die Route Charlemagne führt zu bedeutenden Bauwerken und Orten der Stadt. Dazu gehören das Centre Charlemagne am Katschhof, das Rathaus, der Dom, Elisenbrunnen/Archäologische Vitrine im Elisengarten, das Couvenmuseum am Hühnermarkt, das Internationale Zeitungsmuseum in der Pontstraße, das „Super C“ neben dem Hauptgebäude der RWTH Aachen am Templergraben und das Grashaus, Fischmarkt 3.

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