Rotlichtfahrer: „Ich war selbst geschockt“

Von: Johanna Tüntsch
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Spur der Verwüstung: Ömer B. verursachte am 4. Dezember 2011 diesen Unfall auf der Aachener Straße in Köln, bei dem sieben Menschen verletzt wurden. Foto: Meisenberg

Köln. Zu hart? Zu milde? Am Ende des Prozesses gegen den damaligen Stolberger Ömer B. wusste im September 2012 niemand so richtig, was er von dem Urteil halten sollte. Der Verfahrensmechaniker hatte am Morgen des 4. Dezember 2011 zwei Unfälle in der Kölner Innenstadt verursacht, beim zweiten an der Aachener Straße wurden sieben Menschen teils lebensgefährlich verletzt.

Das Kölner Amtsgericht verurteilte ihn damals zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten sowie weiteren zwei Jahren Fahrverbot. Weder Staatsanwaltschaft, Nebenklage noch Verteidigung waren mit diesem Urteil zufrieden, alle Seiten gingen in die Berufung.

Der Vorsitzende Richter des Amtsgerichts, Karl-Heinz Seidel, erklärte bereits bei seiner Urteilsbegründung 2012, vor „eine schwierige Entscheidung“ gestellt worden zu sein. Einerseits sei B. nicht vorbestraft, habe Reue gezeigt und sich bei seinen Opfern entschuldigt. Außerdem habe er seinen Arbeitsplatz verloren und vor lauter Scham über die Tat seinen Wohnort gewechselt.

Andererseits hätten B. und besonders seine Opfer gewaltiges Glück gehabt, dass niemand gestorben sei. „Dreist“ sei er gewesen, weil er nicht nach den Verletzten geschaut habe. Von einer „Wahnsinnstat“ sprach er.

Angeklagter inzwischen verlobt

Am Freitag begann das Berufungsverfahren vor dem Landgericht Köln. Am ersten Prozesstag berichtete der Angeklagte, dass er sich vor drei Wochen verlobt habe. Hätte er solches Glück in der Liebe schon drei Jahre früher gehabt, dann wäre ihm und allen anderen der Unfall wohl erspart geblieben: Hintergrund der Rotlichtfahrt sei eine Nacht voller Alkohol und Liebeskummer gewesen, weil der 32-Jährige von einer Kellnerin aus Köln mehrere Körbe kassiert hatte.

Nachdem ihn die Frau, die er auf der Hochzeit eines Freundes kennengelernt hatte, ein weiteres Mal abserviert hatte, verursachte er auf dem Ring einen kleinen Zusammenstoß mit einem anderen Taxi, flüchtete mit hohem Tempo, überfuhr auf der Aachener Straße eine rote Ampel, kollidierte mit einem anderen Auto und wurde von der Wucht des Aufpralls in eine Menschengruppe geschleudert, die auf eine Straßenbahn wartete. Wieder flüchtete der Angeklagte.

„Ich habe kaum noch Erinnerungen daran“, gab er vor Gericht kleinlaut zu: „Als ich Bilder davon gesehen habe, war ich selbst geschockt.“ Die Berichterstattung zum Unfall habe in seinem Heimatort für Aufsehen gesorgt. „Die Leute hätten so etwas von mir nicht gedacht“, sagte er. Kollegen hätten ihn unter anderem als engagierten Gewerkschaftsvertreter geschätzt. All das hätte er nach dem Unfall jedoch aufgeben müssen: „Das Vertrauensverhältnis war einfach zerstört.“ Inzwischen habe er eine neue Arbeit in Aussicht, sagte der Angeklagte vor Gericht.

Mit seiner Verlobten habe er von Anfang an offen über den Unfall und das Verfahren gesprochen. „Es war nicht leicht, aber wenn ich mir mit ihr etwas aufbauen will, muss das so sein.“ Das Verfahren wird am 9. und 11. April fortgesetzt.

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