Rote Nasen statt bunter Pillen

Von: Sabine Rother
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Als Clowninnen „Wilhelmine“ und „Loretta“ zaubern sie im Uniklinikum Aachen kleinen und großen Leuten ein Lächeln ins Gesicht: Annemie Missinne (links) und Ruth Jürgens sind Profis mit Herz. Foto: KlinikClows

Aachen. „Wenn wir unsere roten Nasen aufsetzen, dann verschwinden die Privatpersonen und wir leben nur noch in unseren Rollen“, sagt Ruth Jürgens. Die Erzieherin und Gestalttherapeutin aus Aachen ist professionelle Clownin – genauer gesagt Klinik-Clownin.

Ruth Jürgens und Kollegin Annemie Missinne nennen sich in Maske und lustigem Kostüm „Wilhelmine“ und „Loretta“. Die beiden sind im regelmäßigen Lach- und Staun-Einsatz auf den Fluren und in den Zimmern der jungen Patientinnen und Patienten unterwegs, die die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Uniklinikums Aachen betreut. „Eine herausragende Unterstützung für den Heilungsprozess“, freut sich Klinik-Direktor Professor Dr. Norbert Wagner.

Bereits 2008 gründete sich der Verein Klinik-Clowns Aachen, der den Einsatz der beiden Künstlerinnen finanziert. Möglich wurde der Start durch eine Anschubfinanzierung durch die im selben Jahr von Kabarettist und Arzt Eckart von Hirschhausen ins Leben gerufene Stiftung „Humor hilft heilen“. „Inzwischen tragen wir alles selbst, wir sind unermüdlich im Einsatz, um mit Spenden und Mitgliedsbeiträgen diese Arbeit fortzusetzen, die nicht nur für kranke Kinder wichtig ist“, sagt Uli Opdenberg, erster Vorsitzender des Vereins. „Auch Eltern, Pflegepersonal und Ärzte profitieren von dieser Form des feinsinnigen Humors.“

Für Annemie Missinne und Ruth Jürgens ist jeder Einsatz im Klinikum eine neue, bewegende Herausforderung. „Wir können uns blind aufeinander verlassen, das ist eine wichtige Voraussetzung, um frei zu arbeiten“, sagt sie, die „Loretta“ mit der roten, weiß getupften großen Schleife im blonden Haar verkörpert. In Hannover hat sie ihre Ausbildung an der staatlich anerkannten Clownschule absolviert, den Verein Bremer Klinikclowns gegründet und bis 2011 geleitet. Profi ist auch Ruth Jürgens, die in Köln die Clownschule besucht hat. Was den Clown, die Clownin ausmacht? „Man muss zum eigenen Kern zurückfinden, ja zur Welt sagen“, betont sie. „Es ist wichtig, eine authentische Clownfigur in diesem Kern zu finden.“

Sogar vom Balkon aus

Den Alltag einer Klinik – speziell einer Kinder- und Jugendstation – haben beide beim Praktikum erspürt. „Da geht es um Erkrankungen, um Fachliches, aber auch um Hierarchien, die es zu achten gilt“, sagt Ruth Jürgens. Selbst dort, wo man aus Gründen der Hygiene ein Zimmer nicht betreten darf, gibt es Lösungen für die Clowninnen. „Zum Beispiel vom Balkon aus“, erzählt Annemie Missinne. „Wir sind grundsätzlich vorsichtig, schließlich bewegen wir uns in der Privatsphäre der Kinder und Eltern.“ So findet eine erste Kontaktaufnahme stets durch einen Türspalt statt. „Dürfen wir reinkommen?“ In diesem Moment, beim Blick auf Kinder, Mütter und Väter, entwickeln „Loretta“ und „Wilhelmine“ ohne Absprache den kostbaren Moment dieses speziellen Auftritts. Begegnen ihnen ängstliche, unsichere Blicke? Ein erstes Lachen? Neugier?

„Ein Clown im Raum verändert sofort die Atmosphäre“, weiß Annemie Missinne. „Die wichtigste Frage, die wir in diesem Moment haben, lautet: Wo liegt das Spiel in diesem Zimmer...“ Ein Plakat im Flur kündigt den Besuch der Clowninnen (dienstags und mittwochs) an, und das Pflegeteam freut sich auf diese Vormittage, wie die beiden wissen. Manche Kinder haben bereits andere gut gemeinte Unterhaltungsbesuche erlebt. So sträubte sich ein kleiner Junge zunächst gegen das Eintreten der Clowninnen mit dem Ausruf: „Ich will aber nicht mitsingen!“ Wie reagieren die Clowninnen in solch einem Moment? „Ganz klar, wir greifen den Gedanken auf – ich habe sofort verkündet, dass Loretta singen wird“, erinnert sich Ruth Jürgens. Und Loretta? „Sie kann das gar nicht, und schon ist das Spiel spannend“, beschreibt Annemie Missinne den blitzschnellen kreativen Vorgang.

Und manchmal sind es Stille und Staunen, die beim Besuch im Krankenzimmer für wortlose Entspannung sorgen. „Wir springen nicht über die Betten oder machen wilde Sachen“, versichern die beiden, deren Clowninnen-Sprache international ist. Ein „Bonjour“, „Salam alaikum“, „Goedendag“, „Hello“, „Merhaba“ oder „Buen dia“ geht immer, denn: „Als Clown ist man an keine Sprache gebunden.“ Die Aufgabe der beiden Künstlerinnen, der sie sich mit großem Engagement widmen: Sie suchen und finden das Kind hinter der Krankheit, wollen vermitteln, dass es mehr gibt als die Erkrankung. Gesundheitsprobleme sind dabei nicht tabu, aber sie werden nicht thematisiert – es sei denn, das Kind gibt ein Signal, streckt ihnen den eingegipsten Arm oder das geschiente Bein entgegen. „Da sind wir behutsam, aber das ist für uns natürlich eine schöne Aufforderung.“

Inzwischen dürfen sich die Clowninnen sogar frei im Klinikum bewegen – und das tun sie. „Es gibt so viele Menschen, die dort in sehr unterschiedlichen Berufen arbeiten, Physiotherapeuten, Leute vom Sicherheitsdienst, im Labor“, sagt Ruth Jürgens. Sogar ein Überraschungsbesuch in der Wäscherei war dabei, wo man „Loretta“ und „Wilhelmine“ herzlich mit den Worten begrüßte: „Wir haben schon von euch gehört, toll, dass ihr kommt...“

Nach jedem Einsatz überdenken die beiden das Gespielte und wie sie sich dabei gefühlt haben. Freude schenken, ein Lächeln auf die Gesichter zaubern – das geht nur mit Kraft und Intuition. Die kleinste Maske der Welt, die rote Nase, hilft dabei und ist magischer Schutz.

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