Rohren: 702 Menschen und ein Lift

Von: Angela Delonge
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Der Skilift in Rohren.

Rohren. Der 15. Januar 2012 war ein Glückstag für das Dorf. Ein Mädchen wurde geboren. Zuvor war das Dorf fast zwei Jahre lang ohne Nachwuchs geblieben. Das hatte es noch nie gegeben.

Man kommt nicht umhin, dies zu erwähnen, wenn man über Rohren spricht. Denn das Dorf, das heute ein Stadtteil von Monschau ist, bangt um seine Einwohnerzahl. Aktuell sind das 702, und jeder mehr ist ein Segen für das Dorf. Das sagt Waltraud Haake. Sie ist Ortsvorsteherin von Rohren, so wie ihr Vater vor ihr. Ohne die kommunale Neugliederung im Jahr 1972, als Rohren der Stadt Monschau zugeschlagen wurde, wäre sie heute Bürgermeisterin von Rohren. Seit 2004 ist die Realschullehrerin die gewählte Vertreterin der Rohrener Bürger.

Dass die Zahl der Einwohner im Dorf seit Jahren mehr oder weniger konstant bleibt, ist gut und schlecht zugleich. Waltraud Haake bereitet das jedenfalls Sorge: „Auf lange Sicht bluten Dörfer wie unseres aus.“ Und Bruno Gerhards, Inhaber des ortsansässigen Gartenbaubetriebs, kennt die Ursache. Der Geschäftsführer des Ortskartells, dem Zusammenschluss der Vereine, sagt: „Die Menschen werden immer mehr zu Nomaden der Arbeit. Und je höher die Qualifikation, desto höher der Grad der Abwanderung.“ Das ist die Kehrseite der Bildungsoffensive, die sich auf dem Land wie nirgends sonst offenbart.

Seit 1969 gehen die Kinder des Dorfs im Nachbarort Höfen zur Grundschule, danach auf eine der weiterführenden Schulen nach Monschau. Wer das Abitur in der Tasche hat und danach eine akademische Ausbildung absolviert, kommt kaum zurück. Nur wer eine Ausbildung macht, findet in der Umgebung Arbeit – und bleibt in Rohren. „Vielleicht“, sagt Gerhards und verweist auf das vor zehn Jahren erschlossene Neubaugebiet für 29 Ein- und Zweifamilienhäuser, wo bis heute gerade mal elf Häuser gebaut wurden.

Kein Problem mit Abwanderung hat der Traditionsverein SV Bergwacht, der so heißt, weil Rohren mit seiner Höhenlage von nahezu 600 Metern auf einem ringsum von Tälern umgebenen Bergsporn liegt. Gegründet 1927, verfügt der Verein mit den Farben blau-weiß konstant über mehr Mitglieder als das Dorf über Einwohner. Die Mitgliedschaft bei der „Bergwacht“ ist quasi erste Bürgerpflicht. Angeblich werden neugeborene Rohrener sogar erst bei der „Bergwacht“ und dann beim Standesamt angemeldet. Ein Ort wie Rohren lebt halt von der Gemeinschaft, von den Vereinen. Dass ein Rohrener seine Mitgliedschaft bei der Bergwacht zu Lebzeiten kündigt, das passiert so gut wie nie, berichtet Waltraud Haake. Auch eine Beisetzung ohne blau-weiße Fahne sei quasi undenkbar, und wenn doch, dann ist das noch über Jahre Gesprächsthema.

Gemeinsame Sache macht das Dorf auch beim „Konsum“. Der Tante-Emma-Laden in einem der wenigen erhaltenen Fachwerkhäuser mitten im Dorf wird seit 1927 im Genossenschaftsprinzip von den Rohrener Bürgern unterhalten. Bis vor kurzem drohte dem Laden, der heute „Nahkauf“ heißt, das Aus. Der Umsatz war so geschrumpft, dass der Lieferant, ein Supermarktkonzern, den Vertrag kündigte. In einem Akt der Gemeinschaft konnte der „Konsum“ vorerst gerettet, ein neuer Lieferant gefunden werden.

„Der Konsum ist wichtig für unser Dorf, weil wir damit auch der demografischen Entwicklung Rechnung tragen“, sagt Waltraud Haake entschlossen. „Wir müssen dafür kämpfen, dass unsere älteren Mitbürger hier alles für den täglichen Bedarf bekommen.“ Dafür müsse aber jeder Haushalt acht bis neun Euro pro Woche im Laden lassen. Es reiche nicht, hier nur mal Samstagsmorgens die Zeitung zu kaufen. Dass der „Konsum“ bleibt, empfindet Waltraud Haake als „Glück für Rohren“. Glücklich schätzen sich auch die Rohrener Landfrauen. Seit Oktober gehören sie dem Ortskartell an und können nun neben der „Bergwacht“, der Feuerwehr, den Schützen, dem Musikverein, dem Kirchenchor und dem Verein für Heimatgeschichte auch offiziell das gesellschaftliche Leben mitgestalten.

Die Veranstaltungen der sieben Vereine koordiniert Bruno Gerhards. Höhepunkte sind Sportwoche und Großkirmes zu Fronleichnam. Da wird vier Tage lang gefeiert, was das Zeug hält. An solchen Tagen lebt die Gemeinschaft im Dorf auf, und es ist „fast so wie früher“, sagt Bruno Gerhards.

Früher, das war in den 70er Jahren, als es zwölf Tanzveranstaltungen im Jahr gab, und an drei Tagen Fettdonnerstag gefeiert wurde. Als in den 80ern einmal im Monat 300 bis 400 junge Leute zum berühmten „Beatball“ im alten Dorfsaal Warbel strömten. Heute macht die Jugend auswärts Party, hat ihre eigene Welt außerhalb des Dorfs. Ein Versuch, den „Beatball“ an einem andren Ort noch einmal aufleben zu lassen, scheiterte. „Irgendwie war es das nicht mehr“, sagt die Ortsvorsteherin, die beim Gedanken an den „Beatball“ der 80er Jahre noch heute ins Schwärmen gerät: „Der war ein Markenzeichen mit einem tollen Discjockey.“

Überhaupt die Vergangenheit: Von ihr zehrt das Dorf bis heute. In den 60er Jahren baute der Alpenverein in Rohren ein Vereinshaus, und es kamen die Wanderer. Der Umstand, dass Rohren ja fast ein richtiges Bergdorf ist, versprach mehr – zum Beispiel Wintersport. Der Mann, der das erkannte und 1968 vom höchsten Punkt des Ortes zur Rur hinunter einen Handschlepplift baute, war Rudi Hermanns.

„Der Rudi ist am Anfang von allen belächelt worden“, erzählt Bruno Gerhards, „und alle haben mit ihren Häusern in der Grundschuld gestanden.“ Aber dann wurde Rohren Austragungsort der Westdeutschen Skimeisterschaften, und damit war das Dorf als Wintersportort etabliert. 1971 baute der Rudi den Schlepplift, und 1978 die Sommerbobbahn.

Ohne den Rudi wäre Rohren heute nicht das, was es ist. Er starb im vergangenen Jahr, und das von ihm gegründete, in der Region einzigartige Sommer- und Wintersportzentrum Rohren mit der legendären „Blockhütte“ wird seitdem von Pächter Manfred Steins geführt. In der „Blockhütte“ aber schaltet und waltet wie immer Edith Hermanns, die Witwe. Berühmt für ihre Hausmannskost serviert die 71-Jährige neben den unvermeidlichen Fritten mit Würstchen köstliche Eintöpfe, Gulaschsuppe und Monschauer Dütchen mit Schlagsahne und Kirschen. „Das Geschäft läuft unterschiedlich gut“, sagt sie, „aber das bin ich gewöhnt.“ Deshalb freut sie sich über den neu errichteten Ravelweg, der jetzt Radfahrer ins Dorf führt, und das Stück vom Eifelsteig, das neue Wanderer bringt. „Das sind echte Zugnummern, die Leute zu uns bringen.“

Mehr Leute im Dorf wünschen sich auch die Ortsvorsteherin und Bruno Gerhards. Ein Anfang ist gemacht – seit Rohren sein Baby hat. Dass just im Dezember auch noch ein Junge geboren wurde, macht das Glück der Rohrener fast perfekt. Aus den beiden könnte glatt was werden...

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