Rocker der anderen Art: Leines und die Street Angels

Von: dpa
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Leines
Der Rocker Leines (Uwe-Edmund Gaworski) steht am 15.10.2012 in Aachen auf dem Gelände der Hazienda Arche Noah. Die Hazienda Arche Noah haben Leines und seine Street Angels für kranke Kinder gebaut.

Aachen. Die Frage ist rein rhetorisch, eine Spur Empörung schwingt mit: „Seh ich etwa aus wie Uwe-Edmund?” Zugegeben, unter einen Uwe-Edmund Gaworski stellt man sich keinen Mann mit Tattoos, Pferdeschwanz und Rockerkutte vor.

Aber mit Klischees kommt man nicht weit bei diesem Mann, den alle nur Leines nennen. Leines ist Rocker. Früher hat er auch mal zugelangt. Es gibt auch die eine oder andere Vorstrafe. Das klingt wie aus einem anderen Leben. Rocker ist Leines zwar immer noch, aber einer der anderen Art.

Die Hazienda Arche Noah haben Leines und seine Street Angels für kranke Kinder gebaut. Die können dort eine Atempause von Weißkitteln, Geräten und Krankenhausluft nehmen. Sie dürfen Kind sein - weit weg vom Klinikalltag. Die weitläufige Hazienda ist Abenteuerspielplatz, Park, Oase. Das Piratenschiff, Sandkästen, Floß, Baumhaus - alles ist für Kinder im Rollstuhl erreichbar. Es gibt keine Grenzen. Die Rocker haben alles selbst gebaut, superrobust.

„Nicht schlecht für eine tätowierte, vorbestrafte, langhaarige asoziale Randgruppe”, kokettiert Leines. Kriminell seien sie auf keinen Fall, mit berüchtigten Gruppen wie den Hells Angels oder den Bandidos will er nicht in einen Topf geworfen werden. „Der kleinste Ansatz für kriminelle Machenschaften würde unsere Arbeit torpedieren”, sagt der Rocker. Es gibt Vorurteile, gerade weil er selbst schon mal im Knast war. Körperverletzung. Das hatte nichts mit den Rockern zu tun, sondern mit seinem Jähzorn, wie er sagt.

Stolz sind die Street Angels auf ihre Arbeit und freuen sich üb er die Auszeichnujng als schönste Garten und Parkanlage Aachens. Ach ja, und dann die Bambi-Verleihung im vergangenen Jahr. Da war Leines im Fernsehen, natürlich in Rockerkluft. Haben die Damen und Herren in den feinen Roben geguckt!

Bambi, ein Highlight? „Ein Highlight ist, wenn Kinder gesund werden”, antwortet Leines. Die Werte haben sich verschoben. An Kinder, die auf der Hazienda waren und starben, erinnern Namensschildchen an einer Buche, dem „Stairway to heaven” (Treppe zum Himmel).

Leines hat mal Schmied gelernt. Passt zu seiner Statur. Früher hat er gedacht, nichts und niemand könnte ihn unterkriegen. Bis seine Frau krank wurde. Krebs. „Da fühlt man sich hilflos wie ein kleines Männelein”, sagt der große, muskulöse Mann. Er nennt die Dinge beim Namen: „Sie ist an Krebs verreckt.” Das Leid seiner Frau, die Begegnung mit schwerkranken Kindern, Ärzte, Geräte, der Tod - das alles hat ihn verändert. Der da oben - Zeigefinger und Blick gehen vielsagend in die Höhe - habe ihn auf die Idee mit der Hazienda gebracht, für kranke und behinderte Kinder.

Aggie ist oft mit ihrem Sohn Jan da. An dem Tag kommt sie allein: „Es war eine ziemlich wilde Nacht”, sagt sie. Ihr Sohn hat sie auf Trab gehalten. Er ist jetzt 16 Jahre alt, aber geistig auf dem Stand eines Siebenjährigen. Mit zwei Jahren hat Jan einen Fieberkrampf bekommen, der ein halbes Jahr andauerte. Er geht staksig und spricht laut. Immer gucken die Leute. Immer hat sie dann das Gefühl, Jan korrigieren zu müssen. „Hier ist das anders. Hier bin ich Mama und Jan ist Jan”, sagt die Frau. Hier können beide sein wie sie sind.

Auf der Kutte tragen die Street Angels als Emblem einen muskulösen Engel, der ein Rad in die Höhe hält - ein Motiv vom Cover der Rockband Led Zeppelin. Himmlischen Beistand können die zwölf Rocker für ihr nächstes Projekt gebrauchen: Fürs „Traummobil”, ein Reisemobil für sehr kranke Kinder im Rollstuhl. 150 000 Euro sind eine Menge Geld. Winzige Anteile kann man schon für 20 Euro sponsern. Zweifel? „Wür mulle net, wür helpe met”, („Nicht quatschen, helfen”) ist ein Leitspruch. Hat bisher geklappt.

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