Risse in Reaktorblöcken: Jahrelange Täuschung?

Von: Madeleine Gullert
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Nur 65 Kilometer von Aachen entfernt: Das AKW Tihange in Huy liegt an der Maas. Im kleinen Foto sieht man ein Abklingbecken des Kraftwerks. Foto: Andreas Steindl

Lüttich. Das Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie wirft der belgischen Atomaufsichtsbehörde FANC jahrelange Täuschung in Bezug auf die Risse in den beiden maroden Atomreaktorblöcke Doel 3 und Tihange 2 vor.

Die FANC sei bereits seit Dezember 2012 im Besitz von Unterlagen gewesen, die eine Rissgröße von bis zu 6,9 Zentimetern dokumentieren. Die FANC selbst sprach damals jedoch von Rissgrößen bis maximal 2,5 Zentimetern, wirft Jörg Schellenberg, Sprecher des Aktionsbündnisses der Atomaufsicht vor.

Seit Februar dieses Jahres ist bekannt, dass die Risse in den abgeschalteten Blöcken sogar bis zu 17,9 Zentimeter lang sind und dass es sich um Tausende handelt. „Bei Doel war es nur eine bewusste Täuschung der Öffentlichkeit aber bei Tihange eine glatte Lüge!“, sagte Schellenberg, der die Zuverlässigkeit der FANC infrage stellt. 

„Die FANC hat immer versucht, das Problem in einem für Electrabel  möglichst vorteilhaften Licht darzustellen“, sagte Jean-Marc Nollet, Fraktionssprecher der belgischen Grünen (Ecolo) unserer Zeitung zu den jüngsten Vorwürfen. Das Vertrauen in die FANC müsse verdient werden. Das Verhalten der Behörde habe dieses Vertrauen aber stark erschüttert. Und auch wenn die FANC sich inzwischen öffentlich kritischer gegenüber Electrabel, dem Betreiber der belgischen AKW, äußert: „Man kann sicher nicht sagen, dass die FANC sich seit 2012 geändert hat“, sagte Nollet.

Die FANC sei in ständigem Austausch mit Electrabel, betonte Sprecher Sébastien Berg vor einigen Tagen gegenüber unserer Zeitung. Zu den Vorwürfen von Mittwoch wollte sich die FANC nicht äußern. Was die maroden Kraftwerke anginge, warte man noch auf den neuen „Safety Case“ (Sicherheitsbericht) von Electrabel. Mitte Mai wollten die internationalen Atomexperten ihre Einschätzung der FANC und Electrabel übermitteln.

Dann soll entschieden werden, ob die beiden Reaktorblöcke wieder angefahren werden. Was die um zehn Jahre verlängerte Betriebslaufzeit von Doel 1 und Doel 2 angeht, hat der Gesetzentwurf von Energieministerin  Marie-Christine Marghem (MR) die nächste Hürde genommen.

Am vergangenen Dienstag segnete die Kommission den Text ab, am kommenden Mittwoch ist das Gesetz Thema in der Plenarsitzung des Parlaments. Derweil steht die belgische Energieministerin unter Beschuss, weil sie sich weigert den Vertrag, der 2012 die Verlängerung der Laufzeit von Tihange 1 um zehn Jahre besiegelt hat, an die Föderale Berufungskommission unter dem Dach des Innenministeriums weiterzugeben.

Ein Journalist der belgischen Nachrichtenagentur hatte das Ministerium um den Gesetzestext gebeten, der nie veröffentlicht wurde. Marghem nennt die Papiere aber vertraulich. Der Journalist beschwerte sich bei der Berufungskommission, die nun die Herausgabe der Papiere anforderte - auch vergeblich.

 Electrabel zeigte sich hingegen bereit, die Vereinbarung zu veröffentlichen. „Ich habe leider noch keinen juristischen Kniff gefunden, um das Ministerium in die Enge zu treiben“, sagte Nollet.

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