Aachen - Reitturnier: Die gute alte Zeit ist zurück, aber nur ganz kurz

Reitturnier: Die gute alte Zeit ist zurück, aber nur ganz kurz

Von: Marlon Gego
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Panoramablick von der neuen Tribüne: Auch am Sonntag war es nicht so voll wie bei einem regulären CHIO, auf allen Tribünen gab es freie Plätze. Der Atmosphäre des Turniers hat das nicht geschadet, im Gegenteil: Alles war etwas langsamer und leiser. Foto: Andreas Steindl
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Kontinuität und Berechenbarkeit: Willi Speck arbeitet seit 1967 als Ordner beim Aachener Reitturnier, seit 15 Jahren ist auch sein Sohn Günter dabei (Foto links). Elisabeth Lorig (rechtes Foto oben links) kommt sein 1968, und seit einigen Jahren sitzt sie immer hinter Anneliese und Wolfgang Beck. Foto: Andreas Steindl, Michael Jaspers
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Kontinuität und Berechenbarkeit: Willi Speck arbeitet seit 1967 als Ordner beim Aachener Reitturnier, seit 15 Jahren ist auch sein Sohn Günter dabei (Foto links). Elisabeth Lorig (rechtes Foto oben links) kommt sein 1968, und seit einigen Jahren sitzt sie immer hinter Anneliese und Wolfgang Beck. Foto: Andreas Steindl, Michael Jaspers

Aachen. Einen wie Willi Speck gibt es auf der ganzen Welt kein zweites Mal, selbst auf dem entlegensten Planeten ließe sich so ohne weiteres niemand finden, der öfter auf dem Aachener Reitturnier gearbeitet hat als Willi Speck.

Er steht am Aufgang von Block C der Haupttribüne, er kontrolliert die Karten und sagt den Besuchern, wo ihre Plätze sind, meist lächelt er. Speck ist Ordner. Wer also wissen will, wo er sitzt oder wie es so war auf diesem verkürzten Reitturnier Ende Mai, der geht zur Haupttribüne, denn irgendwo dort steht Willi Speck und weiß Bescheid, seit 1967 ist er schon dabei.

Also, wie war‘s denn so, Herr Speck?

„Tja“, sagt Willi Speck und schaut besorgt zum Himmel, weil das Wetter sich nicht entscheiden kann, wohin es will, „also es war schön, fast wie früher.“ Und wenn einer wie Willi Speck das sagt, dann heißt es auch etwas.

Wenn man ehrlich ist, hat das kurze Reitturnier nur deswegen stattgefunden, weil es auch dieses Jahr einen „Großen Preis von Aachen“ für die Spring- und die Dressurreiter geben musste, das hat mit Sponsoren und Verträgen zu tun, also mit Geld. Aber man kann dem Aachen-Laurensberger Rennverein (ALRV), der seit 1924 in der Soers Reitturniere veranstaltet, kaum vorwerfen, nicht etwas sehr Annehmbares daraus gemacht zu haben. Das Hauptereignis findet für den ALRV erst im August statt, dann wird die Reit-EM ausgetragen, es soll ein Riesenfest werden, so ähnlich wie die Reit-WM 2006, die ja auch in Aachen stattfand. Und deswegen gab es dieses Jahr keinen richtigen CHIO, sondern nur eine Art dreitägigen Kuschel-CHIO.

Willi Speck sagt, dass das kurze Turnier dieses Jahr etwas langsamer gewesen ist, etwas leiser. Das Gedränge vor der Haupttribüne, an der Speck steht, war nicht so groß wie gewöhnlich, die Musik im Springstadion nicht so laut, alles nicht so hektisch, das sporthallengroße VIP-Zelt war nicht aufgebaut. „Wie früher“, sagt Speck noch mal, wie um sicherzugehen, dass die Botschaft angekommen ist.

Der Aachener CHIO war nach dem Krieg wegen seines schönen Turnierplatzes und wegen des ungewöhnlich großen Zuschauerzuspruchs eher zufällig zu einem der weltweit wichtigsten Reitturniere geworden, bis in die späten 80er Jahre kümmerten sich hauptsächlich Ehrenamtler um das Vorankommen des liebenswerten Reitturniers. Erst Vermarkter Michael Mronz begann ab Mitte der 90er Jahre, Schritt für Schritt Kapital aus dem Renommee des CHIO zu schlagen. Bis in die 80er Jahre gab es im „Großen Preis von Aachen“ für die Springreiter 60.000 Mark zu gewinnen, am Sonntag waren es eine Million Euro.

Mronz sitzt in seinem Büro, von dem aus er den Reitern bei ihren Vorbereitungen für die nächste Prüfung zusehen kann, er erklärt, dass er das Aachener Reitturnier nicht über wirtschaftlichen Rekorden definiere. „Mir ist wichtig, dass die Zuschauer das Turniergelände mit einem Lächeln verlassen“, sagt er, und die Wahrheit ist, dass ihm das oft gelingt. Der reguläre CHIO ist organisiert wie eine Fußball-WM, nichts ist dem Zufall überlassen, alles läuft nach Plan, alles ist perfekt, und das ist ein bisschen das Problem.

Dinge, die perfekt sind, kann man achten, schätzen, auch bewundern, aber die meisten Menschen lieben sie nicht, und der Beweis dieser These sitzt in Block C auf Platz 1 in Reihe 15 der Gegentribüne. Dieser Platz gehört Elisabeth Lorig, die fast so lange zum Turnier kommt wie Willi Speck dort arbeitet, nämlich seit 1968, immer derselbe Platz. Sie erinnert sich an alle und an alles, sie ist ein CHIO-Fan und kann lustig sein, aber sie ist auch trotzig.

Frau Lorig wird wütend

Als der ALRV vor der Reit-WM 2006 eine neue, im Übrigen perfekte Tribüne baute und deswegen die von vielen CHIO-Besuchern heiß geliebte Stehwiese verschwinden musste, war Elisabeth Lorig so wütend, dass sie fünf Jahre lang nicht zum CHIO gekommen ist. Sie ist ein Fan, und Fans wollen ernst genommen werden, weil sie wissen, dass die Veranstaltung ohne sie weniger wert ist; das ist beim Reiten nicht viel anders als beim Fußball. Dass der ALRV Perfektion und kommerzielle Interessen über die Interessen der Fans stellte, hat vielen anderen Stammzuschauern nicht gepasst.

Eine von Mronz‘ Stärken ist, den CHIO für Besucher interessant zu machen, die nicht eigentlich reitsportaffin sind, was für den ALRV überlebenswichtig ist. Die Stammzuschauer sind ein Kapital, aber da auch Reitturniere in der globalisierten Welt in Bewegung gehalten werden und immer neue Reizpunkte setzen müssen, um erfolgreich zu bleiben, haben Mronz und die anderen Verantwortlichen sich für den Kuschel-CHIO 2015 zum Beispiel die Sache mit den fünf Sterneköchen ausgedacht, die auf dem CHIO zu vergleichsweise kleinen Preisen Sternegerichte angeboten haben. Es hat geklappt, und Mronz sagt, dass unter den 86 500 Zuschauern, die von Freitag bis Sonntag auf dem Turnierplatz waren, 30 Prozent noch nie zuvor beim CHIO waren. Es kann sein, dass das Konzept mit den Köchen so oder so ähnlich zum Bestandteil des CHIO wird.

Bei Elisabeth Lorig war es so, dass zwar ihre Wut über die Tribüne nicht verflogen ist, sie es aber ohne den CHIO andererseits nicht gut ausgehalten hat. Seit 2011 sitzt sie wieder auf ihrem alten Platz genau hinter Anneliese und Wolfgang Beck. Anneliese Beck sagt, dass sie das Reiten schon interessiert, dass sie aber nicht primär zum CHIO kommt, um Pferde zu sehen. Die Becks und Frau Lorig sitzen jedes Jahr mit denselben Menschen zusammen, alles Dauerkarteninhaber, man kennt sich, man freut sich aufeinander, es ist ein bisschen wie im Urlaub auf dem Campingplatz, wenn sich jedes Jahr dieselben Familien treffen. Die meisten Menschen können mit Kontinuität und Berechenbarkeit viel anfangen.

Die Ordnerdynastie

Wer beim CHIO Beispiele für Kontinuität und Berechenbarkeit sucht, wird trotz aller Veränderungen, die die Geschäfte des ALRV am Laufen halten, an vielen Orten fündig. Ob es der Platzwart ist, die Ansager, die Kartenkontrolleure, der ewig gleiche Abschied der Nationen, natürlich Willi Speck. Speck war Beamter wie so viele der älteren Ordner, seit er 22 ist, hilft er beim CHIO. Er hat das nie hinterfragt, schon sein Vater war Ordner beim CHIO, sein Sohn Günter ist seit 15 Jahren auch dabei. Die Specks sind so etwas wie eine Ordnerdynastie.

Am Wochenende war Willi Speck zum 50. Mal beim Reitturnier im Einsatz. 1967 fing er als Helfer im Parcours an, seit 1972 steht er vor der Haupttribüne. Jahr für Jahr hat er sich für die CHIO-Woche Urlaub genommen, seine Vorgesetzten haben immer mitgemacht. Natürlich denkt Speck gern an früher zurück, als das Turnier noch ruhiger war und die ganze Welt sich langsamer drehte. Aber er hat nie daran gedacht, nicht mehr Ordner zu sein. „Die Zeiten sind andere, auch der CHIO ist anders“, sagt Speck. „Aber es bleibt trotzdem der CHIO, verstehen Sie?“, sagt er und lächelt sein Willi-Speck-Lächeln, das seit 1967 Zehntausende CHIO-Besucher gesehen haben.

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