Region - Reiner Priggen: „Politik ist ein Triathlon. Und im Wasser sind Krokodile.“

Reiner Priggen: „Politik ist ein Triathlon. Und im Wasser sind Krokodile.“

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Reiner Priggen (Grüne) scheidet nach 25 Jahren politischer Aktivität im Landtag und für seine Partei aus der Landespolitik aus. Der 64-jährige gebürtige Niedersachse hat in Aachen Maschinenbau studiert und ist seit 1984 bei den Grünen. Seine politische Karriere begann er in der Kommunalpolitik im Kreis Lippe, während er noch acht Jahre als Diplom-Ingenieur tätig war. 1992 wurde er Mitarbeiter des Landtagsabgeordneten Gerhard Mai. Von 1994 bis 2000 war er Sprecher der NRW-Grünen. Als Mitglied im Koalitionsausschuss der rot-grünen Landesregierung von 1995 bis 2005 hat er drei Koalitionsverhandlungen intensiv begleitet. Seit 2000 ist er Landtagsmitglied. 2010 wurde er Fraktionsvorsitzender seiner Partei in Düsseldorf. Er lebt in Aachen. Foto: Andreas Steindl
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Gerd Hachen (CDU) war zwölf Jahre für die CDU im Landtag. Der 64-Jährige kam über eine Bürgerinitiative gegen Garzweiler in die Politik. Der promovierte Chemiker aus Erkelenz arbeitete 22 Jahre als Gymnasiallehrer. Er engagierte sich seit 2000 in der Kommunalpolitik des Kreises Heinsberg und tat das auch noch, als er 2005 erstmals in den Landtag gewählt worden ist. Seitdem hat er ununterbrochen ein Landtagsmandat innegehabt. Erst vor drei Jahren zog er sich aus der Kreispolitik zurück, jetzt auch aus der Landespolitik. Foto: Andreas Steindl
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Josef Wirtz (CDU) hat seit zwölf Jahren ein Landtagsmandat inne. Der 67-jährige Landwirtschaftsmeister engagierte sich seit 1972 ehrenamtlich in der Kommunalpolitik in Inden und für die CDU im Kreis Düren und dem Bezirk Aachen. Foto: Andreas Steindl

Region. Sie sind seit langem in der Politik, kennen im Landtag die Oppositions- und die Regierungsrolle – und verlassen nun mit der Landtagswahl im Mai das politische Geschäft und gehen in Rente: der Aachener Reiner Priggen (Grüne), der Erkelenzer Gerd Hachen (CDU) und der Jülicher Josef Wirtz (CDU). Im Gespräch mit unseren Redakteuren René Benden, Thorsten Pracht und Claudia Schweda erzählen sie, was sie erlebt haben und wie es ihnen mit ihrem Abschied geht.

Sie sind hörbar nicht mehr im Wahlkampfmodus – außer es geht um ihr Herzensanliegen: den Kampf gegen Garzweiler und für die Menschen, die dafür ihre Heimat verlieren.

Schwingt ein wenig Wehmut bei Ihrem politischen Abschied mit?

Wirtz: Ja. Bei mir ist die Politik schon eine gewisse Sucht. Die muss ich jetzt bekämpfen. Weihnachten habe ich von meinen Kindern private Visitenkarten bekommen. Sie wollten sicherstellen, dass ich auch wirklich nichts mehr im politischen Geschäft mache. Aber ich werde nächste Woche 67. Da war schon zu Beginn dieser Legislaturperiode klar, dass ich nicht noch einmal kandidieren würde. Wäre ich fünf Jahre jünger gewesen, wäre ich gerne noch mal angetreten.

Priggen: Bei mir nicht. Da bin ich als Ingenieur vielleicht zu pragmatisch. Ich wusste das lange und jetzt ist gut. Jetzt kann ich mir zum ersten Mal nach 17 Jahren einen eigenen Rechner holen und bin nicht mehr auf die Sicherheitsinstallation des Landtags angewiesen. Da ist die Landtagsverwaltung auch hart. Mit Ende des Mandats wird die E-Mail-Adresse abgegeben. Gibt auch keinen Nachsendeauftrag. Jetzt beginnt eine neue Zeit. Und das ist gut so.

Hachen: Mir geht‘s wie Reiner. Das ist eine Angelegenheit, mit der man sich tunlichst frühzeitig auseinandersetzen sollte. Man hat das gerne gemacht und würde sich bei vielen Dinge vielleicht gerne noch inhaltlich einmischen. Aber in der Abwägung aller Dinge ist bei mir keine Wehmut, sondern eher Aufbruchstimmung. Zum ersten Mal seit 30 Jahren hat man wieder Zeit, ist nicht mehr jeden Abend unterwegs und kann mit seiner Frau noch ein paar Jahre anders nutzen.

Sie haben alle vor Ihrer Politikerkarriere in einem anderen Beruf gearbeitet. Sie, Herr Wirtz, bis Sie 55 waren. Da waren Sie eine gestandene Persönlichkeit. Jetzt lassen Sie die Jungen ran. Können die das?

Hachen: Wir sollten uns hüten, Pauschalurteile abzugeben. Ich sehe die Gefahr, dass manche von der Schule in die Politik wollen und nur Parolen zum Besten geben, die sie sich angelesen haben. Auf der anderen Seite müssen junge Leute aber eine Chance haben. Was wir brauchen, ist eine gute Durchmischung. Im Moment sind wir in der Gefahr – auch aus anderen Gründen –, dass das Parlament ein Stück an Qualität verliert. Das ist mein Eindruck.

Was sind die anderen Gründe?

Hachen: Ich beobachte seit längerem, dass es Leute gibt, die sich zu allem und jedem produzieren müssen. An manchen Stellen schießt das etwas übers Ziel hinaus. Wir haben in fast allen Fraktionen mittlerweile Leute, die ich als Berufskrakeeler bezeichnen würde. Die sitzen da und haben nichts anderes im Kopf, als diejenigen, die gerade für ihre Fraktion eine Position darstellen, in ihrer Rede zu unterbrechen. Inhalte spielen keine Rolle mehr. Es geht nur noch darum, den anderen zu übertönen.

Priggen: Also Leute, die Sprüche klopfen, haben Sie in jeder Alterskohorte. Ich sehe mit Freude, dass welche nachkommen, die 30 oder 40 Jahre jünger sind und unglaubliche Qualität haben. Was mir ein Anliegen wär‘ ist, dass der Ruf, den Politik hat, besser wird. Der gesellschaftliche Status ist außerordentlich niedrig.

Wie deutlich spüren Sie den Vertrauensverlust politischer Gremien?

Priggen: Die Leute benehmen sich heute gegenüber uns Politikern, als ob sie jede Grenze verlieren. Ich habe manchmal Veranstaltungen, wo ich sage: „Wenn ich jetzt Arzt wäre, würden Sie sich das nicht erlauben mir gegenüber.“ Da müssen wir aber zusammen drauf aufpassen. Nichts dagegen, dass man bestimmte Vorgänge und Personen hart kritisiert. Aber es wird oft in beiläufigen Sätzen von „der“ Politik gesprochen und so getan, als sei sie eine Mischung aus Versagen und Korruption.

Wenn man das über lange Zeiträume macht, beschädigt man etwas, wofür man dankbar sein muss. Letztendlich ist unser politisches System immer noch das Beste, das wir uns vorstellen können. Bei allen Mängeln und bei aller Kritik. Politische Auseinandersetzungen waren auch früher lebendig und böse. Aber die Grundmelodie dabei, da müssen wir alle aufpassen.

Muss das System vielleicht wieder ein bisschen einfacher, nachvollziehbarer werden?

Priggen: Das Problem sind die Sachverhalte. Sie sind oft so komplex, dass Sie sie kaum vermitteln können. Mir hat mal einer von RTL gesagt: „Wir machen was über Garzweiler.“ Da hab ich gesagt: „Oh, klasse!“ Da sagt er: „Wir haben 30 Sekunden.“ Da hab‘ ich gesagt: „Da vertreibt RWE 8000 Leute und Ihr habt 30 Sekunden?“ Da guckt der mich an und sagt: „In 30 Sekunden verkaufen andere ein Auto.“ Da hat er mich gepackt, es komprimiert hinzubekommen. Aber das politische Geschäft ist schwieriger. Wie wollen Sie denn eine Rentenreform in 30 Sekunden ordentlich diskutieren?

Ist das die Ernüchterung in Ihrem Job?

Priggen: Nö, die Kunst ist am Ende die Übersetzung.

Hachen: Bei mir schon ein bisschen. Da bin ich ganz offen. Ich bin weit davon entfernt, nur enttäuscht zu sein. Man weiß ja, worauf man sich einlässt. Aber man läuft schon sehr oft mit dem Kopf gegen die Wand, auch parteiintern. Das hat schon mit einer gewissen Frustration zu tun. Man ist doch eigentlich in die Politik gegangen, weil man etwas bewirken will.

Was haben die neuen sozialen Medien verändert?

Priggen: 1995 in den Koalitionsverhandlungen war es noch so, dass den Ministern der SPD, die zu Hause kein Fax hatten, abends die erarbeiteten Papiere immer von Fahrern gebracht wurden. Heute erleben Sie während anstrengender Verhandlungen, dass die jungen Kollegen die ganze Zeit am Daddeln sind und einem schon 50 Reaktionen unter die Nase halten, die irgendwo auf irgendeine Position gepostet wurden, von der man noch gar nicht weiß, ob sie sich am Ende durchsetzt. Die erhalten im Sekundentakt Mails mit Forderungen, worauf sie sich auf keinen Fall einlassen sollen. Wir sind als Ältere da diesem Druck gegenüber vielleicht etwas resistenter.

Wie groß ist der Druck?

Priggen: Für die jungen Leute ist er immens. Wir haben gute junge Leute, die in einem Sachthema arbeiten, aber dieses Checken nicht lassen können und dann nervös werden statt konzentriert zu diskutieren. Soziale Medien haben ein positives Element in die Mobilisierung und Kommunikation gebracht. Moderne Kommunikationstechnik heute ist was Schönes, Kreatives, wenn man sich aus Bibliotheken auch alte Sachen schnell raussuchen kann.

Aber da, wo Beiträge in Sozialen Medien den Diskurs ersetzen, wo ich komplexe Sachverhalte mit Bewertungen auf 140 Zeichen reduziere, wo ich Shitstorms entfache, da ist das natürlich eine Katastrophe. Man muss sich die Räume schaffen, um komplexe Themen diskutieren zu können.

Wirtz: Da kann ich aus unserer Fraktion das Gleiche berichten. Aber die Jungen müssen lernen, dass es Situationen gibt, da müssen Dinge erst mal im Raum bleiben und dort diskutiert werden. Deswegen brauchen junge Leute an dieser Stelle ein Gerüst. Regeln, an die sie sich halten müssen.

Priggen: Bei der Konstituierung der Minderheitsregierung 2010 hatten wir bei uns in der Fraktion Diskussionen, ob aus den Sitzungen heraus getwittert werden darf. Da haben die Älteren den Jüngeren gesagt: Nein!

Wirtz: Ich greife lieber zum Telefonhörer oder fahre direkt zu den Leuten. Man muss aufpassen, dass das nicht verloren geht, der ganz normale Kontakt mit den Menschen.

Priggen: Als wir im Landeskabinett nachts die neue Garzweiler-II-Leitentscheidung klar hatten und klar war, dass Holzweiler bleiben kann, habe ich nachts um fünf Uhr alle, die ich kannte, und die dafür gekämpft hatten, angerufen, damit sie vor der Pressekonferenz am Morgen informiert waren. Denn nichts ist schlimmer, als wenn Leute, die im Thema arbeiten, aus dem Radio hören, was entschieden wurde. Am Ende ist der menschliche Kontakt entscheidend.

Gewöhnt man sich an Niederlagen?

Priggen: Man muss. Ich kann mich an eine Verhandlung zum Steinkohleausstieg erinnern mit SPD-Ministerpräsident Peer Steinbrück. Irgendwann Anfang der 2000er. Bärbel Höhn und ich hatten eine Absprache mit Steinbrück und Wirtschaftsminister Harald Schartau über die Finanzierung des Ausstiegs. Wir gehen auseinander und sagen, o.k., ich ruf‘ Grünen-Parteichef Jürgen Trittin an, Höhn ruft Joschka Fischer an, damals Bundestagsfraktionschef, und die SPD-Seite ruft Bundesfinanzminister Hans Eichel und den Kanzler Schröder an. Wir wollten klären, ob die Vereinbarung trägt.

Trittin, flappsig wie er immer ist, sagt: „Dann bezahlen wir das als Bund. Is‘ in Ordnung.“ Fischer stimmt auch zu. Die beiden Sozialdemokraten sagen das auch, kommen aber Wochen später aus Berlin zurück mit einem Beschluss, der Hunderte von Millionen Mehrkosten für NRW bedeutet hat – und Sie können nichts mehr verändern, weil es verkündet ist. Als Erfolg hatten wir die Schließung der Zeche Walsum. Aber man sitzt trotzdem da und denkt: Verdammt noch mal! Du musst mit einem Ministerpräsidenten alles auf einen Zettel schreiben und die Unterschrift drunterhaben! Ich könnte Ihnen von zwei, drei solchen Situationen erzählen. In so einem Moment müssen Sie mal einen Tag die Bücher zuklappen und mal raus. Aber es nützt alles nichts. Morgen geht es wieder weiter.

So wie vorher?

Priggen: Wir haben den Steinkohleausstieg hinbekommen. Die Schließung von Walsum war der Mauerfall. Damit wurde zum ersten Mal politisch ein Bergwerk geschlossen. Bei der Braunkohle ist das vergleichbar mit Holzweiler, dem Ort, der jetzt für Garzweiler II doch nicht abgebaggert wird. Auch mit der Braunkohle geht das Zug um Zug; dauert länger; sind viele Niederlagen drin; viele Köpfe, die man sich eingerannt hat. Es ist das zähe Geschäft in der Sache. Da braucht man Frustrationstoleranz.

Sie beschreiben Politik als Marathonlauf.

Priggen: Politik ist ein Triathlon. Und im Wasser lauern Krokodile.

Ist die Braunkohle mit dem Kampf der Menschen gegen einen Energieriesen rückblickend das Eindrücklichste in Ihrer politischen Zeit?

Hachen: Nein, das verkürzt die ganze Problematik. Es hat mich zwar immer sehr beschäftigt, weil ich aus der Bürgerinitiative in die Politik gekommen bin. Aber wenn man sich mit der Problematik Garzweiler beschäftigt, geht das deutlich weiter. Es geht ja auch um einen Ausgleich mit wirtschaftlichen Interessen, um die Klimaproblematik oder die Folgeprobleme und die Frage, ob es in Zukunft noch denjenigen gibt, der für das ein oder andere finanziell eintreten kann.

Priggen: Ich seh‘ das natürlich deutlich krasser. Für mich war das das härteste Thema, weil wir von Menschen verlangen, dass sie ihr Zuhause aufgeben dafür, dass Strom gewonnen wird. Beispiel Eggerather Hof. Ein Hof vor Holzweiler, der seit 300 Jahren von einer Familie bewirtschaftet wird. Und der muss jetzt noch abgerissen werden? Für einen Konzern, von dem wir nicht wissen, ob er am Ende seine Rechnungen alle bezahlen kann? Ich halte das für absurd. Aber Politik ist eine Frage der Zähigkeit: Was kriegen Sie Meter für Meter hin?

Erzählen Sie von einem Stolperstein.

Priggen: Ich kann mich an Koalitionsverhandlungen 1995 erinnern mit Johannes Rau und Wolfgang Clement. Unser Ziel war, in Garzweiler nur das erste Drittel auszukohlen. Auf Geheiß von Rau ist Clement mit diesem Vorschlag zu RWE gefahren, aber parallel ist Klaus Matthiesen – der auch Rau-Nachfolger werden wollte – aus unseren Verhandlungen raus ans Kraftwerk gefahren und hat 10000 Braunköhler auf die Straße gebracht. Und dann war nichts mehr zu machen! Wenn Sie sich nur mal an den Parteitag der SPD in Hagen zu dieser ersten rot-grünen Koalition erinnern. Oben steht Johannes Rau am Geländer, der Landesvater. Draußen steht die SPD-Kerntruppe von der IG BCE, Tausende von Bergleuten, und die schreien „Judas! Judas!“.

Stellen Sie sich vor, was das für Sozialdemokraten nach drei Mal absoluter Mehrheit bedeutet hat. Das war eine harte Auseinandersetzung. Wir Grüne haben damals heulend in der Landesvertretung auf der Wiese gestanden. Wir kriegten es einfach nicht hin! Aber Sie können ja die Koalitionsverhandlungen nicht nur an einem Punkt scheitern lassen. Klar hatten wir einen stärkeren Stand als diejenigen, die hier aus der Region kamen. Und Garzweiler war auch das Thema. Aber Sie können eben nicht sagen: Dafür lassen wir es jetzt knallen. Sie sind in einer Gesamtpartei, und die hat viele Interessen.

Hachen: Das sind die Zwänge, in denen man dann steckt.

Wirtz: Der Reiner hat die Situation von vor 20 Jahren beschrieben. Und heute stellen wir leider fest, dass die führenden Unternehmensvertreter von RWE so tun, als wenn sie noch eine jahrzehntelange Zukunft hätten. Ich geh‘ fest davon aus, dass die Kohleförderung ein Auslaufmodell ist. Bei der Steinkohle ist das geregelt. Nächstes Jahr wird die letzte Zeche geschlossen. Aber auch die Braunkohleförderung ist endlich und nicht unendlich. Trotzdem treten die RWE-Leute nach wie vor so auf, als wären sie ein gemeinnütziges Unternehmen. Also die Gemeinnützigkeit haben die noch nicht! Aber die politischen Auffassungen darüber, wann die Braunkohleverstromung zu Ende gehen soll, differieren dann doch.

Ich vertrete da eine etwas andere Meinung als Reiner Priggen. Auch wenn wir durch den Ausbau der regenerativen Energien weniger Braunkohle brauchen, dann würde ich ungern auf die Lagerstätten verzichten. Vielleicht ist die künftige Generation uns mal dankbar, dass wir ihnen nicht alles verbrannt haben. Aber was die Tagebaufolgelandschaft betrifft, dürfen wir das Unternehmen RWE als Verursacher nicht aus der Verantwortung entlassen. Da müssen sie mit zur Kasse gebeten werden.

Priggen: Ich denke, wir sind uns auch in einem anderen Punkt einig: In der Steinkohle ist das, was an Nachfolgeproblemen kommt, sauber geregelt. Da gibt es mit der Stiftung jemanden, der das Geld zur Verfügung stellt. Bei Schäden ist klar, an wen rangegangen wird. Ist die Stiftung pleite, dann tritt der Bund mit 30 Prozent und das Land mit 70 Prozent ein. Das gibt es bei der Braunkohle alles nicht. RWE bestreitet Ewigkeitslasten in der Erftaue. RWE kann uns nicht transparent machen, was es kostet, wenn in den Garzweiler-See von 2040 bis 2100 Rheinwasser reingepumpt werden muss, Maas-Schwalm-Nette bewässert werden muss und das Grundwasser, das von unten wieder hochkommt, möglicherweise durch die Kippen versauert ist. Das wissen wir nicht. Wir haben es auch nicht untersucht bis jetzt. Das alles sind Aufgaben für die Generation, die nach uns kommt.

Hachen: Beispiel Restseen: RWE ist nur dafür zuständig, sie in einem Erst-Zustand herzustellen. Am Blausteinsee erleben wir aber, dass das Ding – anders als vorgesehen - nicht ganz dicht ist. Jetzt ist die Kommune dafür zuständig, den See immer wieder zu füllen. RWE ist derzeit noch so großzügig und liefert Ersatzwasser. Aber es ist nicht vom Eisen befreit. Deswegen hat man die schönen braunen Flöckchen im See. Ein Problem zieht das andere nach sich. Reiner hat vollkommen Recht: Die Frage der Ewigkeitslasten ist völlig ungeklärt.

Wirtz: Wir werden RWE noch viele Jahre auf die Finger gucken müssen. Und die dürfen Sie auch nicht von der Leine lassen. Die hauen Ihnen ab. Da ist noch einiges zu tun!

Wie würden Sie den Zustand der Region derzeit beschreiben?

Priggen: Aachen steht sehr gut da! Wir müssen alle mal eins aus den Köpfen kriegen: Diese Region ist keine Braunkohleregion im Strukturwandel, die auch nur ansatzweise mit dem Ruhrgebiet vergleichbar ist. Wir werden nicht dominiert von der Braunkohle. Wir reden 2020 noch über 7000 Beschäftigte im Rheinischen Revier. Da sagen die RAG-Leute: „Das sind zweieinhalb Zechen.

Das machen wir in zwei Jahren. Sozialverträglich. Was regt Ihr Euch auf?“ Auch wir Grüne sind doch nüchtern genug, um zu wissen, dass die drei neuen Kraftwerksblöcke noch 20 Jahre laufen. In der Zeit gehen von den 7000 Leuten innerhalb von 15 Jahren 60 Prozent ganz normal in Rente. Der Rest von NRW amüsiert sich doch über uns, wenn wir ständig dieses Lied von der vom Strukturwandel gebeutelten Region singen und ähnlich wie das Ruhrgebiet die Hände aufhalten. Ich fände es besser, wir würden uns nicht runtermachen, sondern sagen: Das ist die stärkste Wissenschaftsregion mit zwei Exzellenzuniversitäten!

Hachen: Ich will gar nicht widersprechen. Man muss sich aber über Unterstützung unterhalten dürfen. Wir dürfen nicht so tun, als wenn schon alles Wesentliche geregelt wäre. Ich bin auch der Meinung, dass wir gut aufgestellt sind als Wissenschaftsregion. Aber das verkürzt die Möglichkeiten, die wir in der Region haben, deutlich. Alles nur als Wissenschaftsstandort darzustellen, würde die Region auf Aachen und Jülich reduzieren. Wir haben auch die Kreise Heinsberg, Euskirchen und Düren. Daraus muss insgesamt etwas Tragfähiges entstehen. Wir sind geprägt vom Mittelstand.Priggen: Wir hätten also den Konsens, dass die Fördermittel nur an den Mittelstand gehen sollten.

Wirtz: Das Forschungszentrum ist ein gutes Beispiel. Als ich 2005 in den Landtag kam, hatte das Forschungszentrum 4000 Mitarbeiter. Heute kratzen die an den 6000. Also: Innerhalb von zwölf Jahren hat man da 1800 Arbeitsplätze geschaffen. Das Forschungszentrum ist der größte Arbeitgeber im Kreis Düren. Der Prozess, Arbeitsplätze, die verloren gehen, durch andere ersetzen zu können, wird uns und die Jungen noch viele Jahre begleiten. Der ist nicht übermorgen zu Ende.

Priggen: Zu beobachten ist, dass die positive Entwicklung sehr stark durch die Ausgründungen aus dem Hochschulbereich vorangetrieben wird. Da wird Aachen von außen als klein und fein wahrgenommen. Wenn wir immer nur so tun, als wären wir so gebeutelt wie das Ruhrgebiet zu seiner schlimmsten Zeit, vermarkten wir die Region falsch. Immerhin laufen die beiden spannendsten Projekte in der deutschen Autoindustrie – Streetscooter und „e.Go“ – in Aachen.

Wie steht es denn aus Ihrer Sicht um die vielbeschworene Solidarität in der Region?

Hachen: Nach meiner Erfahrung ist das eine schöne Vokabel.

Wirtz: Es gibt schon parteiübergreifende Initiativen, Gerd. Der Lückenschluss bei der Bahn von Baal nach Linnich ist ein Beispiel. Jeder Kandidat der unterschiedlichsten Parteien aus unserer Region hat sich für diesen Lückenschluss eingesetzt, damit der Nordkreis Düren auch Richtung Aachen und Mönchengladbach besser angebunden wird. Aber man muss halt feststellen, dass es in der großen Linie der Regierungs- und Oppositionsfraktionen im Landesparlament anders gesehen wird.

Priggen: Auf Landesebene gibt es in der Regierungsarbeit immer einen Wettbewerb. Die Frage ist permanent: Geht Geld zum Beispiel für Forschungseinrichtungen nach Aachen/Jülich? Oder ist jeder Euro besser angelegt, wenn er im Ruhrgebiet investiert wird? Da erleben Sie dann schon, dass die Region gut aufgestellt ist und zusammen kämpft.

Wird unsere Region aus Düsseldorf als Provinz wahrgenommen?

Priggen: Ich sag mal so: Das hängt von den Parteien ab. Die Sozialdemokraten holen alle Wahlkreise bis auf einen zwischen Hamm und Dortmund direkt, alle! Wenn von den 99 SPD-Abgeordneten also über die Hälfte von dort kommt, ist doch klar, dass die ein starkes Gewicht haben. Die Frage ist, wie positioniert sich der Rest. Die Münsterländer haben sich irgendwann überlegt, die fangen jetzt auch das Jammern an wie die im Ruhrgebiet. Aber irgendwie zieht das bei den Münsterländern nicht so richtig, weil die in einigen Regionen Vollbeschäftigung haben. Die Münsterländer sind sich auch nicht einig. Aachen hat dagegen einen exzellenten Ruf im ganzen Land. Über die Hälfte der Vorstände der Dax-Unternehmen hat an der RWTH studiert.

Wie steht es mit dem Rest der Region?

Priggen: Ich meine den gesamten Raum. Das ist aber auch klar, wenn man ein bisschen vernünftig ist und den Kirchturm mal außen vor lässt. Sie können nicht nur mit einer Stadt von 250000 Einwohnern eine Perspektive entwickeln. In Aachen ist doch nicht für alles Platz. Die Frage ist zum Beispiel, wo kommen die Fabriken hin, die den Streetscooter und das Stadtauto „e.Go“ hunderttausendfach bauen? Wir haben jetzt die Chance, einem Unternehmen hier in der Region eine Fläche zu bieten. Da müssen Sie als Stadt Aachen automatisch die Städteregion, Heinsberg und Düren mit reinnehmen und gemeinsam auftreten. Alles andere wäre eine unvernünftige Politik.

Das sieht Heinsberg offensichtlich anders, wie der Agit-Austritt zeigt.

Hachen: Das, was wir alle wollen und brauchen, ist ein funktionierendes Miteinander. Jedem muss klar sein, dass Heinsberg nicht die Bedeutung hat wie die Stadt Aachen. Aber dass die notwendige Einsicht an allen Ecken und Enden immer wieder an seine Grenzen stößt, ist mit dem Agit-Austritt sehr deutlich geworden. Es ist ja nicht umsonst so, dass die Heinsberger jetzt das tatsächlich konsequent umsetzen, was viele auch außerhalb Heinsbergs denken. Die Randregionen bemängeln seit Jahren ein Defizit mit Blick auf Aachen: Es gibt keinen Grund für diejenigen, die in Aachen Politik machen, auf die anderen runterzugucken. Die Aachener sollten durchaus auch hin und wieder deutlich machen, dass sie das nicht tun. Das wäre schon hilfreich.

Wirtz: Und wir sollten ehrlich sein. Innerhalb der Aachener Region kommt es schon zu Konkurrenzen. Wir hatten 2008 beispielsweise die Euregionale. Was meinen Sie, wie froh wir Dürener und auch die Eschweiler waren, als das Bauhaus in Aachen gescheitert ist? Da wär‘ ja der größte Batzen Förderung hingegangen! Aber so wurden auf einmal 30 Millionen Euro frei. Davon haben wir den Indemann gebaut, in Eschweiler die Seebühne, in Jülich das Science College und das Jugendgästehaus. Wenn ich ehrlich bin, haben wir uns darüber schon ein bisschen gefreut. Generell kann ich nicht sagen, dass unsere Region in Düsseldorf als Provinz wahrgenommen wird. Die Aachener Region ist immer gut behandelt worden von den unterschiedlichsten Regierungen.

Aus der Provinz zu kommen, ist neuerdings ja auch wieder schick.

Wirtz: Sie meinen Würselen (lacht). Aber wir wollten hier doch keinen Wahlkampf machen!

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