Reina Blikslager: Chefin im Männerknast mit „schweren Jungs”

Von: Elke Silberer, dpa
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Die Direktorin der JVA Aachen, Reina Blikslager, sitzt am Freitag an ihrem Schreibtisch in der Justizvollzugsanstalt in Aachen. Die 56-Jährige ist seit Freitag neue Chefin der Justizvollzugsanstalt (JVA) Aachen. Foto: dpa

Aachen. Reina Blikslager arbeitet schon so lange hinter Gittern, dass sie die weiß lackierten Streben hinter den Fenstern gar nicht mehr wahrnimmt. Trotz der langen Erfahrung ist der neue Job selbst für sie eine Herausforderung. Die 56-jährige zierliche Frau ist seit Freitag neue Chefin der Justizvollzugsanstalt (JVA) Aachen.

Für sie ist es nichts Besonderes, dass eine Frau auf dem Chefsessel eines Männerknasts sitzt. Das war auch in Dortmund bei ihrem vorherigen Job nicht anders.

Aber anders als in Dortmund sitzen in Aachen ausschließlich die dicken Kaliber ein, 800 Schwerverbrecher mit lebenslangen Haftstrafen oder Sicherungsverwahrung.

Die Hemmschwellen für Flucht oder Geiselnahme sind niedriger als in Gefängnissen mit kurzen Haftstrafen. Sensible Antennen sind gefragt. „Man muss hier nah am Menschen dran sein. Wer nichts zu verlieren hat, kann auf Gedanken kommen”, sagt Blikslager.

Im November hat sie das schlichte Büro ihres Vorgängers im oberen Stock bezogen. Die Möbel hat sie behalten, „die sind ja noch gut”.

Vom Schreibtisch aus blickt sie auf die Porträts zweier Mädchen. Kunstdrucke in Brauntönen, die sie aus Dortmund mitgebracht hat. „Die Mädchen sehen so friedlich aus.”

Über die beiden moppeligen Schwimmerinnen auf den Bildern daneben grinst sie. Blikslager stammt aus Ostfriesland, ist aber schon länger als ein halbes Leben in Nordrhein-Westfalen.

In ihrer Schreibtischschublade liegt keine Waffe. Der Gedanke ist für die zurückhaltende Frau so abwegig, dass sie bei der Frage danach in spontanes, unbefangenes Lachen ausbricht.

Die Zwischentüren zu ihrem Büro in der obersten Etage sind beruhigend schwer, die Spezialschlüssel dazu groß. Und Gespräche mit Häftlingen finden nicht in ihrem Büro statt, sondern im Haftbereich und dann auch in sicherer Begleitung.

Es sind oft die gleichen Anliegen, die die Häftlinge in diesen persönlichen Gesprächen haben: Beschwerden, Haftlockerung, Urlaub. Dass eine Frau über ihre Anliegen entscheidet, damit hätten die Männer kein Problem, sagt Blikslager.

Beim Gespräch trägt sie zwar einen Hosenanzug, geht aber auch gern mit Rock ins Büro. „Ich glaube, im Wesentlichen sehen die Männer in mir nicht die Frau, sondern das Amt”, gibt sie sich keinen Illusionen hin.

Die Anstaltsleiterin macht nicht viele Worte, aber zu denen will sie stehen. „Ich bemühe mich, berechenbar zu sein. Ich halte nichts davon, den Gefangenen etwas vorzumachen, Urlaube zu versprechen, sie hinzuhalten.”

Dass sie sich damit im ersten Moment nicht beliebt macht, ist ihr klar - aber das erwartet sie auch nicht. „Man kann nicht erwarten, dass einen die Menschen, die man einsperrt, gerne haben.”

Das Arbeitsleben hinter Gittern belastet anders als im normalen Leben. „Da schwappt im Laufe eines Berufslebens viel Elend über die Schreibtische”, bekennt die Mutter von zwei erwachsenen Kindern.

Jeder Häftling habe die Möglichkeit, wieder in Freiheit zu kommen. Gefangene müssten sich aber auf Behandlungsprozesse einlassen. Die Anstalt bietet unter anderem Sozial- und Psychotherapie, Arbeitstherapie und Wohngruppen an.

Den Erfolg der Häftlinge in diesem Prozess macht sie zum Maßstab ihres persönlichen Erfolgs: nämlich die Zahl der Häftlinge, die unter ihrer Leitung in den offenen Vollzug gehen und wie viele eine Haftlockerung bekommen.
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