Aachen - Reenactment: Die Vergangenheit hautnah nachempfinden

Reenactment: Die Vergangenheit hautnah nachempfinden

Von: Annika Kasties
Letzte Aktualisierung:
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Geschichte hautnah erleben: Reenactment geht über eine Faszination fürs Vergangene hinaus. Männer und Frauen, die sich diesem Hobby verschrieben haben, wollen nicht nur Bücher wälzen, sondern nachempfinden, wie Menschen früher gelebt haben. Foto: stock/imagebroker

Aachen. Es sind zwei silberne Metallspitzen, die in Tom Lehmann die Begeisterung eines kleinen Jungen hervorrufen. Die verzierten Hülsen – genauer gesagt: Nestelspitzen – sind ein verspätetes Geburtstagsgeschenk. Und ein Relikt aus einer 600 Jahre zurückliegenden Zeit.

Nestelspitzen wurden im Mittelalter benutzt, um Kleidung zu verschließen oder in Position zu halten, Gummizüge gab es schließlich noch nicht. Ein breites Grinsen ist auf dem bärtigem Gesicht des Aacheners zu sehen. Im Hintergrund läuft Metalmusik, ein Tattoo schlängelt sich an seiner rechten Wade hoch – und Tom freut sich über Nähzeug.

Dass er sich jemals für den Herstellungsprozess von Kleidung begeistern könnte, hätte der 37-Jährige nie gedacht. Er muss ein wenig über sich selbst schmunzeln. Sechs Stunden lang habe er neulich eine Tasche genäht – auf der Bettkante sitzend, mit dem Rücken zum Fernseher. „Das ist schon ein bisschen bescheuert“, gesteht Tom und lacht laut auf.

Für aktuelle Mode-Trends interessiert sich der Architekt dabei herzlich wenig. Doch über den Kleidungsstil im frühen 15. Jahrhundert könnte er stundenlang reden. Tom hat sich in seiner Freizeit dem Reenactment – zu deutsch: der Nachstellung – des Spätmittelalters verschrieben.

Wenn von der Mittelalterszene die Rede ist, denken viele an Männer in Rüstungen, Mittelaltermärkte und Trinkhörner. Dabei ist die Szene deutlich komplexer. Im Reenactment, dem Nachspielen historischer Ereignisse, besteht ein hoher Anspruch an Authentizität.

Reenactor-Darsteller versuchen, einen bestimmten Zeitpunkt der Geschichte für kurze Zeit so authentisch wie möglich darzustellen, seien es historische Ereignisse oder Alltagssituationen. Und dafür müssen nun mal auch gestandene Männer zur Nähnadel greifen und ihre Kleidung selbst herstellen.

Die Faszination Reenactment packte Tom vor 15 Jahren, ernsthaft betreibt er es jedoch erst seit 2013. Bislang hatte sich Tom als Einstiegsprojekt auf die Oberschicht-Darstellung aus dem Raum Aachen/Köln um 1420 spezialisiert. Mittlerweile stehen bei ihm die Landsknechte um 1500 hoch im Kurs.

Dass Tom demnächst auch in pludrigen Ärmeln und bunten Kniestrümpfen zu sehen sein wird, haben seine Freunde Tanja und Mirko Mecke zu verantworten. Das Ehepaar aus Düren hat sich auf die Darstellung der Landsknechte des ausgehenden Spätmittelalters beziehungsweise der Renaissance spezialisiert – und für „ihre“ Zeit ordentlich Werbung gemacht.

Im Vergleich zu Tom ist Mirko auf dem Gebiet des Reenactments schon ein alter Hase. Die Begeisterung für das Mittelalter packte ihn mit 14 Jahren – und lässt ihn seit zwei Jahrzehnten nicht los. Sein erstes „historisches“ Outfit hat er noch gut vor Augen. „Ein grünes Hemd von C&A, eine braune Hose, Springerstiefel und ein riesiges Schwert“, sagt er und grinst. Historisch authentisch? Fehlanzeige. Doch jeder fängt mal klein an.

Mittlerweile weiß Mirko: Erst kommt die Recherche, dann die Ausrüstung. Im Reenactment legen sich Hobby-Historiker zunächst auf einen bestimmten Personenstand in einer bestimmten Zeit fest – und wälzen dann die Bücher und das Internet. Wie haben die Menschen gelebt? Wie waren sie gekleidet? Welche Alltagsgegenstände oder Waffen führten sie bei sich?

Der wichtigste Ratschlag eines Reenactors lautet: Vergiss alles, was du in Filmen gesehen hast. „Es gibt viel Mist, der als Mittelalter verkauft wird“, betont Tom. Ein Beispiel seien die auf Mittelaltermärkten beliebten Trinkhörner. Kaum eine Veranstaltung finde ohne die obligatorischen Trinkgefäße statt. Dabei war das Horn niemals alltägliches Trinkgefäß, „denn schon die Römer hatten Gläser. Warum sollte man also ein Trinkhorn nehmen, das man nicht einmal hinstellen kann?“, klärt Tom auf.

Der wissenschaftliche Anspruch ist Reenactors wichtig. „Wir machen in unserer Freizeit das, was andere in ihrem Geschichtsstudium machen – nur, dass wir keine Scheine dafür kriegen“, stellt Tanja heraus. Tatsächlich wüssten Reenactors über ihr Spezialgebiet oft besser Bescheid als so mancher Historiker oder Museumsmitarbeiter. Aus Toms privater Recherche zu einem Rüstungsteil ist mittlerweile eine 250 Seiten umfassende Dokumentation geworden, die er kommendes Jahr vermutlich sogar veröffentlichen wird.

Ist die Recherche geklärt, geht es ans Eingemachte. Reenactors versuchen ihre Darstellung so historisch korrekt wie möglich zu gestalten. Ein Großteil der Ausrüstung ist daher Handarbeit. Es gilt: je näher an musealen Belegen, desto besser – wobei Abstufungen die Regel bilden. Toms erste Zivilkleidung sei beispielsweise noch nicht nach genauen zeitlichen Belegen gefertigt, maschinell genäht und chemisch gefärbt gewesen. Für viele Reenactors ist dies ein Fauxpas.

Tanjas und Mirkos Darstellungen bewegen sich mittlerweile auf einem solchen Niveau, dass sie auch zu Museumsveranstaltungen eingeladen werden. Auf diesen und ähnlichen Events bauen Reenactor-Gruppen ihre Lager auf und leben für einen begrenzten Zeitraum wie ihre Vorfahren. Sprich: kochen am offenen Feuer, schlafen in Zelten. Im Rückblick auf die Vergangenheit verschwimmen auch die Grenzen zwischen sozialen Schichten. „Dann sitzen ein Professor und ein Maurer am Lager und diskutieren über Helme“, sagt Mirko.

Wenn mehrere Reenactors zusammensitzen und erzählen, dauert es nicht lange, bis die Anekdoten aus ihnen nur so heraussprudeln. Damals, als Anja mit ihren glatten Lederschuhen „in die Schlacht zog“ und sofort im Matsch ausrutschte. Oder als Tom mit Freunden auf dem Weg zu einem Turnier für eine Routinekontrolle von der Polizei angehalten wurde – mit einem Anhänger voller Äxte und Schwerter. „Man macht sich plötzlich über die seltsamsten Dinge Gedanken“, sagt Mirko. Darf man etwa mit einer stumpfen Replik eines 30 Zentimeter langen Messers eine historische Wanderung von Burg zu Burg veranstalten?

Für manche Menschen mögen solche Überlegungen banal sein, im Reenactment gehören sie zum Alltag. Das Hobby geht über eine Faszination fürs Vergangene hinaus. Reenactors wollen Geschichte erleben. „Für mich ist es eine Möglichkeit abzuschalten, mich der Geschichte – entdeckend und unbefangen wie ein Kind – zu nähern und nachzuempfinden, wie die Menschen früher gelebt haben“, beschreibt Tanja. Geschichte werde so ganz anders nahegebracht, als dies früher im Schulunterricht möglich gewesen sei.

Die Vorteile der Moderne will sie natürlich trotzdem nicht missen. „Es kommt immer wieder vor, dass wir auf Events gefragt werden, ob wir das ganze Jahr über in Zelten leben oder ob das Feuer und der darüber köchelnde Eintopf echt sei“, erzählt die Heilerziehungspflegerin, in ihrer Stimme schwingt Unverständnis mit. Dabei sei Reenactment auch nur ein Hobby wie jedes andere. Eins mit Nestelspitzen, pludrigen Ärmeln und Schwertern eben.

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