Hamburg/Aachen - Reemtsma-Lösegeld: Viele Spuren führen nach Aachen

Reemtsma-Lösegeld: Viele Spuren führen nach Aachen

Von: Wolfgang Schumacher und Eckart Gienke
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Befand sich 1996 einen Monat in der Gewalt der Entführer und wurde für zig Millionen freigelassen: Jan Philipp Reemtsma.
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Fahrt in die Freiheit: Der Reemtsma-Entführer Thomas Drach hat gestern im Auto seines Anwalts das Gefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel verlassen. Mehr als 15 Jahre hat er in Haft verbracht. Foto: dpa

Hamburg/Aachen. In der Dunkelheit, morgens um halb sieben, öffnet sich für Reemtsma-Entführer Thomas Drach nach mehr als 15 Jahren das Tor in die Freiheit. Sein Anwalt holt ihn mit dem Auto aus dem Hamburger Gefängnis Fuhlsbüttel ab. Doch mit Drachs Entlassung am Montag ist die Geschichte um Verbrechen, Gier und Geld noch nicht zu Ende.

Von dem Lösegeld von umgerechnet rund 15 Millionen Euro, das er und seine Komplizen 1996 von der Familie des entführten Unternehmenserben Jan Philipp Reemtsma erpressten, sollen noch mindestens 8 Millionen Schweizer Franken (6,5 Millionen Euro) vorhanden sein. Dafür interessieren sich staatliche Ermittler, Privatdetektive im Auftrag des Opfers - und vermutlich Kriminelle.

Der notorische Schwerverbrecher Drach gilt in Polizei- und Sicherheitskreisen auch weiterhin als brandgefährlich. Fast die Hälfte seines Lebens hat er im Gefängnis verbracht, alle Angebote zur Resozialisierung ausgeschlagen. Stattdessen kultivierte er in der Öffentlichkeit immer wieder die Pose des Gesetzlosen.

„Das haben Sie in 15 Jahren nicht erfahren, und das werden Sie auch heute nicht erfahren“, sagte er zum Beispiel 2011, als er wegen Drohungen gegen seinen Bruder nochmals vor Gericht stand und nach dem Lösegeld gefragt wurde. Die Brüder sind verfeindet. „Ich traue der Ratte nicht“, schrieb Thomas Drach einst in einem Brief. „Der soll auf keinen Fall noch mal auf meine Kosten leben.“

Nach Einschätzung der Ermittler ist Drach der Meinung, das Lösegeld stehe ihm durch die lange Haft quasi zu. „Es ist ein störender Gedanke, dass er möglicherweise von dem Geld, was er auf die Seite gebracht hatte, sich ein gutes Leben machen kann“, sagte sein Opfer Reemtsma vor einigen Tagen im Radiosender NDR Info. „Solche Verbrechen sollten keine Erfolge sein.“

Der heute 60-jährige Sozialforscher und Autor hat bei der Suche nach dem Geld eine private Sicherheitsfirma eingeschaltet, weiß aber auch nicht, ob noch etwas da ist. „Er hat ja irgendwelche Kumpane, die möglicherweise das Geld längst durchgebracht haben.“

Diese Helfer hatte der aus Erftstadt stammende Entführer, der sich oft und selbstverliebt als „Superhirn“ titulieren ließ, vor allem in der Region Aachen. Hier fand man bereits 2001 – Thomas Drach hatte da gerade vierzehneinhalb Jahre Haft kassiert – zuerst etwa 700.000 Dollar aus der Geldsumme, die die Entführer 1996 aus der Reemtsma-Familie herausgepresst hatten.

Der Geldfund ergab sich aus dem unglaublich klingenden Geständnis eines völlig unauffällig inmitten von Aachen praktizierenden Physiotherapeuten. Der 33-Jährige, der damals in einer Villa im belgischen Moresnet lebte und dessen Identität heute geheim ist, sollte in zwei Autofahrten die sechs Millionen Schweizer Franken nach Ma­drid bringen.

Bis dahin hatte Drachs alter Kumpan und neuer „Herr über die Moneten“, der im niederländischen Vaals bei Aachen lebende Bernd Dieter K., das Geld verwaltet. Er benutzte es für Haftvergünstigungen und für die strafrechtliche Betreuung des in Buenos Aires in Auslieferungshaft einsitzenden Entführers.

Als Drach im Juli 2000 nach Deutschland ausgeliefert wurde, kam im wahrsten Sinne des Wortes Bewegung in die Lösegeld-Lage, ein Teil der Millionen wurde über die Autobahn Richtung Spanien transportiert. Doch kurz nach der letzten Fahrt Mitte 2000 bekam der Kurier die Order, das Geld wieder nach Aachen zurückzubringen. Hier hortete der Physiotherapeut in seiner damaligen Praxis die Millionen, die dann später der jüngere Bruder des Entführers nach Lüttich brachte. Dort verliert sich bis heute die Spur der Schweizer Franken.

Die bereits gewaschenen US-Dollar blieben hingegen in der Region. Der Physiotherapeut zweigte 100.000 Dollar für private Zwecke ab, seine Praxis war verschuldet. Das hätte er nicht tun sollen. Denn Bernd Dieter K. und sein in Belgien lebender älterer Bruder machten dem Gelegenheitsdieb klar, dass sie das Geld, jeden Dollar, zurückhaben wollten.

Da besorgte sich der Physiotherapeut eine Pumpgun und überredete einen seiner Freunde, bei der angesetzten Rückgabe des Geldes auf die anderen zu schießen, damit es wie ein Raubüberfall aussehe. Der Mann schoss auch, aber nur auf den Therapeuten – und stellte sich danach der Polizei. Der Therapeut wurde verletzt festgenommen – und erzählte die ganze Räuberpistole. Daraufhin ließ die Staatsanwaltschaft noch im Jahr 2000 verschiedene Grundstücke im Umfeld der Brüder K. umgraben, das Geld blieb bis auf 700.000 Dollar verschollen. Sogar Drachs Aachener Anwalt geriet im Gefolge der Suche ins Visier der Behörden.

Die Reemtsma-Millionen forderten immer wieder Opfer. Der jüngere Bruder Drachs musste zwei Mal vor eine Strafkammer. 2004 verurteilte ihn das Landgericht Aachen zu fünf Jahren wegen Geldwäsche, zu wenig für die Staatsanwälte. In einem zweiten Verfahren erhielt er 2006 sechseinhalb Jahre wegen bandenmäßiger Geldwäsche für den Bruder. Bernd K. kam 2008 dran: Ihn verknackte ein Aachener Gericht zu sechs Jahren Haft – von den Millionen fehlt bislang jede Spur.

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