Rechtsmedizin: Neue Gesichter für tote Menschen

Von: Christopher Gerards
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Wenn man die Rechtsmedizinerin Constanze Niess fragt, wie genau sie ihre Arbeit bezeichnen würde, dann sagt sie: „Eine Kombination aus Wissenschaft und Kunst“. In Bonn hat sie gerade erklärt, wie man Toten ohne Gesicht wieder eines geben kann. Foto: dpa
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Rekonstruiert: Die von Constanze Niess erstellte Büste der 1908 selig gesprochenen Mystikerin Christina von Stommeln, die im Museum Zitadelle Jülich ausgestellt ist. Foto: dpa

Bonn. Als der verbrannte Mann bei Constanze Niess auf dem Seziertisch lag, war er kaum mehr zu erkennen. Neben einer brennenden Hütte war er gefunden worden, Wunden am Körper, das Gesicht aufgedunsen, selbst eine Tätowierung half nichts, keiner konnte den Mann mehr identifizieren.

Jemand sagte: „Mensch, wir könnten doch mal das Gesicht rekonstruieren“, und so hat es Constanze Niess dann auch getan. 2002 ist das gewesen.

Von dem Fall hat sie kürzlich in Bonn erzählt, im Museum des Landschaftsverbandes Rheinland, dort hat sie einen Vortrag gehalten: „Von Angesicht zu Angesicht mit den Eiszeitjägern“. Denn dass Niess die Gesichter von Toten rekonstruiert, bedeutet nicht nur, dass sie Brand- oder Mordopfern ein Gesicht gibt. Niess arbeitet auch mit den Schädeln historischer Personen. In Jülich hat sie vor zweieinhalb Jahren der Mystikerin Christina von Stommeln ein Gesicht gegeben, im Museum in Bonn stehen jetzt die Köpfe zweier Menschen, die in Oberkassel gelebt haben, vor gut 14.000 Jahren. Wie Constanze Niess das alles macht, das hat sie bei ihrem Vortrag mal erzählt.

Der „Eiszeit-Bruce-Willis“

Constanze Niess, geboren 1967, hat in Marburg Medizin studiert, Promotion 1996, im selben Jahr hat sie in der Rechtsmedizin in Frankfurt begonnen. Spezialistin im Rekonstruieren von Gesichtern ist sie seit 2001, die Arbeit nennt Niess: „Eine Kombination aus Wissenschaft und Kunst.“

Es gibt ein paar Methoden, von einem Schädelknochen zu einem Gesicht zu kommen, Niess arbeitet mit Knete und zwar auf eine Weise, über die sich vermutlich eine wissenschaftliche Abhandlung schreiben ließe.

Grob gesagt: Vieles hängt mit vielem zusammen. Der Schädelknochen mit der Position der Augen, die Breite des Mundes mit den Zähnen, die Lippen mit der Höhe der Zahnkronen, unter anderem. Die Nase, sagt Niess, ist am kompliziertesten, und „über die Ohren wissen wir am wenigsten“ – aber zum Beispiel doch, dass 70 Prozent der Ohrläppchen nicht angewachsen sind.

Wenn Niess mal etwas nicht weiß, versucht sie, es so unauffällig wie möglich zu halten, gelegentlich greift auch: die Kunst. Der weiblichen Eiszeitjägerin hat Niess zum Beispiel ein Ohr verpasst, das aussieht, wie das ihres Sohnes. Beim Hals des männlichen Eiszeitjägers hat sie nach „einem alten, faltigen Hals“ gesucht, so erzählte sie das bei ihrem Vortrag in Bonn. Sie zeigte ein Bild des Schauspielers Michael Douglas, da lachte das Publikum natürlich – während der „Express“ mehr einen „Eiszeit-Bruce Willis“ zu erkennen geglaubt hatte.

Der vermisste Mieter

Niess sagt, dass sie die Form und die Proportionen des Kopfes richtig treffen müsse, dann erkenne man in ihren Modellen den Menschen. „Trigger recognition“ nennt sie das, jeder Mensch habe Tausende Gesichter gespeichert, „man muss sie nur hervorkitzeln“. Zum Beispiel mit gekneteten Modellen, so macht Constanze Niess es bevorzugt.

Im Fall der Brandleiche von 2002 lief die Sache so weiter: Niess erstellte das Gesicht, Mund, Zähne, Augen, zudem gab sie dem Modell einen Schnauzbart. Denn der Mann hatte eine Hasenscharte, und weil Niess sich dachte, dass ein etwa 50 Jahre alter Mann ungern jedem seine Hasenscharte zeigt, hat sie ihm einfach einen Schnauzbart verpasst. Eine Zeitung druckte ein Bild, darüber stand: „Kopfmodell soll bei Identifizierung helfen“.

Kurz darauf meldete sich eine wütende Frau. Sie kenne den Mann, sagte die Frau, er lebe in einer ihrer Wohnungen; sie warte seit Monaten auf die Miete.

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